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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Auf dem Weg


Seylarana Ryell
16-06-2002, 14:18
Es schüttete wie aus Eimern. Die Wege waren schlammig und in der Dunkelheit kaum zu erkennen. Der Wind peitschte den Regen, Donner rollte. Ein einsamer Reiter trotzte dem Sturm. Der Kapuzenumhang schwer vor Nässe klebte am Kopf und an der blutroten Rüstung. Ein paar schneeweiße Haarsträhnen hingen aus der Kapuze und klebten der Gestalt in Schulterhöhe am Harnisch.
Sey hob den Kopf. Die Augen leuchteten, erhellt von einem magischen Licht. Sie war schon ein paar Tage unterwegs gewesen, hatte die Armee des Barons von weitem gesehen und machte sich Sorgen um ihre Freunde im Lager. Doch was hätte sie schon anderes tun können, als zu gehen? Hätte sie in ihrer Sturheit bleiben und warten sollen, bis "ES" sich wieder erholt hatte? Nein... der Hass hätte sie nur übermannt, immerhin hatte man sie doppelt hintergangen und belogen. Seys Gedanken hatten seit sie das Lager verlassen hatte friedlichere Bahnen genommen. Sie dachte jetzt oft an die schöne Zeit, als sie gerade nach Britain gekommen war. Die kleine Waldläuferin mit dem unerschütterlichen Glauben an Libanu, die so schnell Freunde an allen Ecken gefunden und sich mit der Zeit an die Stadt gewöhnt hatte. Ihre damalige Naivität hatte sie dort hin gebracht, wo sie jetzt war. Wieder lächelte sie nur. Es war es gar nicht wert daran zu denken. Wichtig war nur, was sie jetzt tun würde, alles andere war zweitrangig.
Sie hatte Khazdur hinter sich gelassen und bewegte sich nun in Richtung Süd-Westen. Sie erinnerte sich nur dunkel daran, woher sie damals gekommen war, aus welcher Richtung. Deshalb würde sie sich ganz auf Roven verlassen. Der Hengst erinnerte sich an den Weg und trug sie zielstrebig nach Hause, in das Tal, in dem sie aufgewachsen war...

Seylarana Ryell
18-06-2002, 23:43
Sie hätte sich nicht darauf einlassen sollen.
Sey schaute mit starrem Blick auf die Mähne ihres Pferdes hinunter. Roven setzte munter einen Huf vor den anderen. Sie hatten viel Zeit verloren, aber Sey hatte sich verpflichtet gefühlt, Keylara ihen Hausschlüssel zu bringen und so war sie den ganzen Weg wieder nach Minoc zurück geritten. Ein schwerwiegender Fehler, wie sie festgestellt hatte. Jarl hatte sie an der Bank erwischt. Sie war mit einem Orkhelm maskiert gewesen, hätte ihn einfach stehen lassen können... doch sie konnte es nicht. Er wollte mit ihr sprechen. Worüber zum Henker nochmal? fragte sie sich und ihn. Es war wieder dasselbe gewesen. Gegenseitige Schuldzuweisungen, Jarl hatte wieder einiges missverstanden und Sey spielte die kühle, unnahbare. Dann hatte er sie tatsächlich drum gebeten, wieder nach Cove zu kommen. Was dachte er sich eigentlich? Wie sollte sie das alles ertragen? Nein! Es genügte. Sie hatte so lange Zeit geschluckt, verzichtet, ausgehalten, jetzt hatte sie einfach einen Punkt erreicht, an dem es reichte. So gern sie ihren Freunden auch geholfen hätte, hier war schluss, sie war jetzt an der Reihe. Sie musste ihr Leben wieder in den Griff bekommen und dazu wollte sie alles Leid hinter sich lassen. Natürlich hatte sie nichts davon preisgegeben, weder äußerlich, noch mündlich, aber als sie Jarl gesehen hatte, war es, als risse ihr etwas das Herz heraus. Sie sah nämlich nicht nur den müden, geschwächten Mann, sondern auch den Herzog, der eine andere im Arm hielt. Der Gedanke war unerträglich, warum begriff er das nicht und bot ihr diesen Reisestein nach Cove an? Sie wollte ja helfen, aber diesmal konnte sie den Preis nicht zahlen, diesmal war es zu viel.
