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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Der Willen Glarons


12-12-2001, 18:27
Ein Mann in einer silberglänzenden Rüstung und einem roten Umhang betritt die Bibliothek. Er winkt einen Wärter zu sich und spricht: "Wir Krieger, die wir nach dem alten Kodex leben, möchten Euch ein Buch überreichen, in dem die Geschichte unseres Kodex einst niedergeschrieben wurde." Mit diesen Worten reicht er dem Wärter ein altes verstaubtes Buch. Der Wärter klopft vorsichtig eine Staubschicht vom Einband und öffnet das Buch.

Der Wille Glarons
Eine alte Frau steht auf dem Feld und klopft die Gerste. Sie horcht. Ihre Ohren sind nicht mehr so gut wie damals, als sie noch jung war. In den Gedanken an die Vergangenheit versunken, bemerkte sie nicht, warum sie aufhorchte. Sie hörte die Hufe nicht. Die alte Frau blickte auf. Vor ihr stand ein Mann in schwarzer Rüstung, der auf einem schwarzem Wallach saß. Sein Blick war rot wie das Feuer der Niederhöllen. Trotz seines Helmes meinte die Alte ein Lächeln wahrzunehmen. Sie spürte keinen Schmerz, als das Schwert des Mannes ihren Körper durchbohrte und sie zu Boden ging.
Ein kleiner Junge beobachtete das ganze von der Ferne. Er sah, wie der Dunkle Reiter auf seinem Ross saß, die alte Frau tötete und weiter auf irgendetwas wartete, als wäre nichts geschehen. Sein Gefühl verriet dem Knaben, das der Dunkle nicht wegen der Alten auf das Feld geritten war. Den Blick voller Angst auf den Reiter gerichtet, starrte der Junge über das Feld. Nebel zog auf und bildete eine Spirale um den Dunklen. Kreis um Kreis zog sie sich um den Mann und bedeckte das ganze Feld. Hinter dem Dunklen Reiter tauchte eine Gestalt auf einem toten Pferd und mit einer Trauersense in der Hand auf. Eine Stimme, so finster und ohne Gefühl, ging von dem Dunklen Reiter aus und er sprach zu dem Reiter mit der Sense. „Ich grüße Dich, Namenloser. Wieder einmal werde ich Dein Reich füllen mit einer Seele!“
Der Junge erschrickt. Das laute Wiehern eines Pferdes lässt ihn nach hinten blicken. Da steht er: Ein grauer Hengst mit einem Mann darauf, in einer silberglänzenden Rüstung, einem nicht mehr ganz heilen Umhang in einem tiefen Rot. In einer Hand hält er ein Schild ohne Banner und Wappen, in der anderen sein Schwert. „Um meine Seele in das Reich des Namenlosen zu befördern, musst du mehr machen, Sty’kar, als nur einen Nebel heraufbeschwören.“ „Du“, brüllte Sty’kar, „Du wagst es, Dich hierher zutrauen? Du bist alt, Paladin. Geh und stirb in deinem Bett und hol mir einen Gegner.“ Der Paladin nahm den Helm ab. Der Knabe blickte nach oben und sah einen Mann, der die 60 Sommer schon weit überschritten hatte. In seinen Augen war keine Spur von Angst zu erblicken. Narben zogen tiefe Furchen durch das Gesicht des Mannes. Ohne nach unten zu blicken, wusste er dennoch, das der Junge da ist. Er ließ eine Tasche fallen und sagte leise: „Knabe, nimm dies. Ich werde dieses Feld nicht mehr lebend verlassen. Glaron selbst sagte mir, das, wenn ich dich finde, ich auch mein Ende finde. Knabe, lese die Schriften, die in dieser Tasche sind. Sie enthalten den Schlüssel zu meinem Kodex! Mein Vermächtnis, meine Seele, mein Glauben!“ Kaum das die Worte verklungen waren, stürmte der alte Mann mit erhobenen Schwert gegen Sty’kar, den Dunklen Paladin. Der Junge wollte noch etwas rufen, aber seine Worte gingen im Lärm der aufeinandertreffenden Schwerter unter.
