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Netarmas
18-04-2002, 18:40
Ilrael Sh’alok
Langsam und ohne einen Laut zu verursachen schritt Ilrael den Korridor hinab. Ihr Piwafwi wie auch ihr langes, schneeweißes Haar wehten leicht im Luftzug. Die weichen Stiefel verursachten auf dem spiegelnden Boden aus schwarzem Marmor nicht das geringste Geräusch. Ilrael verlangsamte ihre Schritte. Sie hatte ihr Ziel erreicht – die Kammer der Yathtallar lag direkt vor ihr. Es war alles bis ins kleinste Detail geplant. Sie musste kurz innerlich lächeln – die Wachen waren vor gerade einer Minute auf einen Spion aufmerksam geworden und verfolgten diesen. Ilrael fuhr mit ihren schlanken Fingern den Türrahmen entlang und entschärfte geschickt eine Falle nach der anderen. Die Abwehrglyphen setzte sie vorübergehend mit einem Zauber ausser Kraft, steckte dann den nachgemachten Schlüssel ins Schloss und entriegelte die Tür. Schnell, aber ohne Hast betrat sie den Raum. Sie hatte noch genau zwei Minuten, um ihre Zauber zu wirken und ein geeignetes Versteck zu finden. Schnell erschuf sie eine täuschend echt wirkende Illusion eines Dunkelelfenkriegers und dirigierte diese hinter den Vorhang, der die Kammer abteilte. Ilrael selbst stellte sich in eine Nische gegenüber des Vorhangs und wirkte einige Zauber auf sich selbst – einen, um sich den normalen Blicken zu entziehen, einen um der Dunkelelfischen Wärmesicht zu entgehen und einen letzten, um keinen einzigen Laut mehr zu verursachen. Seelenruhig zog sie den magischen Dolch aus ihrem Ärmel und betrachtete die Klinge. Ein seltsamer bläulicher Schimmer ließ darauf schließen, dass die unscheinbare Waffe eine mächtige Verzauberung in sich trug. Das Velve war extra von einem hochrangigen Faern angefertigt worden und hatte nur einen Zweck: durch Schutzzauber zu schneiden, als seien sie niemals gezaubert worden. Ilrael zählte die Sekunden herunter... vier... drei... leise Schritte waren vor der Tür zu hören... zwei... die Fallen wurden von flinken Händen entschärft... eins... die Tür öffnete sich leise und die Yathtallar, die Hohepriesterin betrat den Raum. Plötzlich hielt sie inne – jeder Dunkelelf hat einen sechsten Sinn, der ihn vor den Alltäglichen gefahren warnte. Ilrael wusste das und hatte auch dies miteingeplant. Dennoch wagte sie nicht, sich zu bewegen – die Yathtallar war nicht irgendeine Yathrin, sie war die höchste Priesterin des dunklen Volkes und hatte bereits unzählige Attentate überlebt. „Doch nie ist sie gegen mich angetreten!“ dachte Ilrael hämlisch. Die Augen der Yathtallar musterten den Raum Fuß für Fuß. Mit leisen Worten wirkte die Hohepriesterin einige Schutzzauber auf sich selbst. Ilrael musste innerlich lächeln... wie gut sie die Methoden der Yathtallar doch kannte... als nächstes würde sie ihr Augen gleich auf den Infraroten Sichtbereich einstellen. Die Augen der Hohepriesterin funkelten rot auf und konnten nun den Umgebungswärme wahrnehmen. Sie suchte nun abermals den Raum ab – ihr Blick blieb an dem Vorhang hängen. Ilrael lobte sich selbst für ihre perfekte Illusion.. diese strahlte sogar Wärme aus. Die Hohepriesterin zückte eine kleine Klinge, einen geschwungenen Dolch, dessen Griff die Form einer Spinne hatte und schlich auf