Sie gab Roven die Hacken zu spüren und und setzte ihre Reise fort. Wer wusste, was sie am Ende erwarten würde, zumindest würde es nicht Jarl sein...

Seylarana Ryell
23-06-2002, 17:57
Vogelgezwitscher erfüllte die Luft, es war warm. Ein lauer Wind strich durch die Kronen der Bäume. Friedlich graste ein weißes Pferd auf der Lichtung. Mit ruckartigen Bewegungen seines Kopfes, rupfte das Tier die Grashalme ab und malmte sie dann zufrieden. Ein Stück weiter entfernt lag eine Gestalt schlafend zwischen die Wurzeln einer alten Eiche gekuschelt. Seys Gesicht, das in den letzten Monaten immer bleicher und ausgezehrter geworden war, war rosig und wohlgenährt. Selbst im Schlaf sah man ihr an, dass sie endlich wieder zufrieden war. Eine leichte Brise strich durch ihr Haar und wehte es ihr um die Nase, dass sie mit einem Niesen erwachte. Verschlafen blinzelnd richtete sie sich auf, der Umhang rutschte von ihren bloßen Schultern. Sie beschattete ihre Augen mit der Hand, als sie zum klaren Morgenhimmel aufblickte. Ein paar Schwalben zogen schreiend ihre Kreise dort oben. Sey lächelte. Wie hatte sie das vermisst. Sie stand auf, ihre Nacktheit ignorierend und tat ein paar Schritte über die Wiese. Roven hob den Kopf, wieherte und trabte leichtfüßig auf sie zu. Zärtlich schmiegte er ihr den Kopf an die Schulter und stieß ein tiefes, zufriedenes Brummen aus. Sey streichelte den Hengst ausgiebig, bevor sie ihre Kleider zusammensammelte und sich ankleidete. Nachdem sie außerhalb der Reichweite des Barons gewesen war, war ihre Rüstung in den Satteltaschen verschwunden und Sey hatte ihre alten Waldläuferkleider angezogen. So alt, zerschlissen und abgetragen sie auch sein mochten, Sey mochte ihren Geruch, ihre bequeme Tragweise und die Bewegungsfreiheit darin.
Ihre Reise ging stetig voran. Erst gestern hatten sie das Gebiet um Britain verlassen und Sey hatte gespürt, wie ihr ein Stein vom Herzen gefallen war. Sie hatte nur kurz bei ihrem Haus halt gemacht. Sie liebte dieses Haus, es war zu einem Ort geworden, an dem sie sich wohl fühlte. Und auch als sie es vor ein paar Tagen betreten hatte, um ihr Gepäck zu erleichtern und zu ergänzen, hatte sie das Gefühl verspürt nach Hause zu kommen. Das Packpferd blieb in den Stallungen Britains, wo es sicherer war. Sey konnte sich keine Verzögerung erlauben und das Packpferd hielt sie doch ziemlich auf.
Sie warf sich ihren Umhang um die Schultern, hievte Roven den Sattel auf den Rücken, zog den Sattelgurt geübt fest und schwang sich auf.
„Wie geht es weiter, Freund?“ flüsterte sie dem Hengst ins Ohr.
Das Pferd wieherte leise und setzte sich in Bewegung. Sey lächelte und blieb entspannt im Sattel sitzen ohne etwas zu tun. Der Hengst kannte den Weg besser als sie...

Seylarana Ryell
26-06-2002, 18:39
Die Nacht war kühl und dunkel. Fröstelnd saß Sey an einem kleinen Feuer und wärmte sich die kalten Hände. Sie hatte in der Sicherheit der Stadt schon vergessen, wie kalt es nachts in den Wäldern werden konnte. Aber sie war nie zimperlich gewesen und so ertrug sie es ohne zu klagen. Es gab wahrlich schlimmeres, als zu frieren, dachte sie sich grimmig und klapperte mit den Zähnen.