Der Kampf war hart und wurde von dem Fremden, der dem Knaben die merkwürdigen Anweisungen gab, dominiert. Er schien die Oberhand zu haben und hätte den Kampf schon zweimal beenden können, das fiel dem Jungen auf. Er hätte dem Dunklen nur in den Rücken stechen müssen oder, als er gestürzt war, auf den am Boden liegenden einschlagen sollen. Aber der Mann tat dies nicht. Nein, er wartete bis Sty’kar wieder auf den Beinen stand, um weiter mit ihm zu kämpfen. Der Dunkle war nicht so fair. Er hatte es genutzt als er im Vorteil war, und trieb sein Schwert von hinten durch die Brust und den Harnisch. Das Lachen das Sty’kar von sich gab, war wie reinster Schmerz. Sein Lachen verstummte, als er merkte, das sein Gegner noch nicht besiegt war und die Gegend erfüllte wurde von einem Flüstern, das von dem alten Paladin ausging. Genau dieses Flüstern war das Gebet an Glaron. Obwohl der Knabe es noch nie gehört hatte, begann auch er leise zu beten. Der Junge weinte, als er sah, dass Sty’kar sein Schwert wieder und wieder in den alten Mann stieß bis das Gebet des Mannes nicht mehr zu hören war. Stille, nur noch der Knabe war am beten. „Nun ist dieser Lärm vorbei, alter Paladin! Aber? Was ist das?“ Das Gebet des Knaben erfüllte wieder die Luft mit einem Flüstern. Der Knabe, nicht mehr er selber, beseelt durch die Kraft Glarons und dem Geist des Mannes, der nun für einen Moment in ihm ruht, stand mitten auf dem Feld. Mit dreifacher Stimme, seiner eigenen, die des alten Paladins und die von Glaron selbst, sprach der Knabe: „Sty’kar! Du warst einst mein Schüler und ich dein Mentor. Nun bist Du mein Mörder! Sty’kar, ich sagte dir einst, das du mir eines Tages helfen wirst, einen Nachfolger zu finden, der den Kodex weiter tragen wird. Nun, das hast du hiermit getan!“
„NEIN !“ brüllte Sty’kar.
Und über die Anhöhe kamen Hunderte Reiter, mit weißem Schein um sich. Sie näherten sich mit gleichmäßigem Schritt dem Leichnam. Die Reiter trugen die gleichen Gewänder wie der alte Mann. Der Knabe kam wieder zu sich und sah den Recken vor sich stehen, zusammen mit der Armee der Gefallen. Sty’kar war nicht mehr zu sehen.
„Nun, Knabe, werde ich mich meinen Kameraden anschließen und auf dich warten. Denn wir sind das Heer Glarons, das darauf wartet, in die gerechte Schlacht zu ziehen. Ich werde auf dich warten. Denn du wirst es sein, der unser Wort auf dieser Welt verbreitet. Du wirst den Mann finden, der uns wieder stark macht. Er wird den Kodex wieder finden und aufleben lassen. Und denke daran Knabe: Jeder kann dein Freund sein, jeder kann dein Gefährte sein und jeder kann Glaron dienen, egal ob er Paladin ist oder nicht. Denke daran, denn es ist der Kodex der wahrhaft zählt....“
Der Knabe konnte nichts anderes tun, außer mit dem Kopf zu nicken. Er fiel in einen langen Schlaf, aus dem er erst am nächsten Tag erwachte. Zuerst dachte er, er hätte geträumt, aber als er die Schriftrollen und den Leichnam sah, wusste er, dass er nicht geträumt hatte. Der Junge ging 100 Schritt und blieb in der Nähe der Küste stehen. Er blickte hinaus auf das Meer und sah eine Insel. Er wusste, das dort ein Grab für den alten Paladin entstehen muss.
Jahre vergingen ins Land. Der Knabe wurde älter und älter. Und mit dem Alter gerieten auch die Worte des alten Paladin langsam in Vergessenheit. Bis ihn eines Tages die Kunde erreichte, dass sich eine Gruppe Krieger zusammengetan hat, um den Glauben Glarons zu verbreiten. Da erinnerte er sich wieder an Vergangenes und suchte nach dem Versteck, wo er die ganzen Jahre über die Schriftrollen aufbewahrte. Als er sie endlich wiederfand und die Worte las, die darauf geschrieben standen, wehte ein leichter Wind durch das Zimmer. Und plötzlich stand sie vor ihm. Eine Frau, eine Kriegerin, eine Walküre. Umgeben von einem hellen Licht. „Ich werde ihn finden und ihm den Weg weisen.“ So plötzlich wie sie erschienen war, verschwand sie auch wieder. Und mit ihr der Wind, der durch das Zimmer wehte...

An dieser Stelle endet das Buch. Der Wärter sieht das ein paar Seiten herausgetrennt wurden. Er schaut sich um und sucht nach dem Mann der es ihm gegeben hat, aber dieser war schon verschwunden. Ohne weiter darüber nachzudenken, nimmt der Wärter das Buch und steckt es in eine freie Lücke zwischen den anderen Büchern mit Geschichten und Erzählungen.