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Garath
27-07-2002, 00:37
Eine Elfe unter Menschen

Menschen sind arrogant und dumm. Sie halten sich für die Auserwählten der Götter, die Herrscher von allem, was auf Terra kreucht und fleucht. Und dabei wissen sie so wenig. Sicherlich gibt es Ausnahmen. Nicht alle Menschen überschätzen ihre Fähigkeiten und Werte, doch ein Grossteil von ihnen tut es.
Aber dessen nicht genug: sie sind gierig nach Reichtum und Macht. Einige von ihnen töten, um dann das Gold aus den Taschen des Leblosen zu stehlen. Andere treten edlen Gemeinschaften bei, nur um an ihrem Reichtum teilzuhaben. Und einige benutzen die Macht über ihr Gefolge, um sich noch mehr Macht anzueignen.
Das ist es, was die Elfen ihren Kindern erzählen. Wir wachsen mit Geschichten über die Dummheit und Habgier der Menschen auf. Und wenn ein Elf kurzzeitig die Menschen beobachtet hat, erzählt er von Erlebnissen, die jene Kindergeschichten als wahr und allgemeingültig bestätigen. Aber diese flüchtigen Erfahrungen, können das wahre Wesen der Menschen nicht erfassen.
Nie erzählten Elfen von der starken Wirkung der Liebe im Leben der Menschen. Wie ein einfacher Bauer, im Angesicht seiner bedrohten Familie, seine Mistgabel ergreift, um sich in einen aussichtslosen Kampf gegen mehrere gepanzerte Krieger zu stürzen.
Auch der Glaube an das Gute in allem was lebt, ist bei den Menschen hervor zu heben. Manchmal reden die Hüter der Gesetze auf Britannia stundenlang auf einen Schurken ein und versuchen, einen blutigen Kampf zu vermeiden.
Doch was mich besonders beeindruckt, ist ihr unglaublicher Wille zu leben. So merkwürdig das auch klingen mag: einige Menschen sterben, um zu leben. Sie schützen ihre vielfältigen Lebensweisen, unter Einsatz ihres Lebens. Selbst in geschwächtem Zustand lassen viele Krieger es sich nicht nehmen, ihr Schwert zu ergreifen und in das Angesicht ihres Feindes zu blicken, selbst wenn dies ihren Tod bedeutet.
Dieser Wille zu leben kann bei einem Menschen mit kaltem Herzen zu einer unglaublichen Zerstörungswut werden. Das ist wohl der Preis, den die Menschheit für ihre Eigenwilligkeit bezahlen muss. Es gibt auf Terra keine Rasse, bei denen der Grat zwischen Gut und Böse, Licht und Dunkelheit, so schmal und unüberschaubar ist wie bei den Menschen.
Zurecht fragt ihr euch, weshalb ich so viel über die Menschen weiss. Die Elfen halten sich gewöhnlich sehr fern von den Menschen, doch ich lebe mit ihnen. Um es genau zu sagen, ich lebe unerkannt in ihren Dörfern. Ich wandle durch die Stätten der menschlichen Kultur und beobachte fasziniert ihre Art zu leben.
Ich habe dies nicht freiwillig begonnen. Die Meinen verbannten mich, weil ich die Waldelfen in Gefahr gebracht hatte.

Es trug sich vor einem Jahr zu, dass ich allein durch den Wald streifte und mich immer weiter von meinem Heim entfernte. Im Grunde nichts ungewöhnliches. Was sollte einer Waldelfe denn schon passieren? Ich suchte einige Pflanzen und Kräuter auf einer Lichtung zusammen, als ich plötzlich Stimmen hörte. Die Stimmen waren tief und rau. Ich erkannte sofort, dass sie nicht von Elfen stammten. Schnell versteckte ich mich in einem nahen Gebüsch. Aus dem Wald trat eine Gruppe Jäger auf die Lichtung. Ich hatte noch nie Menschen gesehen, aber nach der Beschreibung meines Vaters, der kurz im Land der Menschen gewesen war, mussten dies Menschen sein. Ich hatte sie mir viel hässlicher vorgestellt und nun machte mich ihre Erscheinung neugierig. Besonders einer der Jäger zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Er war gross und hatte dunkles Haar. Sein Gang war vorsichtig, aber dennoch stolz. Seine Stimme war die raueste von den Männern. Etwas in mir kribbelte, wenn ich sie hörte. Wie jede Waldelfe in meinem Dorf, hatte ich die Sprache der Menschen gelernt. Ich verstand jedes Wort.
