Gwendolyn Rikor
16-04-2002, 19:30
I. Die alte Heimat
Laut krachend fuhr ein grell zuckender Blitz in die große Eiche am Dorfrand. Begleitet von lautem Donnerschlag steckte er den Baum in Brand. Auch der niederprasselnde Regen vermochte die Flammen nicht zu löschen. Inmitten dieses Unwetters brachte eine Frau mittleren Alters in ihrer armseligen kleinen Hütte ihre Tochter zur Welt. Niemand außer der Heilerin, die ihr half, das Kind zu gebären, war bei ihr. Geschwächt und doch glücklich, und doch innerlich voller Sorge wiegt die Mutter das Kind in ihrem Arm.
„Du sollst den Namen Gwendolyn tragen, und von heute an soll er dich so lange begleiten, bis die Götter dich zu sich rufen“ sprach die Mutter leise. Die Heilerin notierte den Namen auf ein Pergament, um die Geburt dem Fürsten zu melden, der das Land regierte.
2 Tage später waren Reia und ihre Tochter dann wieder allein. Die Mutter ging früh wieder ihrer „Arbeit“ nach – mußte sie doch für das Kind sorgen. Doch eben dieser Umstand, dass sie das Kind auf dem Arme mit sich trug, machte es Reia um einiges leichter: Die Leute waren voller Mitleid für das Kind und somit eher bereit, der bettelnden Frau ein paar Goldstücke oder etwas zu Essen abzutreten. Und somit war das erste, was Gwen lernte, das Betteln und ab und an auch etwas Stehlen um zu überleben. Eine große Zukunft sah die Mutter für sie nicht. Mit dem Bißchen, das sie hatten, konnte sie es sich einfach nicht leisten, ihre Tochter in einen besseren Stand zu erheben, denn für eine Aussteuer hatten sie einfach nichts. Und Gwen, die von der Sorge der Mutter nichts wußte und nichts ahnte, bettelte sich an der Seite ihrer Mutter durch ihre Kindheit.
Doch ganz verloren war Gwen nicht. Der Dorfpriester, der Mitleid mit dem Mädchen hatte, wollte sie zu sich nehmen, doch weder Gwen noch Reia waren dazu bereit. Und doch brachte ihr der Priester das Lesen und Schreiben bei, und Gwen war ihm sehr dankbar dafür.
Und als Gwen heranreifte, wurde aus ihr eine schöne junge Frau, und viele eines jeden Standes blickten sich zu ihr um, doch niemand konnte es sich wirklich erlauben, sie von der Straße zu holen. Es störte sie nicht wirklich, auch wenn sie oftmals von einem besseren Leben träumte. Es hatte den Anschein, als ob sich für Gwen nie etwas ändern würde, und weder Gwen noch Reia wollten es anders. Sie hatten nicht viel, doch sie hatten einander und schlugen sich durchs Leben.
II. Raikon
Als Gwen ihren zwölften Sommer erreichte (nicht, dass sie den Geburtstag wirklich gefeiert hätten) passierte jedoch etwas unvorhergesehenes: Die Pest strich durch das Land, und noch bevor sie beschlossen hatten, wohin sie sich wenden sollten, erkrankte Reia und erlag ihr sehr schnell. Gwen wußte nicht ein noch aus, und so begann sie einfach zu laufen. Sie packte ein paar Dinge zusammen und ging aus dem Dorf, querfeldein durch den nahen Wald. Sie suchte im Wald nach Beeren und Früchten, während sie ihr Weg weiter nach Westen führte und sie in der Abgeschiedenheit des Waldes ihrer Trauer freien Lauf lassen konnte.
Viele Tage später (Gwen hatte sie nicht gezählt), stand sie am Rand einer großen Stadt: Nurida, die Hauptstadt des Fürstentums Medoria. Vor dem Tor stehend beäugte sie die Menschenmenge, die ein- und ausging, und wußte nicht so recht, was sie tun sollte. Doch plötzlich wurde sie von der Seite angesprochen:
„Gruß Mädchen, was suchst du?“ fragte sie ein Mann in lederner Rüstung und einem großen Bogen auf dem Rücken. Gwen wußte nicht so recht was sie sagen sollte:
„Ich weiß nicht so recht, ich kam gerade an und wollte mir zunächst die Stadt anschauen und dann entscheiden, was ich letztendlich tue“ sagte sie leicht zögernd.
