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Alt 11.06.2005, 15:26
#11
Yanya Larthay
Reisender
 
Registriert seit: 25 Nov 2003
Beiträge: 72
18 im Lorica 1286

Wieder war es Herbst. Die Stille hier war drückend und lastete schwer auf Yanya. Eine weitere Nacht, in der sie, zerzaust und müde, vor dem Kamin saß und ihre am Tage gesammelten Kräuter zu Bündeln band. Dorian schlief schon seit Stunden, es musste schon weit nach Mitternacht sein.
Ein kleiner Schmerzenslaut drang über Yanyas Lippen, als sich ein Dorn, versteckt in einem Korb mit Nachtschattengewächsen in ihren Zeigefinger bohrte. Wütend wischte sie das Körbchen mit einer abrupten Handbewegung zur Seite und horchte dann erschrocken auf etwaige Geräusche aus Dorians Kammer. Nichts. Er schlief selig, der kleine blonde Engel.
Nachdenklich saugte Yanya das Tröpfchen Blut von ihrem Zeigefinger und setzte sich aufs Bett, mit gerunzelter Stirne die verstreuten Häufchen von Kräutern auf den Holzdielen betrachtend. Sie zog die Beine an und starrte an die Wand gegenüber, wo ihr Bruder lag, hoffentlich glücklich in seinen Träumen.

Angelina hatte ihr heute Nachmittag etwas erzählt, das Yanya dazu gebracht hatte, sich zu schwören, nie mehr so viel zu arbeiten wie in letzter Zeit.
Im letzten halben Jahr hatte Yanya jegliche Gedanken an Vior’la und Vadrak in sich zum Verstummen gezwungen. Artes war längst aus ihrem Leben verschwunden und gab ihr auch keinen Anlass mehr, sich in schlaflosen Nächten im Bett herumzudrehen. Ihr Leben war so geregelt wie noch nie vorher. Alle Ängste von früher waren mit einem Mal zu Nichtigkeiten geworden – hatte Yanya gedacht. Hier im Fenistal fragte niemand genauer nach ihrem Glauben – hatte Yanya gedacht.
Ganz so einfach war es allerdings doch nicht.
Angelina hatte sie gestern danach gefragt. "Yanya, woran glaubst du eigentlich?". Woran denn nun? Glaron? Nein. Volo? Wer wusste das schon. Alwyzz, so wie Angelina? Kaum. Schließlich hatte Yanya geantwortet: "An die Vernunft. Ich glaube an die Vernunft, selbst entscheiden zu können, was gut für mich ist." Aber das stimmte so nicht. Im Grunde sehnte sie sich nur danach, so zu sein wie Angelina, Vio oder Vadrak. Sie alle hatten immer etwas gehabt, an dem sie sich festhalten konnten. Yanya fühlte sich, als würde sie ständig fallen, haltlos und ungebremst, nur um irgendwann einmal hart am Grund der Schlucht aufzuschlagen. Außer ihren Idealen und den wenigen Menschen, die ihr wirklich etwas bedeuteten, hatte sie nichts, um sich festzuhalten.

Gestern, als sie mit Angelina nachts in Miras’ Haus gesessen war, hatte die ihr mitgeteilt, dass Dorian sich neuerdings wünschte, Templer zu werden.

Mit einem Schlag fühlte Yanya sich in die Knie gedrückt. Alles, alles kam wieder hoch. Sie war wieder elf Jahre alt, wieder wartete sie auf Vadrak, wieder roch es nach Weihrauch und schwimmendem Kerzenwachs. Später saß sie vor dem Inquisitor Kengrand auf einem Stuhl, während ihr Fragen gestellt wurden, die sie nicht wahrheitsgetreu beantworten konnte. Verflucht. Würden sie denn niemals aus ihrem Leben verschwinden?
Dann beschloss sie, sich zusammenzunehmen. Sie würde genauso rational an die Sache herangehen, wie sie auch arbeitete:

Dorian wollte also Templer werden. Das war nicht so verwunderlich, schließlich hatte Yanya ihm von Vadrak nur die heldenhaftesten Geschichten erzählt – allerdings hatte sie dabei übersehen, dass er seinen Vater nachahmen wollte. Sie war eben doch keine richtige Mutter, sonst wäre ihr das längst aufgefallen.
Schön, Yanya würde ihm auf einem sanften Weg beibringen, was das hieß: Enthaltsamkeit, Demut, Gehorsam. Für einen kleinen Jungen seines Alters bedeutete das: Hinweise darauf, dass Genüsse wie Süßes in Zukunft nichts in seinem Leben zu suchen hatten, Andeutungen darauf, dass es ihm als Erwachsenen nicht erlaubt sein würde, ein Mädchen lieb zu haben in der Art wie Miras und Angi sich liebten, und so weiter.
Wenn er sich davon nicht beeindrucken ließ, würde Yanya eben die zehn Gebote Glarons an die Wand schlagen, Dorian die Todsünden lehren und dann sehen, wie stark sein Wunsch, Paladin zu werden schlussendlich noch wahr.
Vielleicht konnte ihr sogar Dorians kleine Freundin Sianne noch ein wenig helfen. Mal sehen, was sie davon hielt, dass ihr Onkel Paladin werden wollte.

Ohne es zu merken, glitten Yanyas Gedanken nun über zu ihrem eigenen Leben. Was hatte sie das letzte halbe Jahr davon gehabt? Unwillkürlich sah sie an sich hinunter. Noch magerer als sonst. Wie lange hatte sie schon nicht mehr in den Spiegel gesehen? Nein, dieses Abschotten und stumpfe Arbeiten hatte keinen Sinn. Die Lust daran war ihr gründlich vergangen. Es war nur ein verführerisches Mittel gewesen, die Geschehnisse der Vergangenheit zu begraben. Aber jetzt hatte Yanya deutlich genug davon. Genug von all der Trauer um Vadrak, der Ungewissheit um Vior’las Verbleib. Genug von durchwachten und durchweinten Nächten. Ihr Leben sollte sich nicht mehr um Vergangenes drehen. Wozu war sie achtzehn Jahre alt?
Etwas begann sich in Yanya zu regen. Eine Sehnsucht nach der wirklichen, echten Welt. Nach anderen, noch unbekannten Menschen. Nach durchtanzten Nächten, nach bunten Kleidern und Musik. Mit dieser so neuen, eigenartigen Sehnsucht im Bauch schlief sie irgendwann doch noch, müde, ratlos, ungekämmt.
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Geändert von Yanya Larthay (11.06.2005 um 15:45 Uhr).
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