Trotz der unerfreulichen Verzögerung in Minoc, kam sie gut voran. Erst gestern hatte sie Skara Brae hinter sich gelassen.
Es war still, totenstill. Eine Ruhe lag über der Gegend, wie Sey sie von hier nicht gewohnt war. Sie beunruhigte sie in zunehmenden Maß. Dann hörten sogar die Grillen auf zu zirpen und Sey war plötzlich allein in der Stille am Feuer. Roven begann unruhig zu wiehern und zerrte leicht an dem Strick, an dem Sey ihn angebunden hatte.
Fast von selbst glitt Seys Schwert sirrend aus der Schwertscheide an ihrer Seite. Langsam erhob sie sich, nach allen Seiten sichernd. Als sie das Stapfen und das Splittern von Ästen hörte, hatte sie nicht mehr die Zeit, sich umzudrehen. Ein wuchtiger Schlag schmetterte sie vom Feuer weg. Sie überschlug sich mehrere Male und prallte dann gegen einen Baum. Stöhnend versuchte sie wieder auf die Beine zu kommen. Mühsam stemmte sie sich gegen den Baum hoch und sah, was sie angegriffen hatte. Ihr Blick war zunächst sehr verschwommen, nur langsam schärfte sich das Bild und grüne, verschwommene Umrisse verdichteten sich zu der riesigen Gestalt eines Echsen-menschen. Ihre Seite und ihr Gesicht wurden warm und feucht und sie spürte, wie Blut von ihrem Kinn tropfte. Die Echse stand ihr geduckt gegenüber und schwang ungelenk die riesige Keule.
Jetzt ist alles vorbei, dachte Sey. Unbewaffnet in der Wildnis von einer dummen Echse abgeschlachtet, wie erniedrigend.
„Du musst nicht sterben.“ Sey schloss die Augen. „Gib dich mir hin und du wirst leben.“ „ES“ sprach leise aber eindringlich.
Sey fixierte die Echse, die sich nun sabbernd ihrem Opfer näherte. „Ich brauche dich nicht, um so ein Biest zu erledigen“, murmelte sie.
„ES“ lachte in ihrem Kopf, dann brandete eine Welle heißen Zorns und Hasses über Sey hinweg, so mächtig und gewaltig, dass die Kriegerin zusammenbrach. Das geweihte Amulett um ihren Hals wurde heiß, begann zu schweben und zersplitterte dann in tausend Stücke.
„FREI!“ hallte es in ihrem Kopf, dann wurde ihr Bewusstsein verdrängt und sie wusste nichts mehr...

Unweit entfernt zog sich eine milchweiße Hand von der glatten Oberfläche einer Kugel zurück. Schlanke Finger vollzogen komplizierte Bewegungen und das Bild in der Kugel erlosch, sie wurde schwarz. Blutrot gefärbter Stoff glitt über die Hände als diese gefaltet wurden. Die Gestalt zu der diese Hände gehörten, blickte lange stumm auf die Glaskugel. Ihr Gesicht lag im Schatten der Kapuze ihrer blutroten Robe, nur der schlanke Körper darin verriet, dass es sich um eine Frau handelte.
„Noch ist es Zeit für dich“, murmelte sie mit undefinierbarer Stimme. „Bald musst du dich bewähren, dich entscheiden.“
Mit anmutigen Schritten verließ sie den finsteren, kleinen Raum...

Seylarana Ryell
28-06-2002, 14:57
Der Morgen war frisch und die Ankündigung für einen heißen Tag. Von dem Hügel aus, konnte sie von weitem die Berge sehen, die ihr Tal einschlossen. Sey saß matt im Gras. Vor ein paar Tagen hatte es angefangen, dass ihr fast ständig übel war. Sie brachte dies mit dem brutalen Ausbruch von „ES“ in Verbindung. Sie konnte sich nicht erinnern, was geschehen war und als sie wieder zur Besinnung gekommen war, saß sie wieder im Sattel und wurde von Roven Richtung Heimat getragen.