Der Mann lachte amüsiert. „Du wirst unter diesem Vorwand nicht in die Stadt hineingelangen, die Torwache wird dich nicht durchlassen.“ sagte der Mann ruhig. „Doch du hast Glück, ich könnte dich mitnehmen und dir die Stadt zeigen. Doch erlaube mir, mich vorzustellen: Ich bin Raikon, Ausbilder der Schützen der Armee zu Medoria. Und wie darf ich dich nennen?“
Gwen schaute zu dem Mann auf. „Gwendolyn heiße ich“, sagte sie leise, „Gwendolyn Rikor.“
Raikon lächelte sie an: „Nun denn Gwendolyn Rikor, willst du mit mir in die Stadt kommen und sie dir ansehen?“
Sie nickte stumm und ihre eisblauen Augen leuchteten ihn an. Und so nahm Raikon Gwendolyn mit in die Stadt hinein und führte sie herum. Er zeigte ihr all die Wunder (zumindest für Gwendolyn waren es welche) und erläuterte ihr die Geschichte der Stadt. Gwendolyn schaute mit großen Augen auf alles, was er zeigte und noch mehr, fragte ihn nach Details wie kleinen Statuen auf den steinernen Häusern, nach den Bildern, die die Fassaden der Tempel zierten und noch viel mehr. Raikon erklärte bereitwillig alles und schmunzelte leicht dabei. Innerlich war er zufrieden, denn er wußte dass er genau den richtigen Anwärter für einen neuen Schützen gefunden hatte, denn worauf sie oftmals zeigte, waren Kleinigkeiten, Details, die für den Durchschnittsmenschen eigentlich schon fast unsichtbar oder gar nicht erst erkennbar waren.
Raikon beschloß, sie zu seiner Schülerin zu machen, und Gwen willigte ein, als er es anbot. Somit begann Gwens Ausbildung zu einer jungen Soldatin, aber auch andere Talente vergaß er nicht zu schulen. Er brachte ihr Umgangsformen und Gehorsam, Verantwortung und Umsicht bei, und alles nur, damit er für seine geheimen Pläne ein präzises Werkzeug erschaffen konnte, auf das er sich verlassen zu können hoffte.
Die Jahre gingen ins Land, Gwen wurde eine gute Schützin und leistete ihren Dienst mit Freude, denn es bereitete ihr Freude, gegen das Unrecht und die Unterwelt Medorias zu kämpfen. Raikon wurde zum Hauptmann der Armee und somit zum Befehlshaber über die Schützen der Stadt, zu denen auch Gwen zählte.
Als Gwens achtzehnter Sommer nahte, rief Raikon sie zu sich und weihte sie in seine Machenschaften ein, den Fürsten umbringen zu wollen, weil er doch so grausam sei, und sie ihm dabei helfen solle, damit er sich als gütiger Herrscher auf den Thron setzen konnte. Das gefiel Gwen überhaupt nicht, und sie erläuterte Raikon, dass der Fürst zwar nicht immer sehr gütig, aber ein gerechter und guter Herrscher sei, und dass sie keinesfalls daran beteiligt werden wolle, einen Menschen aufgrund solch niederträchtiger Absichten zu töten.
Raikon gefiel das noch weniger und er gab ihr 3 Tage Bedenkzeit, die Gwen damit füllte, fast pausenlos mit dem Bogen zu üben, zumal sie genau wußte, was ihr blühte, wenn sie trotz allem ablehnen würde. Raikon behielt sie genau im Auge und beobachtete mit Freude ihr tun, denn er war sich sicher, dass ihr Tun einer Zustimmung gleichkäme. Und zum zweiten mal hatte er sich in Gwen getäuscht.
Die Frist war abgelaufen, und Raikon ging zu ihr hin und unterbrach ihr Training.
„Wie ich sehe hast du dich entschieden mir doch zu helfen?“ höhnte er.
„Mitnichten, Raikon. Du wirst mich nicht dazu zwingen können, genausowenig wie du mich hier noch halten kannst. Meine Sachen sind gepackt, ich gehe sofort!“ Sie wandte sich ab und ging zu den Unterkünften um ihre Sachen zu holen.
Raikon unterdessen versperrte zusammen mit den Wachen das Tor der Kaserne, und erwartete ihr Auftauchen. Was er jedoch nicht wußte war, dass Gwen die Wachen bereits „überredet“ hatte, sie unbehelligt ziehen zu lassen, was auch passieren würde. Und so ging Gwen festen Schrittes auf das Tor zu, erblickte Raikon und hatte noch bevor Raikon es richtig bemerkt hatte ihren Bogen in der Hand und einen Pfeil auf der Sehne. Sie ging langsam auf Raikon zu, der ebenfalls seinen Bogen schußbereit in der Hand hatte.
