Thema: [veröffentlicht] Zum aus der Haut fahren!
Einzelnen Beitrag anzeigen
Alt 25.07.2004, 04:22
#5
Theodore Fiero
Reisender
 
Registriert seit: 09 Nov 2002
Beiträge: 209
Heute scheint der Hausherr ziemlich müde. Jedoch tummelt sich Felix wieder vergnügt auf dem Tisch. Wohlmöglich ist es dem Vierbeiner reichlich gleich, was das Herrchen da so erzählt. Hauptsache man wird gegrault, bekommt das Abendessen angereicht, und eine ruhige Erzählung wiegt in den Schlaf. "Na fein, kleiner Racker, aber nicht mehr lange heute!" Zufrieden lässt sich der Herr auf einem der Sessel nieder und legt die Beine auf den gegenüberliegenden.

"Ist schon erschreckend, was man alles so folgern kann hm? Worüber heute? Glück und Pech? Zufall an sich? Glaube und Götter? Oder wie man mit der Erkenntnis umgehen kann, dass alles vorbestimmt ist? Oder lieber wieder zurück zur Praxis und was es nun wirklich bringt, zu folgern, lernen und wissen?" Für eine Weile beobachtet der Herr nur seinen Freund. Ob einer wußte, dass solch eine Art es schaffen kann, einen halben Tisch auf zwei Pfötchen langzuwackeln? Man muss nur ein mit Butter beschmiertes Brotstückchen vor ihm hertanzen lassen.
"Gut, dann also Götter und Glaube.
Zunächst einmal sollten wir doch unsere Gedanken auf die Frage wenden, ob Götter eigentlich einen freien Entscheidungswillen haben, und ob sie allwissend sind.
Das einfachste wäre sicherlich, beides träfe auf sie nicht zu. Dann brauchten wir gar nicht lange prüfen. Sie würden sich als "wesentlich mehr wissend" als Menschen einstufen lassen. Desweiteren könnten sie auch ihre Geschicke nicht lenken, sondern sie würden mitfließen in dem Strom der Faktoren. Sind wir doch mal ehrlich Felix, würden wir das ernsthaft annehmen, wäre die Zeit bis zum Schafott nicht mehr lang hm? Immerhin, wer sich darum nicht schert, könnte dem Gedanken weiter anhängen, das Ergebnis ist wirklich einfach und stimmig. Jedoch ist es auch farblos und langweilig. Wer will schon an einen Gott glauben, der kaum besser ist als die Menscchen selbst? Also würde man wohl gar nicht glauben. Und wer glaubt schon nicht?
Gut soweit - nehmen wir nun an, sie wären allwissend und hätten einen freien Willen. Gäbe es der Götter nur einen, wäre das unproblematisch. Er wäre der eine der alles weiss. Er könnte willkürlich irgendwo eingreiffen um die Abfolge der Ereinisse zu verändern. Was aber bei zweien? Da kommen wir dem sehr nahe was mir gestern schon durch den Kopf ging, allerdings seitenverkehrt.
Würden zwei oder mehr durch freien Entscheidungswillen, den laufenden Geschehensablauf verändern können, könnte keiner mehr wissen, was geschehen wird, da keiner weiß, wie der andere reagiert. Halten wir also fest: Freier Entscheidungswille der Götter und deren allwissenheit, ist bei mehren nicht möglich.
Felix? ist dir eigentlich bewußt, wohin wir da gerade eben mal gelangt sind? Wenn es einen allmächtigen Gott gibt, dann ist er der einzige seiner Art. Ist dir das zuvor schonmal so deutlich bewußt geworden? Na wie auch immer, ich fand es irgendwie beeindruckend... Gut also weiter.