Schwankend stand sie auf, torkelte ein paar Schritte und übergab sich röchelnd. Sie war am Ende mit ihrer Kraft, ein Wunder, dass „ES“ ausgerechnet jetzt schwieg.
Wenig später ging der Ritt weiter. Die Berge kamen rasch näher. Sey spürte eine Zufriedenheit in sich, die sie lange vermisst hatte. Sie ahnte ungefähr, was sich ihr nach ihren Erinnerungen an die Zerstörungswut der Dunkelelfen nach für ein Anblick bieten würde. Dennoch freute sie sich auf ihre Heimkehr. Sie überließ alles ihrem Pferd Roven und der Hengst fand zielstrebig seinen Weg durch die Geröllhalden am Fuße der Berge, hinauf zu den alten, fast ausgelöschten Pfaden, denen er folgte. Und dann fanden sie einen der geheimen Eingänge. Er war bei der Flucht aufgebrochen worden, so dass er für jeden, der sich zufällig hier her verirrte sichtbar war. Sey ritt hinein. Als sie nach vergleichsweise kurzer Zeit den Tunnel verließ, wurde sie von dem grellen Sonnenlicht zunächst geblendet. Als sich ihre Augen an das Licht gewöhnt hatten, blickte sie sich fast ängstlich um. Nach sechs Jahren, waren die Spuren des Kampfes noch deutlich zu erkennen. Elfenskelette, Rüstungsteile und alte Waffen, die verbrannte Erde, in der Ferne die zerstörte Sala... Seylarana stiegen die Tränen in die Augen. Hier war sie groß geworden, hier hatte sie ihre Heimat gehabt. Roven setzte sich plötzlich wieder in Bewegung.
Sey zuckte erschrocken und beugte sich vor. „Wo trägst du mich hin?“ fragte sie beunruhigt.
Der Hengst schnaubte und zockelte dann unbeirrt weiter. Sey ließ ihn gewähren, sie hatte ohnehin nicht mehr die Kraft, sich zur Wehr zu setzen. Der Steinkreis. Sey schaute erstaunt. Warum trug Roven sie zum Steinkreis? Dort hatten die Elfen ihre Feste gefeiert, Hochzeiten zelebriert und Lieder zu den Sternen gesungen. Als sie näher kamen, entdeckte Sey eine rote Gestalt, die im Zentrum des Kreises am Boden saß, einen langen Stab auf den Knien. Roven trug Sey dicht heran, dann bliebt er schnaubend stehen.
Die Gestalt in der Robe erhob sich langsam. „Du bist pünktlich“, sagte sie mit dunkler, samtener Frauenstimme. „Komm, Seylarana, in deinem Zustand solltest du dich nicht so sehr verausgaben.“ Sie winkte sie vom Pferd herunter.
Sey wusste nicht warum, aber sie gehorchte der Frau einfach. Sie rutschte von Rovens Rücken herunter und blieb dann scheu neben ihm stehen. Wer war diese Frau?
„Mein Name ist Papheme, ich bin Hohepriesterin der Lorica. Komm, Kind, setz dich doch hin.“ Sie nahm Sey vertraut an den Schultern und setzte sie auf einen großen Steinblock hin.
„Woher wisst Ihr, wer ich bin?“ fragte Sey verunsichert.
Papheme zog die Kapuze vom Kopf. Seys Augen weiteten sich bei dem Anblick der Schönheit dieser Frau. Sie war jung, ihre Haut weiß wie Milch und Haare und Augen waren von kupfernen braun.
„Ich weiß alles von dir, mein Kind, denn ich bin auch Seherin.“ Ihr Blick wanderte von Seys Gesicht hinunter und blieb an ihrem Schoß haften. „Anderthalb Monate...“
„Wie bitte?“ Dann glaubte Sey zu verstehen. „Ja, solange bin ich ungefähr schon unterwegs. Ich...“
Papheme hob die Hand in einer abschneidenden Geste und Sey schwieg abrupt. „Natürlich hast du es nicht gemerkt, du armes Ding.“ Sie setzte sich neben sie, nahm ihre Hand und streichelte sie sanft. „Mein armes, armes Kind.“
Sey sah sie unverständig an. „Wovon sprecht Ihr?“ Ein wohliges Gefühl der Geborgenheit machte sich in der Nähe der Priesterin in ihr breit.
