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Alt 03.11.2014, 19:11
#19
Valerius Cordan
Reisender
 
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Kapitel 18 – Ein starker Mann...

Die Blätter färbten sich in ein bunten Farbenspiel und die ersten kühleren Tage und Nächte hatten die Menschen dazu bewogen , sich fester zu kleiden. Laub lag auf den Wegen , in den Gassen. Valerius Weg führte ihn zu seiner Schönheit, die ihm die neuen Schnittmuster für seine Uniformen zeigen wollte. Bei seiner Reise ließ er die Gedanken kreisen. Marik ging reglich seinen Aufgaben nach und auch Kathz fügte sich immer besser in die Strukturen der Gemeinschaft ein. Der Gelehrte Uriel war eine Bereicherung für die Gemeinschaft, hatte er doch einen wachen Verstand , gepaart mit einer tief sitzenden Grausamkeit. Valerius vermutete das die Zeit kommen würde, in dem der Magus seine Schwächen offenbarte und er machte sich innerlich bereit, diesem entgegen zu treten. Da kam der Gedanke an sie, Paulina. Valerius, der auf einem Pfad durch den Wald spazierte bei schönem Sonnenschein , griff sich in seine Brusttasche und holte einen Brief hervor. Langsam falltete er das kostbare Schriftstück auf und laß ihre Zeilen aus blauer Tinte:

Die Sehnsucht trieb mich -*

Sie trieb mich dazu an ein Papier an mich zu nehmen, die Feder in die Tinte zu tauchen um dir diesen Brief zu schreiben.*

Die Sehnsucht nach dir lässt mich meinen Stolz vergessen der da sagt, ich solle auf deine Briefe warten und nicht den ersten Schritt tun.

Die Sehnsucht nach deiner Nähe lässt mich umherwandern ohne wirklicher Hoffnung dich zu finden... ich muss bald erfahren, wo du lebst - damit ich meine Sehnsucht stillen kann.

Die Sehnsucht nach deiner Stimme lässt mich aufhorchen, wenn der Wind mit meinem Haar spielt - bist du es, der da flüstert?

Die Sehnsucht nach deinem Geruch ist aber die quälendste Sehnsucht... ich möchte dich riechen und ich möchte dich bei mir halten.*

Sei dir gewiss, dass du mein Herz gewonnen hast - denn jene Sehnsucht wächst und war mir bisher unbekannt - sie ist fast quälend und hindert mich daran, mit klarem Kopf dem Handwerk nachzugehen.

Erlöse mich alsbald - deine Schönheit - deine Paulina - die Deine



Ein knappes Lächeln formte sich auf seinen Lippen als er das Schriftstück wieder in seine Brusttasche steckte. Diese Zeilen waren so kostbar für ihn, weil er nun wusste das sie ihm gehörte. Das die Jagd erfolgreich war und in Valerius flammte der Stolz auf. Mit diesem Moment gingen seine Gedanken an seine Königin , die Herrin des Rattenheers. Er wusste das er auf ihrem Pfad wandelte und das sie ihn für seine Bemühungen mit einer solchen Schönheit belohnte. Er hatte hart gearbeitet für die Gemeinschaft, für seine dunkle Mutter und an sich selbst. Valerius erkannte an sich neue Seiten. Erkannte etwas von Bedeutung für den Menschen. Schmerz und Leid waren allgegenwärtig im Leben eines Dieners der Mutter. Qualen und Krankheiten ihre Gaben. Doch für ein beständiges Werk, bedarf es einer festen Gemeinschaft. Bedarf es Handwerkern und Frauen die eine Armee versorgten. Frauen waren der Schlüssel zum Sieg. Hinter einem starken Mann , da steht eine starke Frau , so erinnerte sich Valerius an die Worte seiner alten Mutter. Die Erkenntnis über diese Weisheit und ihren Gehalt, brachten Anerkennung für seine einstige, menschliche Mutter hervor. Und da kamen wieder die Gedanken an sie, Paulina. In seinen Träumen würde sie ihm einen Sohn schenken , einen wahren Diener der schwarzen Schönheit. Doch sie schenkte ihm soviel mehr. Valerius gab ihr Zeit , gab ihr Raum. Ihre Seele sollte sich entfallten als die Last des falschen Glaubens von ihr abgefallen war. Sie sollte sich finden , ihre Stärke. Er, Valerius, trat zurück, ging auf die Machtspiele ein , die sich zwischen Mann und Frau geben. Er war ein Ehrenmann und war geduldig. Geduldig... Valerius hatte das Gefühl schon eine Ewigkeit auf dieser Insel , für den Willen seiner dunklen Mutter zu streiten. Es gab Aufzeichnungen , Berichte und Legenden über Andere mit dem Mal der Ratte. Doch sie alle fanden einen schnellen Tod, fanden sich vor dem Scharfrichter und in übereifrigen Duellen wieder. Was war schon das Leben eines Priesters der falschen Götter, für ein Werk von Bestand ? Für die Ewigkeit ? Eine Armee zu formen die sich aller lästerlichen Beter annahm , war das Ziel seiner Königin und er würde ihr ergebenster Diener werden. Ein Diener , ein Gesegneter, ein Streiter für Gerechtigkeit und Ehre. Und dann war das Paulina. Die schöne Schneiderin an der Seite eines Mannes der Klinge ? Eines Knechtes der Rattenmutter ?
Der kleine Keim des Zweifels der in ihm steckte, veranlasste ihn zu einem kleinem Gedicht an seine Schönheit.



