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Alt 22.08.2006, 23:31
#14
Yanya Larthay
Reisender
 
Registriert seit: 25 Nov 2003
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Heimkehr

Seit einer Stunde schon saß Yanya im kalten Gras und betrachtete in der Dämmerung die Lichter von Fenisthal. Nachdenklich saß sie dort, den schmalen Rücken an die Eiche hinter sich gelehnt, mit den Händen ihre Schläfen reibend, weil sie nicht wusste, wie sie es anstellen sollte.
Die ganze Überfahrt lang hatte sie sich den Kopf darüber zerbrochen, mit welchen Worten sie Dorian und Angelina entgegentreten würde, doch nun, nur ein paar Schritte vor dem Ziel hatte der Mut sie verlassen. „Feigling“, murmelte sie leise, „reiß dich am Riemen“. Doch selbst das hatte nicht die erhoffte Wirkung, die Kälte kroch ihr allmählich in die Glieder und Yanya hauchte in ihre Hände, um sie zu vertreiben. Ehe sie endlich eine Entscheidung fällen konnte, wurde diese ihr abgenommen. Ein lebhaftes Wiehern war zu vernehmen, und aus der Dämmerung trabte ein Yanya nur allzubekanntes Pferd auf sie zu - unverkennbar Leya, Angelinas vielleicht zweitliebste Freundin auf dieser Welt.

Die Stute schnaubte und neigte sich neugierig herab zu der sitzenden Yanya. Bei Angelinas Anblick, die Leya folgte, vergaß Yanya alles, was sie sich bisher an Erklärungen zurecht gelegt hatte. Wie erwachsen die kleine, stämmige Angi von früher geworden war! Sie hatte etwas von ihren Muskeln eingebüßt, zurückgeblieben war eine schöne, junge Frau mit kunstvoll geflochtenen Haaren und - das fiel Yanya als nächstes ins Auge - ohne Bewaffnung, eigentlich sehr unüblich für Angelina. Stumm verharrte Yanyas beste und älteste Freundin, bis sie sich aus der Erstarrung löste, einen Schritt auf Yanya zumachte, die sich zögernd erhoben hatte, nicht sicher, wie Angelina reagieren würde, und sie in die Arme schloss.

Diese atmete ruhig in Angis Armen aus, schloss für einen Moment ihre Augen und dankte den Göttern für diesen Menschen, der sie hier empfing, als hätte sie nicht ihrer Vergangenheit einfach den Rücken gekehrt und sich Hals über Kopf in ein falsches Leben gestürzt. Sie würde nie zum Ausdruck bringen können, wieviel ihr diese eine Umarmung bedeutete, egal was danach noch kommen mochte. Egal, was ihr Angi oder sie selbst sich noch vorwerfen würden.

Wenige Zeit später saß sie Angelina Auge in Auge in ihrem alten Haus gegenüber, auf kaputten Möbeln, inmitten eines Meers aus Staub, Erinnerung und Spinnweben und versuchte, ihr die Erklärung zu geben, die sie verdient hatte. Schonungslos mit sich selbst öffnete sie Seite für Seite die Blätter ihres Lebens für Angelina, gestand ihre Verzweiflung und ihre Bitterkeit ein und konnte doch nie die Worte finden, die alles entschuldigt hätten. Als Angi sie fragte, ob sie sich überhaupt bewusst sei, dass sie gedacht hätte, Yanya läge tot und verfaulend in irgendeinem Wald konnte diese nur still nicken. Was hatte sie ihr auch entgegenzusetzen?

Angis Großherzigkeit und Zuneigung ließen es bei dem einen Ausbruch bewenden. Die beiden umarmten sich wieder und Yanya unterdrückte die Tränen, so sehr übermannte sie dieses Gefühl von absoluter Freundschaft, der selbst so ein Verrat keinen völligen Schaden zufügen konnte. „Ich weiß nicht, ob ich dir je vergelten kann, wie du mir einfach verzeihst.“ Und sie wusste es wirklich nicht..

Auf die Frage, was Angi davon hielte, wenn sie Dorian nicht so überfiele, sondern ihm stattdessen einen Brief schriebe, meinte Angelina, sie wäre sich fast sicher, Dorian bevorzuge den direkten Weg, doch Yanya sollte es machen wie sie glaubte es sei richtig.