den Vorhang zu. Sie wusste nicht, dass sie dadurch Ilrael den Rücken zuwandte. Diese wusste, dass ihre einzige Chance gekommen war: sie hob ihr Velve über den Kopf und trat einen Schritt vor. Dann noch einen und einen dritten. Dann stieß sie zu. Die magische Waffe drang durch die Schutzzauber, als wären sie nicht vorhanden und traf mit unübertroffener Präzision das Herz der Hohepriesterin. Ein kurzes Röcheln und der Körper stürzte leblos zu Boden. Wie oft hatte Ilrael diese Szene schon erlebt. Doch diesmal war es etwas besonderes – die Yathtallar, ihre größte Konkurrentin lag nun tot zu ihren Füßen! Dennoch kam es ihr mit jedem male leichter vor. Die schlanke Dunkelelfe kniete sich hin, um ihr Werk genauer zu betrachten. Sie hatte, wie jedes mal, gute Arbeit geleistet: die ehemalige Yathtallar gab keine Lebenszeichen mehr von sich. Ohne Hast säuberte sie ihr Velve an der Kleidung der Toten und steckte die schmale Klinge dann zurück in ihren Ärmel. Mit schnellen Bewegungen durchsuchte sie die Hohepriesterin und tastete das prächtige Gewand auf Geheimtaschen ab. Nach wenigen Handgriffen fand sie das Gesuchte: das Haussymbol der Yathtallar! Neugierig wiegte sie es in der Hand. Wie unscheinbar es doch war... und dennoch schlummerte eine mächtige Verzauberung darin. Ilrael steckte das Amulett weg und besann sich wieder auf ihre Aufgabe. Sie stand auf und nahm einige magische Runen aus ihrem Beutel. Diese legte sie vorsichtig in einem exakten Pentagramm um den Körper der Yathtallar. Dann begann sie den Zauber zu weben. Mit der Kraft ihres Geistes, verstärkt durch die Macht Lloths trennte sie die noch immer bestehende Verbindung zwischen dem Körper der Seele der Yathtallar - dies würde eine Wiederbelebung unmöglich machen! Erschöpft von dem aufwändigen Ritual sammelte die Dunkelelfe die Runen wieder ein und verwischte alle Spuren, so gut sie es konnte. Ilrael nahm eine weiter, andersartige Rune aus ihrer Gürteltasche und sammelte ihre verbliebenen Kräfte für einen letzten Zauber. Nachdem sie die magischen Worte ausgesprochen hatte befand sie sich augenblicklich in ihrem Gemach. Doch nun hatte sie noch eine wichtige Aufgabe zu erfüllen. Sie öffnete die Tür zum Korridor und schlüpfte hinaus. Zielsicher schritt sie durch das Gebäude, immer darauf bedacht, sich ihre Erschöpfung nicht anmerken zu lassen. Ungehindert erreichte sie das riesige verzierte Portal - der Eingang zum Thronsaal der ehrwürdigen Mutter Oberin lag nun vor ihr. Sie nickte der Wache zu und trat ohne ein Wort zu verlieren ein. Die Ilharess bot, wie jedes mal, wenn Ilrael sie erblickte, einen beeindruckenden Anblick: sie saß unbewegt auf ihrem Thron aus schwarzem Marmor, gekleidet in kostbarer Seide in der Farbe der Nacht. Sie blickte die eintretende Dunkelelfe durchdringend an. Schnell senkte Ilrael ihren Blick und verbeugte sich kurz. „Vendui’, ehrwürdige Ilharess!“ begann die Yathrin, ohne ihren Blick zu heben. „Habt ihr etwas wichtiges zu sagen oder verschwendet ihr nur meine Zeit, Tochter?“ antwortete die Ilharess barsch. „Xas, es gibt etwas, das ich euch berichten wollte. Es ist sehr wichtig!“ „Sprecht frei heraus, Tochter! Ich werde euren Worten lauschen und dann entscheiden, ob es wichtig war oder nicht!