Papheme lächelt milde. „Ahnst du es nicht? Du trägst ein Kind unter dem Herzen, Sey.“ Sey starrte sie in einer Mischung aus Entsetzen und Unglauben an, doch sie kam nicht dazu, etwas zu erwidern, denn Papheme sprach schon weiter. „Der Vater dieses Kindes hat dich sehr verletzt, so sehr, das ich dich nun frage, ob du es überhaupt haben möchtest.“
Sey legte unwillkürlich die Hand auf den Bauch. Lange Zeit schwieg sie und dachte nach. Dann sah sie Papheme an. „Dieses Kind ist unschuldig, es kann nichts für die Dinge, die sein... Erzeuger mir angetan hat. Ich war lange Zeit unsicher, ob ich überhaupt jemals Kinder haben könnte, nach der Verletzung, die mir damals zugefügt wurde. Ich werde das Kind bekommen und aufziehen“, sagte sie fest.
„Und was wirst du sagen, wenn jemand nach dem Vater fragt? Oder wenn das Kind wissen möchte, wer sein Vater ist?“
Sey antwortete ohne zu zögern: „Sein Vater war ein Taugenichts und ist tot.“
Papheme blickte sie lange an, dann nickte sie. „Sey, ich habe dich viele Jahre beobachtet. Einst hast du Libanu gedient, aber das war der falsche Weg und auch Glaron kann nun nicht mehr dein Gott sein. Doch es gibt da eine Göttin, der du gefällst, die dich liebt und die dich auf ihrer Seite haben möchte.“
„Ich diene niemandem mehr außer mir selbst“, sagte Sey entschieden.
„Kannst du nicht mehr Tag, willst du nicht die Nacht, musst du die Dämmerung sein.“ Die Priesterin lächelte. „Lorica... möchte, dass du dein Leben dem Kampf, dir selbst und ihr widmest. Wäre das nichts für dich?“ Sey sah sie ausdruckslos an. „Sie wird dir Kraft und Schutz bieten und ein Leben, das für dich das Richtige sein wird.“
„Darüber muss ich erst nachdenken...“
„Sie könnte... „ES“ vertreiben.“ Papheme lächelte geheimnisvoll. Sey starrte sie funkelnd an. „Wäre deine Gegenleistung im Gegensatz dazu nicht gering? Und bedenke, sie fordert nichts unmögliches von dir.“
Sey stand auf. Ihre Körperhaltung strahlte Kraft und Selbstbewusstsein aus. „Sagt mir, was ich tun muss.“
Papheme lächelte wieder...

Seylarana Ryell
30-06-2002, 18:25
Wieder waren viele Tage vergangen. Papheme und Seylarana hatten diese Zeit mit langen, tiefgründigen Gesprächen verbracht. Vor allem sprachen sie über das Kind, das in Sey heranwuchs. Die Priesterin der Lorica war erstaunt über Seys Charakterstärke und ihren Geist, der frei von jeglichem Hass war. Einzig eine tiefe Enttäuschung steckte in ihr, aber jeder, der Sey lange genug kannte, wusste, dass sie diese überwinden und wieder aufstehen würde. Sey hatte sich immer wieder aufgerappelt und dieses Mal hatte sie sogar daraus gelernt. Seit sie von dem Kind wusste, war sie noch entschlossener „ES“ zu bekämpfen.
Papheme und sie hatten am Morgen mit einem mehrstündigen Reinigungsritual begonnen, an dessen Ende „ES“ ausgetrieben werden sollte. Seylarana war angespannt, aber sie vollzog geduldig jeden kleinen Schritt nach Vorschrift. Langsam begann es über dem Tal zu dämmern und die Nacht brach herein. Als der Vollmond am höchsten stand, half Papheme Sey auf und ging ihr bei ihrer Entkleidung zur Hand. Sey fröstelte, als der kalte Nachtwind ihren nackten Körper streifte, dann kletterte sie auf einen großen, behauenen Felsblock und legte sich auf den Rücken.