Arm in Arm verließen sie das vernachlässigte Haus und machten sich auf einen Spaziergang. Yanya war neugierig auf Britain und staunte über all die Dinge und Gebäude, die sich in drei Jahren verändert hatten. Erst als sie die Stadt ein gutes Stück hinter sich gelassen hatten, fiel Yanya auf, wohin der Weg führte. „Sag, hat es einen Grund warum wir den Weg zum Kloster nehmen?“ Angelina lachte nur: „Es ist doch ein schöner Weg.“, und sagte nichts weiter. Yanya zog die Nase kraus. Ganz traute sie dem Frieden nicht. Sie kannte Angi zu gut, um nicht zu vermuten, dass sie etwas im Hinterkopf hatte. Tatsächlich verlangsamte diese ihren Schritt erst vor den Toren des Klosters. Yanya schluckte. Die hohen Mauern wirkten ebenso bedrohlich wie früher, nichts hatte sich verändert. Mit steigendem Unmut versuchte sie, das Gefühl niederzukämpfen. Es verflog, als eine Jungengestalt an die Gitter trat und der Blondschopf, der fast schon so groß wie Yanya geworden war, die beiden aus seinen grünen Augen, die denen seiner Mutter schmerzlich ähnlich waren, Angi und Yanya höflich grüßte, ehe er merkte wer vor ihm stand.

Wieder brauchte Yanya sich nicht wappnen gegen einen einzigen Vorwurf, Dorian flog in ihre Arme und die Geschwister hielten sich fest - eine kleine Ewigkeit in einer angehaltenen Zeit. Yanyas Herz drohte, unter diesem Glück zu zerbersten. In Gedanken schickte sie Jonas ein Dankeschön, denn er hatte ihr den Impuls in die richtige Richtung gegeben und sie dazu getrieben, zurückzukehren.
Dorian zog die beiden Mädchen ins Kloster hinein, obwohl sie beide sich wohl innerlich sehr einig darüber waren, dass sie nicht eben gerne an diesem Ort weilten. In dem ruhigen, beschaulichen Hof wartete bereits ein in seine Bücher vertiefter Mensch darauf, für eine Audienz bei Vingril Kengrand vorgelassen zu werden. Als Yanya den Namen vernahm, lief es ihr kalt über den Rücken.
Sie hatte nichts vergessen.. nur ein Lidschlag und sie roch wieder das Weihwasser, spürte die Hitze auf den Wangen und sah den Inquisitor drohend und riesig groß vor sich sitzen. Sie war noch ein Kind gewesen, aber sie hatte nichts vergessen. Dann war er also wieder in Britain. Bei dem Gedanken, sich freiwillig hinter diese abgeschlossenen Gitter begeben zu haben, wurde Yanya übel. „Für Dorian, du tust das für Dorian!“, hämmerte es hinter ihrer Stirne.

„Ich musste schon so lange auf eine Audienz warten“, erzählte der Kleine seiner Schwester und Angelina mit bittendem Blick. Zwölf Jahre war er nun alt, seine klugen Augen betrachteten die Welt, sein wacher Geist beschäftigte sich mit ihr. Dorian stellte sich viele Fragen, zuviele, dachte Yanya manchmal. Mak, der kleine Straßenjunge aus Faerlan, hätte Dorian einen „richtigen Nachdenker“ genannt.
Die drei saßen lange auf der Bank, während von drinnen zahlreiche Stimmen zu vernehmen waren. Angelina betonte, sie friere sich die Zehen ab. Erst zu diesem Zeitpunkt merkte auch Yanya, wie kalt es geworden war. „Lasst uns in die Bibliothek hinaufgehen“, schlug Dorian vor. Yanya war nicht allzu wohl dabei, lieber wäre sie unter freiem Himmel geblieben, wenn sie auch in der Regel von der Verlockung einer Bibliothek kaum lassen konnte. Doch da drin war alles nur noch mehr überladen mit Erinnerung. Andererseits hatte sie es manchmal gehörig satt, immer mit einem Fuß in der Vergangenheit zu leben. Das bewog sie auch, mit Dorian zu gehen. Es war schließlich nur eine Bibliothek! Vior’la und Vadrak waren lange fort, ihren Kindern wollte niemand etwas Böses und sie hatten auch nichts getan, was irgendjemandes’ Anstoß erregen konnte.

