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Vadrak Larthay
30-04-2002, 15:13
Vadrak Larthay, Paladin des Glaron und Großmeister des Templerordens saß in der Stube der Marlentis und blickte Melina triumphierend an: „Der Schwarze kann Euch nur mit leeren Worten drohen, doch kann er Euch nicht nehmen, was Ihr ihm nicht freiwillig überlasst. Sadis Seele ist sicher, denn sie gehört doch längst Euch, Mel!“ Er sah Sadinon forschend in die Augen: „Es stimmt doch, Ihr liebt Mel doch über alles, nicht wahr, Sadi?“ Sadinon nickte und warf Melina einen liebevollen Blick zu. „Wenn man jemanden sehr liebt, dann schenkt man ihm seine Seele, bewusst oder unbewusst,“ hörte Vadrak sich selbst sagen, als ihn die Erkenntnis, WAS er dort sagte, wie ein Keulenhieb traf. Die Freude der Marlentis nahm er nur noch von fern wie durch einen Nebel wahr. Er hörte Mels Stimme fragen, was mit ihm sei und antwortete benommen: „Nichts“. Den ganzen Nachmittag hatte er zuvor an Fianas trostlosem Grab gesessen und für sie gebetet, wie er es oft tat, ohne Hoffnung dabei zu empfinden. Er zwang sich, jetzt diesen Gedankengang zu unterbrechen, und lenkte mit Mühe seine Aufmerksamkeit wieder in die Gegenwart zurück, um sich so schnell wie möglich verabschieden zu können, ohne dabei unhöflich zu wirken.

Kurze Zeit später befand er sich auf dem Weg ins Badehaus. Obwohl es schon dunkel war, waren die Türen noch immer einladend geöffnet und die Diener grüßten ihn freundlich, wie sie es immer taten. Vadrak nahm in Gedanken vertieft sein Handtuch entgegen und gab ebenso mechanisch seine Kleidung zum Säubern ab, mit Ausnahme des Umhangs, den er von Saraphy zurückerhalten hatte, und der ja frisch gewaschen war. Als er den Umhang ordentlich zusammenlegte stieg ihm erneut der frische Duft nach Wiesen und Wäldern in die Nase und erinnerte ihn an einen Abend in seiner Kindheit: An jenem Abend war er, kaum sechsjährig, das erste Mal von zuhause und seinem immer betrunkenen Vater davon gelaufen. Er war einfach aus dem Dorf gerannt, bis er zur Obstwiese des Bauern Cerwin kam. Auch damals war es schon dunkel gewesen, doch war es ein lauer Sommerabend, die Grillen zirpten und der gleiche reine Duft nach Blüten, warmen Gras und Holz erfüllte die Luft. Seelig hatte er sich dort ins trockene Gras fallen lassen und all seine Sorgen für einen kurzen Moment vergessen können. In Gedanken dankte er Saraphy noch einmal für ihre Umsicht und Glaron für die tröstende Erinnerung, dann legte er den Umhang sorgfältig zur Seite, bevor er ins Wasser stieg.

„Wenn man jemanden genug liebt, dann schenkt man ihm seine Seele, bewusst oder unbewusst“. Dieser Satz, mit dem er eigentlich über den Schwarzen hatte triumphieren wollen, hatte sich in eine schmerzhafte Wunde in seinem eigenen Herzen verwandelt. Er dachte zurück an eine andere Nacht, an die Nacht vor der Kapelle: Er hatte Fiana Demut lehren wollen, stattdessen erteilte sie ihm eine Lektion, was mangelnde Selbstbeherrschung anrichten kann. Er erinnerte sich noch ganz genau an ihren verführerischen Duft, an den Geschmack ihrer Lippen und an die samtig weiche Haut ihrer Hüften unter seinen rauhen Händen. Mehr denn je wünschte er sich trotzig, er hätte sich damals nicht im letzten Moment von ihr losgerissen, sondern hätte es zuende gebracht. Es hätte keinen Unterschied gemacht für Glaron. Zornig auf sich selbst tauchte Vadrak unter, um die Erinnerung an jene Nacht ganz von sich abzuwaschen. Er war ein Narr gewesen, dass er geglaubt hatte, die „reine“, die unschuldige Liebe sei harmlos. Fianas Seele würde niemals Frieden finden, solange er, Vadrak, sie nicht freigab, und dabei war es völlig belanglos, dass er seinen Ordenseid nicht gebrochen hatte.

...Und wie verhielt es sich mit seiner eigenen Seele? Dieser beunruhigende Gedanke trieb ihn aus dem Wasser. Ohne darüber nachzudenken, trocknete er sich ab, legte dankend seine gesäuberten Gewänder an, die ihm eine Dienstmagd reichte und gab ihr ein Trinkgeld, so wie er es stets tat. Ganz automatisch lenkten seine Schritte ihn in die Kapelle, wo er niederkniete und Glaron demütig um Vergebung bat. Glaron war gerecht und stets bereit, bei wirklich empfundener Reue dem Sünder zu verzeihen und so würde Er auch ihm, Vadrak, vergeben. Doch dafür musste er Fianas Seele freigeben, sich ganz von ihr lösen, nicht nur in Gedanken und Worten, sondern auch mit dem Herzen, soviel hatte er jetzt verstanden. Und zum ersten Mal zwang er sich, Fiana so zu sehen, wie sie wirklich gewesen war: eine Frau, keine Heilige. Es war mühsam und es schmerzte, doch er begriff langsam, dass sie nicht die immer verfolgte und zum Bösen verführte Unschuld gewesen war, die er in ihr gesehen hatte, sondern eine Frau, die sich stets selbst in den Mittelpunkt stellte und nur sich selbst zum Maßstab aller Dinge nahm, eine Frau, die alle Freiheit der Entscheidung gehabt hatte und die sich letztendlich gegen Glaron gewandt hatte aus eigenem Willen und Entschluss. Nicht sein eigenes mühsam unterdrücktes Verlangen nach ihr war schuld daran, dass sie Glarons Gnade verlor, sondern sie selbst hatte sich aus eigenem Antrieb von Glaron abgewandt und ihr Leben verwirkt. Seine eigene Schuld lag in einem ganz anderen Bereich und hatte letztendlich nur ihm selbst geschadet. Nochmals bat er Glaron inständig um Vergebung für seine Verblendung und Sündhaftigkeit, gleichzeitig fühlte er, wie sich ein tief empfundener Frieden in seiner Seele ausbreitete.