Meine Schönheit,

am See im Abendrot
da sahn sich zweie ins Angesicht
Bis zu jenem Punkt, wusst der eine nicht,
um die Schönheit und seine Not.

Flammte es in seinem Herz
liebliche Augen , das dunkle Haar
eine vollkommene Schönheit , das war wahr
So überkam ihn der süße Schmerz.


Wusst er doch, solch Schönheit
kann nur unerreichbar sein.
Wird immer bleiben lieblich und rein
und er gar ertrinken ohne ihre Offenheit.


So schreibe ich dir jene Verse.
Aus Begehren , zu jeder Zeit und jeder Stund
denke an deine Schenkel und den süßen Mund
Hoffen das du treibest keine Scherze.

Dann werde ich Wache stehen
alle Tage, alle Nacht.
Bei dir sein mit ganzer Macht
und du kannst mich dann immer sehn.
Mich völlig verstehn.



Es steckte soviel von ihm in diesen Worten , das er sich erst nicht sicher war, ob er diesen von dem Alten zu Paulina bringen lassen sollte. Doch hatte er sich dann dafür entschieden. Sie hatte soviel Stärke in ihm hervorgerufen , soviel mehr vermochte er zu leisten. Er war wieder ein ganzer Mann, ein vollständiger Streiter und er nahm das Geschenk in Form dieser wunderbaren Frau dankend an..


Am Abend seiner Ankunft, da saßen die Beiden lange Stunden zusammen. Blicke hatten sie aufmerksam gemacht für einander, Worte hatten sie offen gemacht und nun waren es die Freuden des Leibes welche sie verschmolzen. Valerius hatte schon Frau und Kinder gehabt, so war es für ihn ein leichtes der Schönheit den Genuss der Liebe zu offenbaren. Der Edelmann stellte sich zurück , doch nicht aus edler Absicht. Focht er doch einen inneren Kampf mit sich selbst, um seine Stärke zu prüfen. Qualen überkamen ihm bei ihrem offenen Anblick, Stiche in seinem Herz bei seinen Berührungen. Valerius,er war der starke Mann, in allen Belangen siegreich.

Verschmolzen in Leib und Geist, formten sich der neue Mann und die vollkommene Frau.




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aus - Paulina die Schneiderin -

25. im Lundin (Herbst) 1315

Er hatte sie dort berührt, wo sie noch keiner zuvor berührt hatte – keiner….
Er hatte sie dort geküsst, wo sie noch keiner zuvor geküsst hatte – keiner….
Er hatte sie so gesehen, wie sie noch keiner zuvor gesehen hatte – keiner….
Geschmeckt, gerochen, gespürt, gehört…..

Aber das einzig seltsame für Paulina war, sie hatte kein schlechtes Gewissen. In der Vergangenheit war es immer so, dass sie das schlechte Gewissen peinigte. War es ein Kuss von Dorian oder von Jonathan – oder aber Jonathans Berührungen – ihr schlechtes Gewissen verursachte immer wieder eine gewisse Übelkeit in ihr und ließ sie aufpassen…. – aufpassen, dass sie keiner mehr berührte als nötig.