Zu dritt stiegen sie die Stufen hinauf, doch sie waren kaum in dem mit Büchern überladenen Raum angekommen, als Inquisitor Kengrand ihnen schon gefolgt war und sie hieß, ihm ins Refektorium zu folgen. Yanya sah ihn flüchtig an, vermied aber einen direkten Augenkontakt. In besagtem Refektorium waren sie wieder angehalten, zu warten. Dorian wurde langsam immer unruhiger, und Angi stichelte, jetzt würde er ja erkennen, wieviel er den Templern wert war. Sie meinte es nicht böse, kam aber genau wie Yanya wohl nicht sonderlich gut mit Dorians Wünschen zurecht. Er fühlte sich wohl hier als einziger von ihnen.. um ihm die Zeit besser zu vertreiben, schüttelte Angelina ein Märchen aus der Tasche, das sie alle ablenkte. Yanya konnte nur immer wieder staunen über dieses Talent, Geschichten zu erzählen und Dorian hing an Angis Lippen. Schließlich ging auch diese Geschichte zuende und die Warterei wurde ihnen zu dumm. Sie stiegen wieder hinunter in den Hof, wo eben jemand von der Garde abgeführt wurde, der das Tun der Gardisten nur ständig mit einem bemüht überlegenen Grinsen kommentierte. Schließlich und endlich dachte Dorian schon, er würde nun an die Reihe kommen, doch zog Inqusitor Kengrand Aledan Celnath vor und bat Dorian, noch zu warten.
Seufzend setzten sich die drei wieder. Dieses Gespräch nahm allerdings tatsächlich weniger Zeit in Anspruch, und Dorian wurde hineingeholt, während Angi und Yanya sich auf die Treppe setzten und warteten.

Angi hakte nach wegen Jonas und Yanya versuchte, ihn zu beschreiben. Sie schloss leise lachend mit den Worten: „Er wäre dein Traumprinz gewesen.“, weil Angi als Kind ja unbedingt später einmal mit Pferden arbeiten wollte. Auf der dunklen Treppe gestand Angi ihr, sie habe Miras fast betrogen mit einem gewissen Kyren. Yanya hob vielsagend die Augenbrauen, sagte aber nichts weiter dazu. Sie genoss das Gefühl, mit Angi reden zu können als wären sie nie getrennt gewesen. Das macht wohl eine wirkliche, echte Freundschaft aus. So eine Freundschaft wie diese gab es nur einmal im Leben, das wusste Yanya einfach.
Nach einer Weile trat Dorian aus der Tür und lächelte - offensichtlich war es ein fruchtbares Gespräch gewesen. Angelina wünschte Kengrand eine gute Nacht, worauf er bloß antwortete, er wisse schon gar nicht mehr, wie sein Bett aussähe. Yanya gluckste, als Angi hinter seinem Rücken trocken bemerkte: "Klein."

Unter zahlreichen Höflichkeiten verabschiedete man sich am Tor, und Yanya atmete tief auf, als sie das Kloster ein paar Schritte hinter sich gelassen hatten. „Er hat dich nicht erkannt“, vermutete Dorian auf dem Nachhauseweg.
Yanya murmelte: „Das finde ich gar nicht so schlecht.“

Doch vielleicht musste sie ihre Meinung von Vingril Kengrand auch revidieren. Dorian sprach gut von ihm, und er brauchte jemanden, zu dem er mit seinen Fragen über Glaron gehen konnte. Es war vielleicht Zeit, anzuerkennen, dass sie dafür schlichtweg ungeeignet war und dieser merkwürdige, ernste Templer sehr gut. Über diesem Gedanken schlief Yanya schließlich erschöpft an Dorians Seite ein, glücklich, ihn wiederzuhaben und endlich dort angekommen zu sein, wo sie in Wahrheit hingehörte.
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Geändert von Yanya Larthay (23.08.2006 um 00:15 Uhr).
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