„Seid vorsichtig,“ rief er seinen Kameraden zu. „Diese Bestien können nicht weit sein.“
Als hätten die Tiere nur auf diese Bemerkung gewartet, stürmten einige Wildschweine und Wölfe auf die Lichtung und griffen die Gruppe an. Eine beklemmende Kälte breitete sich in meinem Herzen aus. Niemals hatte ich etwas ähnliches, bei dem Anblick von Tieren, verspürt. Die Zahl der Tiere war gross und bald zerstreuten sich die Jäger im Wald. Ich war allein, so dachte ich. Doch als ich mich vorbeugte, um meinen Blick über die Lichtung schweifen zu lassen, spürte ich den Atem eines der Tiere in meinem Nacken. Nur langsam drehte ich mich um, denn ich war beinahe vor Angst gelähmt. Vor mir standen nun zwei Wölfe. Ich erschrak, als ich in die Augen der Tiere sah. Sie waren völlig leblos. Doch da huschte etwas über ihre Pupillen. Wieder spürte ich diese Kälte und die Wölfe begannen mich anzuknurren. Angstvoll machte ich langsam einige Schritte zurück, die Wölfe folgten meinen Bewegungen. Nun machten sie sich bereit, mich anzuspringen. Der erste Wolf hechtete auf mich zu und riss sein Maul auf, um seine spitzen Zähne in meinen Hals zu graben! Doch er prallte nur gegen einen eisernen Rundschild. Vor mir stand der Jäger mit den dunklen Haaren, in der linken Hand den Schild, in der Rechten ein glänzendes Breitschwert. Mein Herz schlug so wild, dass ich fürchtete, es würde jeden Moment aus meiner Brust hervorbrechen! Als er mich etwas genauer betrachtete staunte er nicht schlecht. Auch er hatte wohl niemals zuvor eine Elfe gesehen. Der Wolf lag noch immer benommen am Boden, doch davon unbeeindruckt stürzte sich der zweite auf den mutigen Jäger. Der Mann stiess mich zur Seite und wich dem Sprung des Wolfes geschickt aus. Ein Hieb seines Schwertes, trennte dem Wolf seine rechte Hinterpfote ab. Der Wolf landete trotzdem sicher und machte sofort kehrt, um einen erneuten Angriff vorzubereiten. Doch dann hielt der Wolf inne. Der Jäger merkte schnell, weshalb: aus dem Wald traten langsam zwei weitere Wölfe und eines der Wildschweine hervor. Ihre Schnauzen waren blutverschmiert und einer der Wölfe trug einen abgetrennten Arm in seinem Maul. Der Jäger lies sein Schwert sinken. „Antros, Galaran,“ murmelte er leise. Auch der Wolf, den der Jäger zuvor mit seinen Schild abgewehrt hatte stand nun wieder auf seinen Beinen. „Bleib hier,“ befahl mir der Jäger mit verbitterter Stimme und schritt auf die Mitte der Lichtung. Aus dem Dickicht traten vier weitere Tiere: zwei Wildschweine und zwei Wölfe. Sie fletschten die Zähne und geiferten den Jäger an. Ich weiss bis heute nicht, welche dunkle Macht die Tiere damals beherrschte doch sie waren nicht einfach blutgierig. Sie handelten überlegt und schienen über hohe Intelligenz zu verfügen. Die Tiere kreisten den Jäger ein, warteten auf einen günstigen Augenblick. Dann schossen sie von drei verschiedenen Seiten auf den Jäger zu. Mit einem gewaltigen Hieb schlitzte der Jäger die drei ersten Wölfe auf, ihre Körper fielen tot zu Boden. Nun stürmten die übrigen Wölfe und Wildschweine auf den Jäger ein. Ich verschloss meine Augen. Ich wollte dieses blutige Schauspiel nicht sehen. Ich hörte den Jäger laut aufschreien. Langsam öffnete ich meine Augen. Der Mensch lag am Boden, der letzte Wolf biss ein grosses Stück Fleisch aus seiner Schulter heraus. Beinahe im selben Moment stiess der Jäger seinen Dolch in den Hals des Wolfes. Mit einem lauten Jaulen verendete der Wolf. Die Hand des Jägers fiel auf das vom Blut gerötete Gras. Er atmete schwer. Ich lief zu ihm und kniete mich vor seinen Kopf hin. Er lächelte mich an. „So schön,“ sagte er leise. „Bist du eine Göttin, Kind?“
Ich erwiderte sein Lächeln und schüttelte sanft den Kopf. „Ihr seid noch nicht tot, werter Herr.“
Eine Träne lief über sein Gesicht und netzte den blutroten Boden. „Dann geh und lass mich sterben. Ich habe nichts mehr, wofür es sich zu leben lohnen würde.“
Es stimmte mich unsagbar traurig, diese Worte von meinem Lebensretter zu hören. Ich strich mit den Fingerkuppen meiner linken Hand über seine Wange. „Sagt so etwas nicht. Ich lasse euch nicht sterben. Bitte versucht aufzustehen.“
Langsam erhob er sich vom Boden und stützte seinen schweren Körper auf mich. Es war unfassbar, wie schwer dieser Mensch war. Ich bot meine gesamte Kraft auf, um den Menschen langsam zu meinem Dorf zu schleppen.

Garath
27-07-2002, 00:39
Als ich das hölzerne Tor passieren wollte stellten die Wachen sich mir in den Weg.
„Wen schleppst du da mit dir herum, Neira?“
Die Wachen hatten bereits bemerkt, dass er ein Mensch war.