Wenn sie heute darüber nachdachte, ging es ihr trotz dessen nicht gut. Vor allem die Zeit mit Jonathan war eigentlich eine Gute gewesen… aber all dieses schlechte Gewissen – diese Angst vor mehr hatte alles kaputt gemacht.

Diese intime Nacht, ohne sich Valerius ganz hingegeben zu haben, hatte ihr eine Art Schleier von den Augen genommen. Es gab keinerlei Grund schlechtes Gewissen zu haben. Die strenge Erziehung hatte Paulina schon früh eingebläut welche Regeln es gibt – wie sich eine Frau zu benehmen hat aber vor allem, wie sich eine Frau nicht zu benehmen hat. Regeln geben einem normalerweise Geborgenheit und Sicherheit. Man weiß, wie man sich in bestimmten Situationen zu verhalten hat. Doch hat Paulina sich nie geborgen oder sicher gefühlt… nie! Nur bei ihm – bei Valerius hatte sie es gefühlt.

Gibt sie ihrer Vergangenheit sie Schuld daran? Gibt sie Glaron die Schuld daran? Gibt sie sich selbst die Schuld daran? – hilft es überhaupt irgendwem die Schuld zuzusprechen?
Ein wenig verzweifelt hatte sie Glaron einen Brief geschrieben – einen Brief, der ihren Abschied beschreibt:

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Glaron - Herr des Lichtes, du angeblich gerechter,

hier sitze ich und schreibe dir diesen Brief. Vielleicht bin ich zu romantisch gestrickt, vielleicht erhoffe ich mir doch noch Antworten, vielleicht ist es aber auch nur salbend für meine Seele, wenn ich mich bei dir verabschiede.

Steine und Hügel legtest du mir mein ganzes Leben in den Weg. Es begann mit dem frühen Tod meiner Eltern und endete bis zum heutigen Tage nicht. Ich schleuderte dir mein ganzes bisheriges Leben Fragen und Vorwürfe an den Kopf. Warum? Wann endet es? Warum ist alles so furchtbar ungerecht, wenn du doch der Gerechte bist?! Es gibt viele kluge Worte die deine Gesandten sprechen und es gab eine Zeit in der ich mit fester Überzeugung glaubte, dich verehrte....
Warum hast du es nicht enden lassen - wenn du doch sahst, dass ich mich immer mehr von dir abwende?!

Ich habe erkennen müssen, dass ich kein gutes Schaf in deiner großen Herde bin. Ich fühle mich verloren - warst du doch schon früh eine Art Ersatz für meinen irdischen Vater. Aber ich fühle mich nicht mehr einsam - das fühlte ich mich zuvor... mit dir.

Gräme dich nicht - lass mich ziehen.

Ich weiß nicht, was das Leben bringen wird. Aber das erste Mal in meinem Leben sehe ich in die Zukunft und lächle, - ich freue mich darauf. Und das habe ich nicht dir zu verdanken.

Dies ist kein Vorwurf - lediglich eine Feststellung und vielleicht eine Warnung. Bitte gebe auf deine Schafe acht. Bitte lasse sie nicht "dahinleben" und bitte fühle dich nicht zu sicher - nichts ist sicher.

So verabschiede ich mich offiziell bei dir, ich stelle meine täglichen Gebete ein, ich versuche mich neu zu finden und ich sage dir, ich hatte dich geliebt - das war jedoch einmal....
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Sie wusste, dass der Brief unbeantwortet bleiben würde. Aber sie fühlte sich besser, nachdem sie ihn in der Kirche abgelegt hatte. Hatte sie mit irgendwem darüber gesprochen? Nein… es war eine Sache, die sie mit sich selbst ausmachen musste. So wie damals, als sie ihre Eltern sterben sah – sie musste diesen Verlust auch damals mit sich selbst ausmachen… war ihre Tante doch unfähig irgendwelche Gefühle zu zeigen.

Doch heißt es doch – was dich nicht umbringt, macht dich stärker?! Und nun, wo sie hier an ihrer Staffelei sitzt und einen weiteren Entwurf für ein dunkelgrünes Ballkleid aufmalt, fühlt sie sich stark, selbstbewusst, eigenständig und frei.


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Geändert von Valerius Cordan (12.11.2014 um 16:05 Uhr).
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