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Reisender
Registriert seit: 09 Sep 2005
Beiträge: 286
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Das Zimmer im hinteren Bereich des Holzhauses in dieser winzigen Stadt am Ufer des Meeres war klein, aber sehr persönlich eingerichtet worden. Durch das Dunkel tiefhängender Tannenzweige drang der silberfahle Mondenschein lediglich in einzelnen, punktierten Strahlen hinein, reflektiert von Regentropfen, welche das Glas der Fensterscheibe in großen Teilen bedeckten. Unter den Möbeln aus dunklem Holz knarrten und knisterten die blank polierten Kieferndielen, als husche etwas über sie hinweg, doch war es lediglich die Wärme aus den vorderen Räumen des Gebäudes, die die Bohlen in ständiger Bewegung hielt. Ein einziger, regendurchperlter Windstoss drang durch das geöffnete Fenster und bauschte die schweren, dunklen Vorhänge auf, so dass ihre Zipfel neckend über den schaudernden Körper der Schlafenden zuckten, die in embryonaler Haltung in den zerwühlten Laken des schmalen Bettes träumte.
Unruhig träumte. Dieser Geruch von schwerer, schwarzer Erde… fruchtbar und doch erstickend süß... Beben weit geblähter Nüstern und trommelnder Hufe, rastloser, stakkatohaft rasender Herzen. Eine schwarzweiß skizzierte Landschaft, bis das Blut einen rötlichen Vorhang über ihre weit geöffnete Pupille wehen lässt… grausam schönes und doch verhasstes Erbe. Sie wälzte sich auf die Seite und krallte die Finger in den weichen Stoff ihrer Decke, die sie mit ihrer Wärme und Schwere zu erdrücken schien, mit einem leisen Stöhnen den Kopf von einer Seite auf die andere werfend, wobei die nachtschwarzen Haarsträhnen sich förmlich auf ihrem schweißesnassen Gesicht festsaugten. Aufsteigende Dämmerung… glitzernde, fette Regentropfen gleich wimmelnden Maden in verblühten Rosen und hervorbrechenden Keimlingen… Ein ungläubiger, schmerzerfüllter Schrei – und dann wieder Stille, tiefe, greifbare Stille, endgültiges Schweigen. Fetzen von Pergament, ihr Wort wirbelt gleich einem Sturmzug durch die Nacht... Das Schimmern roten Metalls – bemalt – doch nicht vom Blute aus seinem Mund… verborgen und offenbart… feindselig und vertraut… Das Geräusch einer rippensprengenden Klinge, gepaart mit dem Gurgeln blutgefüllter Lungenbläschen, vermischt sich mit dem Aufstampfen eines Hufes… und leise gewisperten Worten aus einem milde lächelnden Mund…“Ist es das wirklich…wert?“ Das Stöhnen wich einem entsetzten Keuchen, doch niemand sah sie, und die Einzige, die sie hörte, war die Katze des Hauses, welche sich durch den winzigen Spalt der offenstehenden Tür zwängte, um den ihr unbekannten Geräuschen nachzugehen. Lautlos setzte sie Schritt um Schritt, bis sie letztlich neben dem Bett angelangt war und einen langen, fast schon fragenden Blick zu Isiidra hinauf warf, deren Lippen zu einem dünnen, weißen Strich zusammengepresst waren. Fast so, als unterdrücke sie einen Schrei. „…nicht die Einzigen, deren Zorn Du zu spüren bekommen wirst!“… Ein weinendes Kind, das Wort „Mörder“ auf dem blassen Knospenmund, verachtet… und verspottet… spritzender Schlamm zu Füssen eines Wasserfalls… Echos… „Brudermörder! Väterverräter!“ Ihr eigenes, amüsiertes Lachen inmitten kupfersüsser Blutlachen – das weiße Stirnband, blütenfrisch und schuldvoll… eine zerfetzte Schwinge… heiße Träne im Auge des Verräters. Mit einem eleganten Satz sprang die Katze auf die Bettdecke, und just in dem Moment, als Isiidra hochschoss, hoben sich die Tannenzweige im Wind, und das Mondlicht brach sich in den spiegelglitzernden Augen des Tiers, dass sich auf ihrem Schosse befand. Sie schrie. Für eine Zehntelsekunde lang wandelte sich der verstörte Ausdruck auf ihrem Gesicht in blankes Entsetzen, doch ehe sie reagieren konnte, sprang die Katze mit wild gesträubtem Fell hinunter und flitzte durch den Türspalt hinaus. Schwer atmend saß sie da, und ihre zitternden Hände fanden den Weg an die nackte Brust, aus der ihr Herz in pulsierendem Stakkato zu springen drohte. Die Möbel in seinem Zimmer führten noch immer einen schwindelerregenden Veitstanz vor ihren Augen auf, während Isiidra taumelnd auf die Beine kam. Im ersten Augenblick schienen ihre Knie das Gewicht nicht tragen zu können, doch dann stolperte sie ein paar Schritte nach vorn und stützte die Hände auf das unnachgiebige Holz ihrer Kommode, ja - klammerte sich beinahe daran fest, bis die Fingerknöchel weiß hervorstachen und die Nägel zu brechen drohten. „Verflucht…!“ Selbst das Gemurmel ihrer eigenen Worte jagte einen weiteren Schauer über den schweißfeuchten Körper, und mit einem schnellen Blick über ihre Schulter vergewisserte sie sich, dass sie auch tatsächlich allein war. Die Schatten nahe dem Fenster waren trügerisch und zauberten gespenstische Wesen in die Tiefen des Zimmers, die vom unsteten Auftauchen des Mondes vernichtet - und wiedererschaffen wurden. Isiidra starrte in den glitzernden Spiegel… und die Minuten, stundenschwer, verstrichen. Doch dann formten ihre weichgezeichneten, sinnlichen Lippen sich zu einem stillen, wissenden Lächeln, und das Wasser zwischen ihren Fingern schimmerte dunkel und zäh wie trocknendes Blut, als es ihren Körper benetzte. |
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