„Ich sage es dir nur einmal, Raikon: Laß mich gehen. Ich werde weder dich noch deine Machenschaften an irgend jemanden weitergeben, aber laß mich an einen Ort gehen, wo Ehre noch in den Herzen der Menschen wohnt.“ Sprach Gwen ruhig und blickte ihn mit ihrem eisblauen Blick an.
„Nein Gwen, du wirst nicht gehen. Ich entlasse dich nicht aus den Diensten, und wenn du jetzt gehen würdest, dann wärst du Freiwild für jeden Kopfgeldjäger der deinen Weg kreuzen wird. Aber soweit lasse ich es nicht kommen: Ich erledige dich lieber glei... AAAAH!“ Getroffen in der Schulter von einem Pfeil ließ er den Bogen fallen, und Gwen hatte bereits wieder einen neuen Pfeil aufgelegt.
Finster und voller Haß und Abscheu blickte sie auf ihn, ließ den Pfeil schwirren und er flog knapp neben seinem Ohr vorbei und blieb im Tor stecken. Dann stapfte sie auf ihn zu, doch Raikon wich nicht. Erst als sie ihm gegenüber stand zischte er:
„Für dieses mal magst du gewonnen haben, doch weit wirst du nicht kommen, Gwen. Du hast deinen Sold für die Schmiere an die Wachen ausgeben müssen, hast dir deine Freiheit teuer erkauft. Ich finde dich, egal wohin du dich auch wenden magst. Und dann töte ich dich, das schwöre ich bei deinem Pfeil in meiner Schulter!“
„Ich wiederhole mich nicht, Raikon. Und folge mir nicht. Wenn ich das nächste mal einen Pfeil auf dein Haupt abfeuere, verfehle ich nicht!“ ,sagte sie kalt, drängte sich an ihm vorbei, löste in aller Ruhe den Pfeil aus dem Torflügel und öffnete ihn. Dann sah sie noch einmal über die Schulter, und erblickte Raikon der aschfahl dastand. „Ja Raikon, ich habe verfehlt. Zweimal sogar. Du hast Glück gehabt...“, sprach sie langsam. Dann ging sie durch das Tor zum Stall um ihren treuen Freund Sigul zu holen, stieg anmutig in den Sattel und sprengte in Richtung Westen davon...
Laut krachend fuhr ein grell zuckender Blitz in die große Eiche am Dorfrand. Begleitet von lautem Donnerschlag steckte er den Baum in Brand. Auch der niederprasselnde Regen vermochte die Flammen nicht zu löschen. Inmitten dieses Unwetters brachte eine Frau mittleren Alters in ihrer armseligen kleinen Hütte ihre Tochter zur Welt. Niemand außer der Heilerin, die ihr half, das Kind zu gebären, war bei ihr. Geschwächt und doch glücklich, und doch innerlich voller Sorge wiegt die Mutter das Kind in ihrem Arm.
„Du sollst den Namen Gwendolyn tragen, und von heute an soll er dich so lange begleiten, bis die Götter dich zu sich rufen“ sprach die Mutter leise. Die Heilerin notierte den Namen auf ein Pergament, um die Geburt dem Fürsten zu melden, der das Land regierte.
2 Tage später waren Reia und ihre Tochter dann wieder allein. Die Mutter ging früh wieder ihrer „Arbeit“ nach – mußte sie doch für das Kind sorgen. Doch eben dieser Umstand, dass sie das Kind auf dem Arme mit sich trug, machte es Reia um einiges leichter: Die Leute waren voller Mitleid für das Kind und somit eher bereit, der bettelnden Frau ein paar Goldstücke oder etwas zu Essen abzutreten. Und somit war das erste, was Gwen lernte, das Betteln und ab und an auch etwas Stehlen um zu überleben. Eine große Zukunft sah die Mutter für sie nicht. Mit dem Bißchen, das sie hatten, konnte sie es sich einfach nicht leisten, ihre Tochter in einen besseren Stand zu erheben, denn für eine Aussteuer hatten sie einfach nichts. Und Gwen, die von der Sorge der Mutter nichts wußte und nichts ahnte, bettelte sich an der Seite ihrer Mutter durch ihre Kindheit.
Doch ganz verloren war Gwen nicht. Der Dorfpriester, der Mitleid mit dem Mädchen hatte, wollte sie zu sich nehmen, doch weder Gwen noch Reia waren dazu bereit. Und doch brachte ihr der Priester das Lesen und Schreiben bei, und Gwen war ihm sehr dankbar dafür.