„Ich bitte dich, Gonar,“ sprach ich. „Hilf mir ihn in mein Haus zu tragen. Er braucht umgehend einen Heiler!“
„Er ist keiner von uns,“ sagte Gonar ernst. „Du hättest ihn nicht hierher bringen dürfen.“
Ich wollte Gonar wütend anbrüllen, aber statt dessen entwichen meinem Mund weinerlich klingende Worte: „Er riskierte sein Leben, um mich zu schützen! Ich will ihn nicht sterben sehen!“
Gonar überlegte kurz und winkte mich dann herein. Er fasste die Beine des Menschen und trug ihn mit mir in eine kleine gemütliche Hütte, die ich mit meinen Eltern bewohnte. Mein Vater war sehr bewandert in der Kunst des Heilens, ich eilte die enge Treppe hinauf, um ihn zu holen. Mein Vater kam schnell die Treppe hinunter Er erschrak beinahe, als er erkannte, dass ein Mensch auf der Bank in seinem Hause lag. Er richtete kein Wort an mich, doch ich spürte, dass in seinem Inneren ein Vulkan brodelte. Er besah sich den Menschen einige Augenblicke, dann wandte er sich zu mir: „Seine Wunden sind äusserst schwer. Es wird nicht leicht, sein Leben zu retten. Plötzlich wurde die Tür krachend geöffnet. Talis, eine griesgrämige alte Frau und der Dorfälteste betraten mein Heim.
„Seht ihr?“ rief Talis rechthaberisch. „Sie hat einen Menschen in unser Dorf gebracht!“
Der Älteste ging ruhig an den Menschen heran. Er sah seinen geschundenen Körper, dem Tode nahe. „Warum hast du ihn hierher gebracht?“ fragte er mich.
Ich schaute beschämt auf den Boden. „Vergebt mir, Ehrwürdiger. Er wurde so schwer verletzt, weil er mein Leben retten wollte. Ich konnte ihn nicht einfach dort liegen lassen.“
Der Älteste strich bedächtig über seinen Bart. „Berichte mir genau was geschehen ist.“
Ich erzählte ihm, was ich im Wald erlebt hatte.
Die Geschichte versetzte die Zuhörer in Aufregung. Der Älteste schien etwas über diese Tiere und ihr merkwürdiges Verhalten zu wissen, wollte dies jedoch nicht preisgeben. Schliesslich wandte der Dorfälteste sich wieder mir zu: „Neira, auch wenn dieser Mensch dich schützte, hätte die Sicherheit deines Volkes für dich absoluten Vorrang haben müssen. Wir können nicht zulassen, dass er zu den Seinen zurückkehrt und ihnen verrät, wo unser Dorf liegt.“
In meinen Gedanken formte sich ein schreckliches Bild: „Ihr wollt ihn doch nicht etwa umbringen?“
„Sei keine Närrin,“ erwiderte der Dorfälteste. „Gonar. Geh und hole Lavani. Ihr werdet den Menschen tief in den Wald bringen und ihn dort liegen lassen.“
Ich lies meiner Empörung freien Lauf: „Das könnt ihr doch nicht tun! Dann treibt ihm lieber sofort einen Dolch in sein Herz!“
Auf diese Bemerkung verfinsterte sich das Gesicht des Dorfältesten. „Hättest du diesen Menschen nicht in unser Dorf geschleppt, müsste ich nicht zu solchen Massnahmen greifen! Deine Neugierde wird eines Tages unser aller Untergang sein!“
Der Älteste hob seine linke Hand. Das tat er immer, wenn eine unumstössliche Entscheidung bevor stand. „Du, Neira, sollst unser Dorf für zwei Jahre verlassen! Vielleicht lernst du auf diese Weise, deine Neugierde zu zügeln!“
Diese Worte trafen mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Sicherlich hatte es mich immer weiter vom Dorf hinfort gezogen, doch stets war ich in meine Heimat zurück gekehrt.
Mein Vater versuchte noch eine Weile mit dem Ältesten zu diskutieren, doch es war sinnlos.
Am nächsten Tag musste ich meine Sachen packen und wurde von zwei Kriegern nahe an die Stadt Yew heran gebracht. Ich habe bis heute nicht erfahren, ob der Mensch vielleicht doch überlebt haben könnte.
Anfangs fiel es mir schwer, mich in der Welt der Menschen zurecht zufinden, aber bald lernte ich, meine Talente zu nutzen. Ich hatte schon sehr früh mit dem Bogenbau begonnen und beherrschte ihn meisterhaft. Die Bögen liessen sich unter den Menschen gut verkaufen. Ich werde niemals verstehen, warum den Menschen Gold so viel bedeutet, aber ich musste mich anpassen. Unter die Menschen wagte ich mich jedoch nur verkleidet. So konnte ich auch ihr wahres Wesen besser erforschen.
Eines Tages werde ich in meine Heimat zurückkehren und meinem Volk erzählen, wie die Menschen wirklich sind. Was sie antreibt und bewegt, wie ihre Weltanschauung auch unsere Lebensweise früher oder später verändern wird. Ich hoffe nur, dass unsere unterschiedlichen Ansichten nicht irgendwann einen gewaltigen Krieg auslösen werden.