Thema: Ernestine
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Alt 07.04.2011, 09:27
#26
Ernestine Remlim
Reisender
 
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(Im Jahr 1304, 19 Jahre alt)

Sorgsam legte Ernestine einen aussortierten Umhang auf einem Baumstamm, der am Boden lag und setzte sich langsam nieder. Die Tatsache, dass Herbst war, ließ die täglichen Ausritte etwas ungemütlicher werden. Doch irgendwo war es auch angenehm zu spüren, wie der Wind einem die Wangen kühlte.
Thomas, ihr treuer Hengst ging schnaufend zum kleinen Flüsschen und stillte seinen Durst. Er war wie Ernestine, wenn sie trainierte. Zuerst ein wenig darauf bedacht, nicht zu viel zu tun…. Denn man würde schwitzen, die Haare würden verrutschen und und und. Alles Momente, in denen sich Ernestine nicht gern Anderen zeigte. Doch dann- nach einigen Momenten- wenn der Schweiß bereits auf der Stirn perlte, geriet sie in einen Rausch. Sie wollte mehr! Sie wollte spüren, wo ihre eigenen Grenzen waren- und sie wollte sie überwinden! Genau so war es wohl bei Thomas… er gallopierte nach einigen Minuten rasanter, fordernder und sicherlich auch übermütiger, als er es am Anfang eines Rittes tat. So lange, bis seine Lungen rebellierten und ihn zu einer Pause zwangen. Sie waren weit geritten. Irgendeinem Waldpfad waren sie gefolgt und letzendlich hier, an einem kleinen Flüsschen gestrandet.

Ernestines Blick fiel auf die pechschwarzen, fellenden Handschuhe, die sie sich auf den Schoß legte. Sie waren wunderschön…. Das schwarze Pantherfell schien bei jedem ach so kleinen Sonnenstrahl zu glänzen. Und sie passten perfekt! Außerdem waren sie sehr gut gegen die herbstliche Kälte.
Tine hatte die Handschuhe von einem reisenden Händler bekommen. Herr Eduardsson war gerade bei Ernestine daheim gewesen um sich für ihre Geburtstagsfeier anzumelden, als sie Hilfeschreie hörten. Der Händler berichtete, dass ihn Orken direkt vor Minoc überfallen hätten. Vardr und auch Ernestine kam der unsagbare Mut des Händlers ein wenig seltsam vor. Sie waren sich nicht sicher… ob… er wirklich ein Händler war, oder irgendeiner Räuberbande entsprang, zu der er sie führen wollte. Doch der Händler behielt recht und beide Schützen legten die Orken mit einigen Schüssen danieder. Der Händler war dankbar und schenkte Vardr einen schwarzen Dolch und ihr diese hübschen Pantherhandschuhe…
Eigentlich war es eine freundliche Geste gewesen. Und doch konnte sich Ernestine nun nicht wirklich darüber freuen. Sie hatte erfahren, dass sich Vardr’s Dolch „selbstständig“ gemacht hatte. Unschöne Geschichte – böse Geschichte. Und nun hatte Ernestine bedenken, die Handschuhe zu tragen. Vielleicht war es zu vorsichtig?! Vielleicht sollte sie die Handschuhe normal behandeln? Oder sollte sie sie gar lieber wegschließen und gar nicht mit sich herumtragen?! Waren sie verflucht…?

Ein leises, missbilligendes Brummen entfleuchte ihrer Kehle und sie schüttelte den Gedanken ab.

Wie auch immer… es würde sich schon richten. Mit Glarons Hilfe würde sich eh alles richten!... Glaron…

Seufzend warf sie einen Blick gen Himmel der voller grauer Wolken durchzogen war. Erst vor einigen Tagen hatte sie mit Alessandra eine halbe Nacht über eben jenes Thema gesprochen. Alessandra sah so vieles falsch… das Glaron etwa den Körperkontakt zum Manne verbot war keine Strafe oder ein böses Übel! Er hatte diese Regel erlassen, um Frauen zu schützen. Davor sich zu beschmutzen und vor allem davor, einen Bastard auszutragen. Sicher- man konnte ein Kind ohne Vater großziehen- doch wenn man weiterdenkt: es verbaut einer Frau sehr viele Wege. Sei es beruflich oder aber privat! Welcher Mann nahm schon _gerne_ eine Frau, die ein Kind von einem Anderen hat?!... Niemand. Also war diese Regel, dass man sich einem Mann erst nach der Eheschließung öffnen darf absolut väterlich und gut gemeint. Und so viele andere Dinge waren so unendlich einleuchtend in Ernestines Augen. Nur Alessandra… verstand nicht so recht. Aber das war in Ordnung. Tine wollte Alessandra helfen zu verstehen. Und die Tatsache, dass Alessandra wieder beginnen würde mit Glaron zu „sprechen“ war Erfolg genug.

Tja… was Glaron wohl für Pläne hatte?! Ernestine tat es höchst ungern über sich selbst nachzudenken. Doch nun, wo sie das 19te Lebensjahr erreicht hatte lag sie einige Male wach im Bett und konnte nicht aufhören nachzudenken. Nicht etwa über die Garde oder irgendwelche Aufgaben, die sie noch zu erfüllen hatte… nein – es ging um ihr eigenes Leben. Und sie kam sich immer- wenn sie darüber nachdachte, sehr egoistisch vor. Denn eigentlich wollte sie nicht über _sich_ nachdenken. Und eigentlich wollte sie auch nicht darüber nachdenken, ob sie einmal Kinder gebehren würde- oder nicht. Denn eigentlich wollte sie ja gar keine Kinder! Sie waren laut, hilflos, egoistisch, stinkend, sabbernd, nervenraubend und… zerbrechlich. Alles Dinge die eine Mutter dazu zwingen würde… das ganze vorige Leben aufzugeben- oder zumindest zu ändern. Eine Tatsache, die Ernestine nicht einsehen wollte.
Und doch… hatte sie diese Sehnsucht nach irgendwem… Besonderen. Seltsam und beängstigend, dass sie diese Gedanken nicht abschalten konnte….

Vielleicht würde es bei der Garde bald „Nachwuchs“ geben. Saykel Astir war der Name des jungen Mannes, den Ernestine im Tala kennen gelernt hatte. Ein durchaus freundlicher, erzogener und doch gezeichneter Mann. Ernestine würde ihn auf Anfang 20 schätzen. Sie hatten sich eine ganze Weile nett unterhalten und als Jonas den Tala betrat… war es ganz seltsam. Auf der einen Seite freute Ernestine sich über Jonas- auf der anderen Seite stieg eine gewisse Hitze in ihre Wangen. Es war fast so, als würde sie sich bei etwas Verbotenen erwischt fühlen- was natürlich Unsinn war! Nun… man würde sehen, ob dieser Mann der Garde beitreten würde. Immerhin war er bereits Soldat gewesen – Vielleicht war die Garde also das Richtige für ihn. Und wenn es so kommen würde- würde Ernestine ihn gern ausbilden.

"Genug mit denken..." murmelte sie langsam vor sich her, erhob sie und spazierte den Drei-Stunden-Spaziergang zurück nach Minoc wobei ihr Thomas treu folgte.
Ernestine Remlim ist offline  
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