„Hab keine Angst.“ Paphemes Hand streichelte die Stirn der jungen Kriegerin, bis diese ruhiger wurde. Die Priesterin entzündete nach und nach einen Kreis Kerzen rings um den Stein und trat dann wieder an Sey heran. Sie breitete ihre Arme aus. „Lorica, mein Licht, mein Weg, blicke heute Nacht gnädig auf diese junge Frau hinab.“ Die Spitze ihres Priesterstabes begann zu glühen. „Göttin des Kampfes, Blutklinge!“ Sirrend zog sie ein langes Zierschwert und hielt es und den glühenden Stab hoch. „Reinige diese deine Tochter!“ rief Papheme beschwörend.
Sey begann heftig zu schwitzen, dann durchliefen pulsierende Schmerzwellen ihren Körper, die stetig an Intensität zunahmen. Sie stöhnte vor Schmerzen, aber sie wusste, das sie sich dieses Mal nicht gegen „ES“ wehren durfte und so überkam es sie fast sofort.
„DU!“ hörte sie sich selbst schreien. „Wie kannst du es wagen!?“ „ES“ wollte Seys Körper aufrichten, musste dann aber feststellen, dass dieser offensichtlich magisch an den Fels gekettet worden war. Ein unirdischer Schrei erfüllte den magischen Steinkreis.
„Schweig, du Monstrum, welches weder Götter noch Dämonen fürchtet!“ Papheme tauchte wie eine Rachegöttin in Seys Blickfeld auf. „Verlasse diesen Körper, er ist nicht länger dein!“
„Ich töte dich!“ Die Stimme überschlug sich fast vor Wut. „Diese Frau und ihr Kind gehören mir!“
„Weiche!“ brüllte Papheme und ein gleißendes Licht von ihrem Stab hüllte Sey ein.
„ES“ schrie schrill und unerträglich laut. Seys Körper zuckte unkontrolliert. Dann strömte dunkelgrauer Nebel über Sey zusammen. Noch immer schrie „ES“ ohrenbetäubend laut. Langsam ballte sich der Nebel über Seys Körper zu einer Gestalt zusammen. Abrupt verstummte der Schrei aus Seys Kehle und kam nun von der Gestalt, deren Umrisse sich plötzlich schärften und Konturen bekamen.
„Lorica gib mir die Kraft!“ Papheme richtete das Licht auf das Geschöpf über Sey.
Rot glühende Augen richteten sich auf die Priesterin, der Schrei verstummte. Gewaltige, schwarz gefiederte Schwingen wurden ausgebreitet. Ein überirdisch schönes Geschöpf, dessen Geschlecht nicht eindeutig zu erkennen war, schwebte in graue Stoffe gehüllt hoch über Sey und Papheme. Das lange, seidig schwarze Haar bewegte sich leicht im Wind.
„Du bist es also!“ rief Papheme, die das Wesen mit dem Licht aus ihrem Stab gefangen hielt. „Racheengel!“ Sie spie das Wort förmlich aus. „Herrenloses Geschöpf, dass sich dem Hass, der Rache und dem Morden verschrieben hat! Wie lange hast du dieses Mädchen gequält!“
Der Racheengel wehrte sich massiv gegen Papheme und fauchte. „Zittere, Mensch! Ich bin Azayl!“
Papheme begann unter der Gewalt des Engels schwächer zu werden und sank in die Knie. Sey war bewusstlos. Niemand konnte ihr beistehen. Der Engel starrte sie hasserfüllt an. Der Priesterin begann Blut aus Augen und Mund zu laufen, sie stöhnte vor Schmerz.
„Ich... schlage dich!“ Sie konzentrierte all ihre Macht auf Azayl und dieser seine auf sie.