Wie wäre es denn, wenn alle alles wüssten, aber keiner frei entscheiden könnte? Geht das über unsere Vorstellungskraft? Na versuchen wirs mal:
Du weisst also ganz genau was passieren wird. Du weisst auch, wann du eine Entscheidung triffst, die für etwas ausschlaggebend ist. Gäbe es nun einen guten Gott, dann würde er aufgrund seiner Einstellung, und seiner Ziele immer das Gute tun. Nicht nur das, er würde das tun was das Maximum an gutem für uns bedeutet. Na nun schau dich mal um hm? Sieht es so aus, als lebten wir im Schlaraffenland? Bedenke bitte nochmal, der Gott hätte keinen Entscheidungswillen, aber alles Wissen. Das heisst er macht nie etwas falsch beim verfolgen seiner Ziele. Wir sind uns wohl einig, dass daneben wieder kein Gott konkurrierend bestehen könnte. Also folgt, da wir weder im Schlaraffenland leben, noch wir alle in der Hölle schmoren, kann sich ein Gott nicht so perfekt durchgesetzt haben. Demnach kann es keinen Gott geben, der allwissend ist und dabei keine freie Entscheidung hat.
Im Ergebnis bleibt also: Es kann mehrere Götter geben, die im Unterschied zu uns Menschen, einen freien Entscheidungswillen haben, oder es gibt Einen allwissenden Gott, und die anderen - so leid es mir auch tut, haben weder einen freien Entscheidungswillen, noch sind sie allwissend. Also vieleicht etwas wissender als wir normalsterblichen. Tja was denkst du, Felix? Was würde wohl geschehen, wenn allen Menschen bewusst würde, dass es nur einen wirklichen allwissenden Gott gäbe, und die anderen alle nur ... hm sagen wir mal göttliche Gehilfen sind? Richtig, es käme zu einem Gemetzel.
Wo die Theorie zwei Möglichkeiten lässt, und so schnell keine Widerlegung einer der beiden zu erwarten ist, sollte man sich für die Entscheiden, die bequemer ist. Also gehen wir den gerechteren Weg, und einigen uns darauf, dass auch Götter nicht allwissend sind. Das wird zwar den Templern nicht unbedingt gefallen, jedoch haben sie eigentlich keine andere Wahl. Ist das nicht wieder überraschend? Gut nen kleinen Fehler räumt man unserem Beschützer immer mal ein, aber dass er nicht allwissend ist? Schon erstaunlich nicht?
So nun kombinieren wir das mal: Wir Menschen haben also keinen freien Entscheidungswillen. Wir sind also wenn man so will, die Tröpfchen in einem fließenden Bach. Die Götter hingegen, haben wirklich keinen großen Schimmer, warum die Tröpfchen da irgendwas treiben. Aber wenn es ihnen gefällt, halten sie ihren Finger hinein, um einen kleinen Strudel zu verursachen. Ich weiss wirklich nicht, ob ich mich mit der Vorstellung zufrieden geben will. Glaubt man aber, und ist Verfechter der Logik, so ist dieses Bild die einzige Möglichkeit eines friedlichen Nebenher von mehreren Göttern. Naja ganz so schlimm ists ja nun auch nicht. Die Götter hätten ja schon eine gewisse Ahnung warum wir was tun, und wohin ihr Eingreifen führen könnte. Im Grunde haben sie mehr Ahnung als wir uns träumen könnten. Nur halt was wirklich hinten bei rauskommt, das wissen nichtmal die Götter. Ich hoffe die Götter verzeihen mir, dass ich sie mal so nüchtern betrachtete. Aber zumindest einigen sollte es doch gefällig sein, wenn man zum einen seinen klaren Verstand hat spielen lassen, worin sie den Mittelpunkt bildeten, und zum anderen ja nichtmal eine freier Willensentscheidung hatte, ob man dies durchspielen wollte."
Nachdem der kleine Beutel am Kamin seinen nagenden Hausherren wieder im Schlafe schützt, steigt der Herr leise die Stufen empor. Diesmal wird wohl sein Gebet etwas länger ausfallen. Ganz kann er es allerdings nicht unterdrücken darüber nachzusinnen, ob sie gerade wissen, was sie tun.
Theodore Fiero ist offline  
Geändert von Theodore Fiero (25.07.2004 um 04:31 Uhr).
Mit Zitat antworten