Und als Gwen heranreifte, wurde aus ihr eine schöne junge Frau, und viele eines jeden Standes blickten sich zu ihr um, doch niemand konnte es sich wirklich erlauben, sie von der Straße zu holen. Es störte sie nicht wirklich, auch wenn sie oftmals von einem besseren Leben träumte. Es hatte den Anschein, als ob sich für Gwen nie etwas ändern würde, und weder Gwen noch Reia wollten es anders. Sie hatten nicht viel, doch sie hatten einander und schlugen sich durchs Leben.
II. Raikon
Als Gwen ihren zwölften Sommer erreichte (nicht, dass sie den Geburtstag wirklich gefeiert hätten) passierte jedoch etwas unvorhergesehenes: Die Pest strich durch das Land, und noch bevor sie beschlossen hatten, wohin sie sich wenden sollten, erkrankte Reia und erlag ihr sehr schnell. Gwen wußte nicht ein noch aus, und so begann sie einfach zu laufen. Sie packte ein paar Dinge zusammen und ging aus dem Dorf, querfeldein durch den nahen Wald. Sie suchte im Wald nach Beeren und Früchten, während sie ihr Weg weiter nach Westen führte und sie in der Abgeschiedenheit des Waldes ihrer Trauer freien Lauf lassen konnte.
Viele Tage später (Gwen hatte sie nicht gezählt), stand sie am Rand einer großen Stadt: Nurida, die Hauptstadt des Fürstentums Medoria. Vor dem Tor stehend beäugte sie die Menschenmenge, die ein- und ausging, und wußte nicht so recht, was sie tun sollte. Doch plötzlich wurde sie von der Seite angesprochen:
„Gruß Mädchen, was suchst du?“ fragte sie ein Mann in lederner Rüstung und einem großen Bogen auf dem Rücken. Gwen wußte nicht so recht was sie sagen sollte:
„Ich weiß nicht so recht, ich kam gerade an und wollte mir zunächst die Stadt anschauen und dann entscheiden, was ich letztendlich tue“ sagte sie leicht zögernd.
Der Mann lachte amüsiert. „Du wirst unter diesem Vorwand nicht in die Stadt hineingelangen, die Torwache wird dich nicht durchlassen.“ sagte der Mann ruhig. „Doch du hast Glück, ich könnte dich mitnehmen und dir die Stadt zeigen. Doch erlaube mir, mich vorzustellen: Ich bin Raikon, Ausbilder der Schützen der Armee zu Medoria. Und wie darf ich dich nennen?“
Gwen schaute zu dem Mann auf. „Gwendolyn heiße ich“, sagte sie leise, „Gwendolyn Rikor.“
Raikon lächelte sie an: „Nun denn Gwendolyn Rikor, willst du mit mir in die Stadt kommen und sie dir ansehen?“
Sie nickte stumm und ihre eisblauen Augen leuchteten ihn an. Und so nahm Raikon Gwendolyn mit in die Stadt hinein und führte sie herum. Er zeigte ihr all die Wunder (zumindest für Gwendolyn waren es welche) und erläuterte ihr die Geschichte der Stadt. Gwendolyn schaute mit großen Augen auf alles, was er zeigte und noch mehr, fragte ihn nach Details wie kleinen Statuen auf den steinernen Häusern, nach den Bildern, die die Fassaden der Tempel zierten und noch viel mehr. Raikon erklärte bereitwillig alles und schmunzelte leicht dabei. Innerlich war er zufrieden, denn er wußte dass er genau den richtigen Anwärter für einen neuen Schützen gefunden hatte, denn worauf sie oftmals zeigte, waren Kleinigkeiten, Details, die für den Durchschnittsmenschen eigentlich schon fast unsichtbar oder gar nicht erst erkennbar waren.
Raikon beschloß, sie zu seiner Schülerin zu machen, und Gwen willigte ein, als er es anbot. Somit begann Gwens Ausbildung zu einer jungen Soldatin, aber auch andere Talente vergaß er nicht zu schulen. Er brachte ihr Umgangsformen und Gehorsam, Verantwortung und Umsicht bei, und alles nur, damit er für seine geheimen Pläne ein präzises Werkzeug erschaffen konnte, auf das er sich verlassen zu können hoffte.
Die Jahre gingen ins Land, Gwen wurde eine gute Schützin und leistete ihren Dienst mit Freude, denn es bereitete ihr Freude, gegen das Unrecht und die Unterwelt Medorias zu kämpfen. Raikon wurde zum Hauptmann der Armee und somit zum Befehlshaber über die Schützen der Stadt, zu denen auch Gwen zählte.