„Schwacher, einfältiger Mensch!“
Papheme schrie auf. Langsam sackte sie in die Knie und der Engel lachte grausam. Gerade, als sie bewusstlos werden wollte, gewahrte sie ein Licht direkt über Seys Herzen. Das Licht wuchs rasend schnell. Azayl fuhr herum, doch da war es bereits zu spät. Gehüllt in gleißendes, helles Licht, stand eine Frau in voller Rüstung und mit Schwert und Schild bewaffnet dem Engel gegenüber. Langsam wurde das Schwert gehoben, die Spitze deutete auf den Engel.
Papheme keuchte überwältigt von dem Spektakel über ihr in der Luft. „Shaobian...“, ächzte sie.
Eine glockenhelle Stimme erscholl von der strahlenden Gestalt der Elfe: „Sanyaza feyra!“ rief sie. Der Engel wich zischend zurück. „Feydha Shaobian Ryell! Dhao arc fialza a’dao dhao zerza!” Mit diesen Worten schoss sie mit vorgestrecktem Schwert vor. „A’dao Var’salandur!“ Der Schlachtruf durchschnitt die Luft, dann traf sie mit dem Engel zusammen und der Himmel explodierte in gleißendem Licht.
Papheme ging zu Boden und schützte ihre Augen. Lange stand das Licht über dem Steinkreis und das Klirren von Schwertern und wütende Schrei waren zu hören. Die Priesterin nutzte den Augenblick und kroch zu Sey, um sie rasch aus dem Kreis zu ziehen. Kaum waren sie in sicherer Entfernung, kam Sey wieder zu sich. Erschrocken sah sie zum Himmel auf und in diesem Moment ertönte ein schriller Schrei und das Licht erlosch. Papheme hielt Sey beruhigend und blickte ebenfalls wie gebannt nach oben. Dort stand Shaobian, leuchtend, strahlend von der Energie ihrer Seele. Die Elfe schob ihr Schwert in die Scheide und blickte auf die beiden Frauen hinunter.
Ihr Gesicht wurde weich, als sie Sey sah, dann hob sie die Hand. „Sanyasala, feya!“
Seylarana hievte sich hoch und hob die Hand in derselben Geste. „Sanyasala, feya!“
Mit einem Lächeln auf dem Gesicht verblasste Shaobians Erscheinung, bis sie ganz verschwunden war.
Papheme zog ihr eine Robe über. „ „ES“ ist vernichtet und die Seele deiner Schwester ist frei. Zeit, dass Seylarana Seylarana wird.“ Sey drehte sich langsam zu ihr um und nickte dann gefasst. „Schau...“ Die Priesterin machte eine fließende Handbewegung und die Luft begann zu flirren. Farbschlieren schwammen ineinander, verbanden sich und formten Umrisse.
„Visi!“ Sey streckte unwillkürlich die Hand nach Visaris aus, die bekümmert an ihrem Tisch zuhause über einem Brief saß, doch das Bild veränderte sich, bevor sie es berühren konnte. Ein Mann mit langen weißen Haaren, in dunkle Kleider gehüllt, schlich durch den Wald, das Gesicht ausgezehrt, die Augen kälter als Eis. „Thorus.“ Sey schaute ungläubig auf die Gestalt, die Thorus war.
„Ja, das ist dein Lehrer Thorus... oder besser... seine seelenlose Hülle“, sagte Papheme leise.
„Seelenlos? Ich... verstehe nicht...“
„Seine Seele war der Preis für die Errettung der Menschen vor der Pest und nun wurde der Preis eingefordert.“ Sie wischte über das Bild und es erlosch. „Lorica wünscht diesen Mann an deine Seite, Sey. Geh ihn suchen und hilf ihm seine Seele zurück zu bekommen, Loricas Macht wird mit dir sein.“

Als sie Tage später die Tore von Britain passierte, fühlte sich Sey beklommen. Sie schüttelte sich und hielt sich ihre Aufgabe vor Augen. Der Ort war gleich, sie wollte Thorus finden. Sie streichelte kurz über ihren Bauch, der noch nichts verriet und lächelte. Es würde alles wieder gut werden. Sie trieb Roven an...