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Alt 18.09.2004, 00:04
#2
Yanya Larthay
Reisender
 
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II – Herbsttage

Eine fahle Herbstsonne schien auf Yanya herunter, als sie vor die Türe trat, und diese leise hinter sich zuzog. Seitdem sie mit Dorian alleine im Sternenhimmelhaus wohnte, versuchte sie verbissen, auch alle Arbeiten rund um das Haus zu erledigen und für Dorian Mama und Schwester gleichzeitig zu sein. Er hatte einen wohlbehüteten Schlaf, ihr kleiner Bruder. Yanya hatte schon seit Tagen nicht mehr richtig einschlafen können, jede Nacht im Traum begegnete ihr Vadrak, sie stand ihm gegenüber, aber er konnte sie nicht sehen. In Ketten gelegt musste er auf einer Pritsche sitzen, abgemagert und bleich wie ein Geist. Im nächsten Traum sah sie das Schiff, mit dem Vio nach Faerlan gebracht wurde, in den Fluten versinken. Dann wachte sie mit nassen Wangen aus, tappte müde zu Dorians Bett und legte ihre Decke auf den Fußboden. Dorians kleine, heiße Hand haltend, glitt sie schließlich irgendwann wieder hinüber in ihre Traumwelt und fühlte sich ein bisschen weniger verlassen. Yanya fühlte sich von Dorian getröstet, er schlang Tag für Tag seine kleinen, dicken Ärmchen um sie und vertraute ihr völlig. Das gab ihr Auftrieb und freute sie, aber er konnte ihr trotzdem nicht Vio und Vadrak ersetzen. Sie hatte so viele Fragen, die ihr auf der Seele brannten, und mit denen sie alleine nicht fertig wurde.

Die Kälte und Feuchtigkeit, die vom Meer herzog, durchdrang Yanyas Kleidung. Durchfroren eilte sie nach drinnen und zog sich einen weiteren Umhang über. Der Wind fegte stürmisch über die Häuser an der Küste hinweg, der Geruch von Salz brannte in Yanyas Rehaugen. Sie kletterte hastig auf eine Leiter und löste das Holzschild, auf dem die Schrift „Sternenhimmelhaus“ schon fast völlig verwittert war, aus den Verankerungen. Das Schild an ihren Körper gepresst, schritt sie die paar Schritte bis zum äußersten Punkt der kleinen Halbinsel, an deren Rand das Haus erbaut war. Der Wind blies hier noch heftiger als vor dem Haus, wo sie wenigstens ein bisschen vor den Böen geschützt war, aber hier hatte sie das Gefühl, ihr Herz würde ein wenig leichter werden. Sie stellte sich vor, von hier aus Faerlan am nächsten zu sein. Ihre Nase, die noch von blassen Sommersprossen übersät war, die von den letzten warmen Tagen im Jahr kündeten, wurde kalt und kälter, ihre Wangen brannten rot. Yanya wickelte sich noch fester in den Umhang ein, darunter hatte sie das Schild verborgen.

Irgendwie musste sie dafür sorgen, dass Dorian und sie nicht verhungern mussten. Dank ihrer Freunde hatten sie jetzt eine Weile keine solchen Sorgen, Tom und Angelina hatten ihr genug zu essen dagelassen. Doch sie wand sich innerlich, als sie darum bat. Es war ihr peinlich, darum bitten zu müssen.
Der Sommer endete und mit ihm die Zeit, in der die Obstbäume, Sträucher und Hecken noch üppig blühten und man alle paar Schritte nur noch das Fallobst aufsammeln musste, das den Bäumen zu schwer geworden war. Der Herbst war nicht gerade gesegnet mit Obst, die Apfelbäume im Land blühten nur spärlich. Yanya lernte bitter, was es wirklich hieß, sich um sein tägliches Brot sorgen zu müssen. Sie lernte, das Essen einzuteilen, wobei sie ständig darauf achtete, dass Dorian ja nicht zu wenig bekam und immer satt wurde.

Dem Stand der Sonne nach zu urteilen würde er bald wach werden. Yanya streifte den Umhang ab und schälte sich aus dem zweiten, dessen Wollstoff ebenso durchnässt war von der allesdurchdringenden Feuchtigkeit. Sie hatte eine Prise Meerluft mithereingenommen und kniete nun vor dem Kamin. Anfangs war es ihr nie gelungen, richtig Feuer zu machen, immer noch jagten ihr Flammen Angst ein, weil sie davon geprägt war, zu glauben, Vadrak würde – wie das bei Ketzern üblich war, und wie man es auch mit Angelinas Vati hatte machen wollen – einen grausamen Tod auf dem Scheiterhaufen sterben. Aber mit zusammengebissenen Zähnen machte sie sich klar, dass sie Dorian nicht frieren lassen konnte. Holz sammeln wurde eine weitere wichtige Tätigkeit in ihrem täglichen Leben. Mittlerweile konnte sie gut mit Zunder und Feuerstein umgehen, ein paar Funken schlugen über und das Feuer wurde gemächlich angefacht. Eilig ergriff Yanya einen Topf mit Milch und hängte ihn über die Feuerstelle. Andächtig wickelte sie einen Brotlaib aus. In diesem Haus war eine Weile schon nichts mehr gesegnet worden, aber sie hatte früher oft beobachtet, wie Vadrak, bevor er etwas aß, dieses zuerst mit leise gemurmelten Worten Glaron weihte.