“ erwiderte die Mutter Oberin. Ilrael begann ihre zurecht gelegte Erklärung. „Die Yathtallar - sie ist Tot. Sie wurde eben in ihrem Gemach aufgefunden...“ „So, die ehrwürdige Yathtallar existiert also nicht mehr?“ die Ilharess lächelte wissend und fuhr dann fort: „Hat es euch Spaß gemacht, sie zu beseitigen?“ Ilrael zuckte unwillkürlich zusammen... sie wusste es also. ‚Nun, die Mutter Oberin zu Täuschen ist wohl doch noch etwas schwerer als eine Yathrin zu beseitigen’ dachte die Priesterin ungerührt. Ohne auf eine Antwort zu warten fuhr die Ilharess fort: „Ich hoffe, ihr enttäuscht mich nicht ebenso schnell, YATHTALLAR!“ Ilrael zog nur eine Augenbraue hoch und erwiderte nichts. Sie hatte damit gerechnet, dass die Ilharess so reagieren würde - sie hatte nur nicht damit gerechnet, dass die Ilharess SO SCHNELL reagieren würde. Ilrael nickte und verließ den Raum. Sie steuerte auf ihr Gemach zu und öffnete die Tür - für Beobachter würde es so aussehen, als seien dort keine Fallen angebracht. Doch niemand würde davon Notiz nehmen, dass die neue Yathtallar sofort nach dem Betreten des Zimmers im links in einem Schatten neben der Tür verschwand. Ilrael hatte das dieses magische Portal von einem Faern anfertigen lassen, der für kurze Zeit ihr Vertrauen genoss... und danach einen schnellen Tod starb. Ilraels magische Kammer lag einige Geschosse Tiefer in einem von außen nicht Zugänglichen Raum. Sie legte ihre Sachen ab und fiel erschöpft in das spartanische Bett. Dieser Tag war aufregend und zugleich ermüdend gewesen wie kein anderer in Ilraels Leben zuvor. In diesem Moment zog ihre ganze Vergangenheit in Gedanken an ihr vorbei: Sie erinnerte sich an das Gesicht ihrer Mutter, eine der vielen Töchter der Ilharess. Sie erinnerte sich an all die Jahre, die sie in der Schule der Priesterinnen zugebracht hatte - all die Bücher die sie studiert und all die Verse die sie gebetet hatte zogen an ihr vorüber. Sie erinnerte sich auch an die Zeit kurz nachdem sie ihre Ausbildung abgeschlossen hatte. Damals, vor vielen Jahren, hatte sie ihre erste Leibwache zugeteilt bekommen. Dinin war sein Name und Sargtlin seine Berufung. Ilrael verzog das Gesicht bei dieser Erinnerung. Sie war so töricht gewesen und hatte sich mit diesem verlogenen Männchen eingelassen... daraufhin hatten sie beide eine grausame Folterung über sich ergehen lassen müssen, die nur Ilrael alleine überlebte. Mit schrecken erinnerte sie sich an die vielen schmerzhaften Schläge der Tentakelrute, die sich in ihren Rücken gebissen hatten. Die ewige Dunkelheit war ihr damals näher als sie vermutete, doch sie hatte überlebt! Lange Jahre brauchte sie, um sich von den Verletzungen zu erholen, doch diese Zeit nutzte sie um zu beten und zu lernen. Nach und nach erlangte sie die Gunst Lloths zurück und wurde zu einer angesehenen Priestern. Doch dies nur aufgrund der Tatsache, da jede der anderen Yathrin wusste, dass Ilrael eine ebenso gute Meuchelmörderin war wie sie Yathrin war. Mit Freuden erinnerte sich die Yathtallar an all die Konkurrentinnen, die sie bereits um ihr Leben gebracht hatte. Doch nun.. nun war sie die Yathtallar, die Höchste Yathrin des dunklen Volkes! Mit dem Gedanken, am morgigen Tage ihr neues Amt anzutreten schlief sie ruhig ein...