Thema: [veröffentlicht] Zum aus der Haut fahren!
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Alt 24.07.2004, 17:00
#3
Theodore Fiero
Reisender
 
Registriert seit: 09 Nov 2002
Beiträge: 209
"Tztz... Felix du Schwerenöter!" Mit diesen Worten hebt der Herr, am Wohnzimmertisch sitzend, den kleinen Racker von seiner Schulter. Die Feder wird beiseite gelegt und die Pergamente zusammengeschoben, so dass der Nager ohne Besorgnis abgesetzt werden kann. Während Felix beginnt genüsslich am Brot des Vortages zu knappern, wobei er schon das eine oder andere Mal den haltenden Fingern recht nahe kommt, lässt sich der Mann im seinem Sessel zurückfallen.

"Wahrscheinlichkeit - Felix - damit kannst du wohl auch nichts anfangen hm? Ist auch nicht so einfach. Wahrscheinlichkeit ist die Beschreibung mit welcher Sicherheit jemand subjektiv ein bestimmtes Geschehen erwartet.
Sicher sein, ist immer subjektiv.
Während Falur - du weisst schon: der Knabe von gestern - sich sicher war, der dritte Apfel würde fallen, so war sich der Magier allerdings sicher, das dies nicht geschehen würde.
Umgangssprachlich unterscheidet man zum Beispiel: Man wisse es nicht, man sei sich ziemlich sicher, es sei gewiss und ähnlich. Solche Einteilungen sind sehr ungenau. Wissenschaftlich gesehen haben sie keine Relevanz, denn diejenigen welche sich so äußern, tun es aus einem Gefühl heraus. Sie haben sich gar keine großen Gedanken gemacht über die Faktoren, die das Geschehen beeinflussen könnten.
Jeder kennt es nun aus dem Würfelspiel. Ein ungezinkter Sechsseitiger Würfel zeigt bei einem nicht weiter beeinflußten Wurf eine Sechs mit einer Wahrscheinlichkeit von einem Sechstel. In der Umgangssprache würde man vielleicht sagen: Es sei möglich, aber nicht zu erwarten.
Ist es aber nun genau ein Sechstel? Kann man also objektiv vorhersagen wie wahrscheinlich das eintreten eines bestimmten Geschehens sein wird? Nun in der Theorie kann man es: Man berücksichtigt alle beeinflussenden Faktoren und setzt für die in frage kommenden Geschehnisse ins Verhältnis. Ist das aber auch praktisch möglich?
Hier beginnt nun die erste wagemutige Theorie, Felix. Praktisch ist es nach meiner Ansicht nicht möglich. Keiner weiss um die genaue Beschaffenheit der Unterlage, keiner weiss wie genau Luftverwirbelungen Bedeutung erlangen können. Somit ist die Abschätzung der Wahrscheinlichkeit immer nur nach dem Wissensstand des Abschätzenden möglich. Da wir aber gestern schon sagten, dass jedes noch so gesicherte Wissen mindestens eine Unbekannte enthält, kann also keiner genau sagen wie wahrscheinlich etwas ist.

Halten wir also fest: Theoretisch könne man alle Faktoren berücksichtigen, praktisch ist es unmöglich, woraus folgt, dass jede Wahrscheinlichkeit individuell auf die Berücksichtigung der Faktoren jedes einzelnen Ankommt - sie ist subjektiv.

Ich hab dich wohl noch nicht überzeugt hm? Weißt es beim Würfeln besser? Na dann denk mal an Folgendes:
Im ersten Fall fordert ein Spieler einen anderen zum Würfeln auf. Der Herausgeforderte hat in letzter zeit immer viel Glück gehabt. Daher vertraut er darauf, dass sein Wurf gut sein würde. Er geht drauf ein. Er hält es für wahrscheinlich zu gewinnen.
Im zweiten Fall wird einer aufgefordert, dessen Geliebte ihn vor einigen Tagen verlassen hat. Sein Pferd wurde gestern von einem Bären gerissen und als er sich heute frische Milch holte, ist ihm die Kanne vor der Haustür aus den Händen geglitten. Er lehnt die Herausforderung ab, denn er glaubt er sei vom Pech verfolgt. Er hält es für unwahrscheinlich zu gewinnen.
Es spielt also nicht nur mit in die subjektive Wahrscheinlichkeit hinein, ob man wirklich alle objektiven Faktoren kennt, sondern man müsste sich auch noch frei machen von allen subjektiven Faktoren, die die Folgerung des einzelnen beeinflussen. Die mangelnde Fähigkeit eines Menschen, ohne den Hintergrund der subjektiven Erfahrung objektive Folgerungen zu schließen, ist also der zweite Faktor, der eine objektive genaue Wahrscheinlichkeit unmöglich macht. (Insgeheim wissen wir ja, dass es bei beiden Fällen gleichwahrscheinlich sein müsste, gäbe es eine objektive Wahrscheinlichkeit.)

Nun liegt wohl die Frage nahe, wozu es dann eigentlich eine Wissenschaft gibt, wenn alles Wissen nur Thesen sind, auf die man sich nicht verlassen kann. Noch dazu alle Wahrscheinlichkeiten für den Einzelfall keine Bedeutungen haben?
Die Antwort liegt im Irrtum. Keiner irrt sich gerne. Um die Wahrscheinlichkeit eines Irrtums so gering wie möglich zu halten, bedient man sich der Wissenschaft. Die Wissenschaft dringt in Gebiete ein, die die Praxis nur sehr schwer oder gar nicht erreichen kann. Hierdurch entwickelt man Theorien, die Gewebe bilden, an denen entlang man sich weit ab eines möglichen Irrtums wägt. Eine Theorie hat umso länger Bestand, wenn mit ihr weniger Irrtümer auftreten. Eine Theorie zu finden, die endlich jeden Irrtum ausschließt, ist das Streben jeden Wissenschaftlers - alleine das Ziel zu erreichen ist für den Menschen unmöglich."
Das Brot ist längst in dem Kleinen Magen verschwunden. Zusammengerollt lässt sich Felix in seinem Schlaf nicht stören, als er in seine Ecke getragen wird. "Vielleicht", denkt sich der Mann, "ist Felix der einzige, den meine Künftigen Theorien interessieren werden." Doch das wird wohl nur die Zukunft beantworten, und wer weiss schon, wie wahrscheinlich das ist?
Theodore Fiero ist offline  
Geändert von Theodore Fiero (24.07.2004 um 19:11 Uhr).
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