Als Gwens achtzehnter Sommer nahte, rief Raikon sie zu sich und weihte sie in seine Machenschaften ein, den Fürsten umbringen zu wollen, weil er doch so grausam sei, und sie ihm dabei helfen solle, damit er sich als gütiger Herrscher auf den Thron setzen konnte. Das gefiel Gwen überhaupt nicht, und sie erläuterte Raikon, dass der Fürst zwar nicht immer sehr gütig, aber ein gerechter und guter Herrscher sei, und dass sie keinesfalls daran beteiligt werden wolle, einen Menschen aufgrund solch niederträchtiger Absichten zu töten.
Raikon gefiel das noch weniger und er gab ihr 3 Tage Bedenkzeit, die Gwen damit füllte, fast pausenlos mit dem Bogen zu üben, zumal sie genau wußte, was ihr blühte, wenn sie trotz allem ablehnen würde. Raikon behielt sie genau im Auge und beobachtete mit Freude ihr tun, denn er war sich sicher, dass ihr Tun einer Zustimmung gleichkäme. Und zum zweiten mal hatte er sich in Gwen getäuscht.
Die Frist war abgelaufen, und Raikon ging zu ihr hin und unterbrach ihr Training.
„Wie ich sehe hast du dich entschieden mir doch zu helfen?“ höhnte er.
„Mitnichten, Raikon. Du wirst mich nicht dazu zwingen können, genausowenig wie du mich hier noch halten kannst. Meine Sachen sind gepackt, ich gehe sofort!“ Sie wandte sich ab und ging zu den Unterkünften um ihre Sachen zu holen.
Raikon unterdessen versperrte zusammen mit den Wachen das Tor der Kaserne, und erwartete ihr Auftauchen. Was er jedoch nicht wußte war, dass Gwen die Wachen bereits „überredet“ hatte, sie unbehelligt ziehen zu lassen, was auch passieren würde. Und so ging Gwen festen Schrittes auf das Tor zu, erblickte Raikon und hatte noch bevor Raikon es richtig bemerkt hatte ihren Bogen in der Hand und einen Pfeil auf der Sehne. Sie ging langsam auf Raikon zu, der ebenfalls seinen Bogen schußbereit in der Hand hatte.
„Ich sage es dir nur einmal, Raikon: Laß mich gehen. Ich werde weder dich noch deine Machenschaften an irgend jemanden weitergeben, aber laß mich an einen Ort gehen, wo Ehre noch in den Herzen der Menschen wohnt.“ Sprach Gwen ruhig und blickte ihn mit ihrem eisblauen Blick an.
„Nein Gwen, du wirst nicht gehen. Ich entlasse dich nicht aus den Diensten, und wenn du jetzt gehen würdest, dann wärst du Freiwild für jeden Kopfgeldjäger der deinen Weg kreuzen wird. Aber soweit lasse ich es nicht kommen: Ich erledige dich lieber glei... AAAAH!“ Getroffen in der Schulter von einem Pfeil ließ er den Bogen fallen, und Gwen hatte bereits wieder einen neuen Pfeil aufgelegt.
Finster und voller Haß und Abscheu blickte sie auf ihn, ließ den Pfeil schwirren und er flog knapp neben seinem Ohr vorbei und blieb im Tor stecken. Dann stapfte sie auf ihn zu, doch Raikon wich nicht. Erst als sie ihm gegenüber stand zischte er:
„Für dieses mal magst du gewonnen haben, doch weit wirst du nicht kommen, Gwen. Du hast deinen Sold für die Schmiere an die Wachen ausgeben müssen, hast dir deine Freiheit teuer erkauft. Ich finde dich, egal wohin du dich auch wenden magst. Und dann töte ich dich, das schwöre ich bei deinem Pfeil in meiner Schulter!“
„Ich wiederhole mich nicht, Raikon. Und folge mir nicht. Wenn ich das nächste mal einen Pfeil auf dein Haupt abfeuere, verfehle ich nicht!“ ,sagte sie kalt, drängte sich an ihm vorbei, löste in aller Ruhe den Pfeil aus dem Torflügel und öffnete ihn. Dann sah sie noch einmal über die Schulter, und erblickte Raikon der aschfahl dastand. „Ja Raikon, ich habe verfehlt. Zweimal sogar. Du hast Glück gehabt...“, sprach sie langsam. Dann ging sie durch das Tor zum Stall um ihren treuen Freund Sigul zu holen, stieg anmutig in den Sattel und sprengte in Richtung Westen davon...