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Reisender
Registriert seit: 30 Dec 2016
Beiträge: 3
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Tuina konnte sich an ihre Mutter nicht mehr wirklich erinnern, einzig ein freundliches Gesicht sah sie noch schemenhaft vor sich. Gerne hätte sie mehr über sie erfahren, doch ihr Vater Hrolf schwieg, wann immer sie ihn darauf angesprochen hatte, und die Zeit kam, da sie nicht mehr versuchte, in ihn zu dringen. Manchmal sprach sie des Abends, wenn sie bereits im Bett lag, mit ihrer Mutter Aela, erzählte ihr, was sie erlebt hatte und Tuina war sich sicher, dass Aela sie hören konnte. Es war ihr ein Trost.
Ihr Vater war ein hochgewachsener Mann mit beeindruckender Gestalt und breiten Schultern, geprägt durch Jahrzehnte des Holzfällens. Sein wettergegerbtes Gesicht schien meist verschlossen, selten lächelte er. Einzig wenn sein Blick auf Tuina fiel, wurden seine Züge weicher und Wärme strahlte aus seinen Augen. Man munkelte, dass er früher ein lebhafter, fröhlicher, ja auch recht streitbarer Mensch gewesen sei, doch der Tod seiner Frau sein Herz gebrochen hätte. Seither ward er nur noch selten in der Stadt gesehen, er schien die Gesellschaft von Menschen nicht mehr zu ertragen, mit Ausnahme seiner Tochter, um die er sich liebevoll kümmerte und mit der eine kleine Hütte am Rande des Waldes bewohnte. Bereits als kleines Kind hatte Hrolf seine Tochter tagtäglich in die Wälder mitgenommen, und geduldig hatte er die Fragen des kleinen Mädchens über Bäume, Pflanzen und Tiere des Waldes beantwortet und sie hatte viele Fragen! Sie liebte es, mit ihrem Vater durch die Wälder zu streifen, und aufmerksam lauschte sie ihm, wenn er ihr die Namen all der Pflanzen und Tiere nannte, die sie unterwegs sahen. Hrolf lehrte sie, so gut er konnte, worauf sie zu achten hatte in den weitläufigen Wäldern, lehrte sie, wie sie sich zurechtfinden konnte, welche Früchte essbar waren und welche zu meiden, welche Kräuter Verletzungen und Krankheiten lindern konnten, oder gar giftig waren, und er lehrte sie welcher Ruf zu welchem Tier gehörte. Mit einer für Kinder ungewöhnlichen Ausdauer und Ruhe saß Tuina oft Stunde für Stunde bewegungslos verborgen, um die Tiere bei ihrem Treiben zu beobachten. So flossen die Jahre dahin in ruhiger Zweisamkeit. Sie hatte gelernt mit dem Bogen umzugehen und sich stets mit größter Aufmerksamkeit und fast lautlos durch das Unterholz zu bewegen. Aus dem kleinen Mädchen war eine junge Frau geworden, die sich in der Natur besser zurecht fand, denn in den befestigten Anlagen der Menschen, die sie – wie ihr Vater – nur betrat, wenn es unumgänglich war. Zu beengend und leblos wirkte die Stadt auf sie. Doch nur zu bald kam der Tag, da Hrolf die Fragen seiner Tochter nicht mehr zu beantworten wusste. Schweren Herzens beschloss Tuina, das traute Heim zu verlassen, sich auf die Suche zu begeben nach jemandem, der ihren unbändigen Wissensdurst stillen konnte. Inständig hoffte sie, fündig zu werden, denn tief in ihrem Herzen ahnte sie, dass sie erst einen kleinen Teil dessen erfahren hatte, was es über das Land und die Natur zu wissen gab. Doch gab es noch einen anderen Grund - sie wollte das Land sehen, wo einst ihre Mutter geboren ward. Schmerzlich ruhte der Blick des Vaters auf ihr, als sie ihm von ihrem Vorhaben berichtete und um seinen Segen bat, doch auch Stolz sprach aus seinen Augen. Lange sah er sie an, bevor er seine Hand auf ihre Schulter legte und nickte. So war es Zeit, Lebewohl zu sagen, wenn auch Wehmut in der jungen Frau aufstieg. Sie umarmte ihren Vater, wandte sich um und ging. Sein Ruf war das letzte, was sie hörte, bevor sie in den Wald entschwand. Geh mein Kind, geh mit meinem Segen und mögen die Götter dich leiten! |
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