Yanya hatte wieder angefangen zu beten. Sie konnte sich nicht entsinnen, wann sie das zum letzten Mal gemacht hatte, ohne die Absicht zu haben, jemandem eine Freude zu machen, meistens Vadrak, indem sie mit ihm zu Glaron betete. Nun rief sie beide Götter an, Glaron, bei dem Vadrak so oft Trost gefunden hatte, und Volo, zu dem wohl auch Vio im fernen Faerlan betete. Sie konnte nicht genau sagen, ob sie sich wirklich erhoffte, Hilfe von ihnen zu erhalten, ob Glaron nicht immer noch zornig war auf Vadrak, weil er ihn verleugnete. Aber mit irgendjemandem musste sie schließlich sprechen, und Dorian konnte sie all ihre Sorgen nicht anvertrauen, er würde sie nur fragend mit seinen großen, wunderschönen Augen ansehen, sie anlächeln und dann fest drücken.

Unter diesem Dach lebten allerdings zwei völlig verschiedene Glaubensarten, oder hatten vielmehr gelebt, und Yanya begann, beide in sich zu vereinen. Yanyas Art von Kleidung hatte einen bestimmten Grund, nicht umsonst trug sie nur noch Rot. Rot und Weiß waren Glarons Farben, Rot und Grün hingegen Volos.
Das junge Mädchen beugte sich über den Tisch und ritzte konzentriert auf die eine Seite des Brotes ein Sonnensymbol, auf die andere eine Weinranke. Sie legte ihre Hände auf den Brotlaib und wisperte ein kleines Gebet. Nun fühlte sie sich etwas besser. Bedächtig bestrich sie zwei Brotschnitten mit Butter und Honig. Auch die Milch kochte mittlerweile, Yanya griff nach einem Lappen und nahm sie vom Feuer. Sie mochte den Geruch von warmer Milch, es gab ihr ein Gefühl von Geborgenheit irgendwie. Auf einem Holzbrett stellte sie die dampfende Milch ab und öffnete ganz leise die Tür zum Schlafzimmer. Diese Nacht hatten Dorian und sie in dem großen Doppelbett ihrer Eltern geschlafen. Yanya hatte noch weniger Schlaf als in den letzten Tagen gefunden, weil sie sich in einer Geruchskulisse wiederfand, wo jedes Schniefen sie an Vio und Vadrak erinnerte und sie weinen musste vor Sehnsucht, das Schluchzen in den Kissen erstickend, damit Dorian nicht aus seinen Träumen gerissen wurde.

Er hatte sich zusammengerollt, von der Türe aus wirkte das kleine Bündel unter der Bettdecke wie eine Kugel oder ein Igel dachte Yanya, und ein Lächeln malte sich auf ihre Lippen. Rasch krabbelte sie auf das hohe Bett und näherte sich mit ihrem Gesicht dem kleinen Brüderchen. Liebevoll kitzelte sie ihn unter dem Kinn, Dorians Antwort darauf war ein kleines Niesen, das klang wie das einer Katze. Yanya küsste ihn auf das Näschen. Verdutzt blinzelten zwei strahlende Blauaugen sie an. Ein Strahlen ging über das von den Kissen zerdrückte Gesichtchen, Dorian schlang die Arme um sie und war plötzlich putzmunter. „Morjn Yaya“, kam es aus seinem Mund. „Hunger!“, folgte gleich darauf. Yanya setzte ihn auf das Bett und kniete sich davor. „Was machen wir zuerst?“ Diese Frage stellte sie ihm jeden Morgen. Und wie jeden Morgen kam prompt und triumphierend die Antwort: „Anziehn, waschen!“ Yani nickte anerkennend und gab ihm noch einen Kuss auf die Wange.
„Hände hoch.“ Dorian kicherte, während Yani ihm das Hemd über den Kopf zog und rasch ein frisches suchte, damit er nicht fror. Sie kitzelte ihn unter den Armen und lachte, während sie ihm half, sich anzuziehen. Jeden Tag versuchte sie, ihm beizubringen, immer mehr Knöpfe alleine zuzumachen, damit er lernte, selbstständig zu sein. Nach einer Katzenwäsche trug sie ihn nach draußen, einen Arm unter seinem Po, den andern um ihn gelegt. Das Gewicht ihres kleinen Bruders wurde ihr immer vertrauter.
Zusammen frühstückten sie schließlich, später würde Yanya ihn mitnehmen nach draußen, um Holz zu sammeln, wenn sie sich überwinden konnte, die Hände in das eisige Wasser zu stecken, Wäsche zu waschen und nachher, um Kastanien zu sammeln, mit denen sie zum einen auch das Feuer wach hielt, zum anderen um mit ihnen kleine Tiere zu bauen, mit denen sie vor dem Schlafengehen spielen konnten. Dorian brachte Yanya zum Lachen, in dem er die Geräusche nachmachte, die solche Tiere von sich gaben. Und später, wenn sie ihn dann satt und glücklich ins Bett gebracht hätte, würde sie sich an den Tisch setzen und im Schein des Feuers das Alchemiebuch durchlesen, obwohl sie es mittlerweile auswendig kannte. Sie würde ein paar der Kräuter hervorholen, die sie vielleicht beim Holzsammeln gefunden hätten, und versuchen, sie zuzuordnen. Dann würde sie das Feuer löschen, niemals ließ sie es die Nacht über brennen, der Gedanke, zu schlafen, während es unbewacht loderte, war ihr gänzlich zuwider.

Aber im Moment noch pinselte Yanya das Schild neu, während Dorian sein Brot verspeiste. Sie malte vier Sterne auf das Schild und hoffte von Herzen, die beiden fehlenden Sterne würden bald wieder zurückkehren.
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