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Reisender
Registriert seit: 19 Dec 2005
Beiträge: 123
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Meine Ankunft auf dieser Insel stand ganz gewiss nicht unter dem besten Stern. Freilich hätte man es eine Flucht nennen können, doch klingt dieses Wort in meinen Ohren doch ein wenig hart. Es war eher das Beschreiten eines neuen Pfades. Der Drang und das Streben nach einem Neubeginn an einem Ort, der nicht durch Erinnerungen, Schmerz und Unmut verseucht war. Wovor ich floh? Vor meinen Eltern, meiner Verlobten, vor meinem Leben! Ich hatte es satt...
Aufgewachsen bin ich in der Hauptstadt des Reiches, in Fearlan. Als Sohn eines Beamten wurde mir glücklicherweise eine recht gute Ausbildung zuteil. Im Gegensatz zu den vom Glück weniger Begünstigten lehrte man mich Lesen, Schreiben, den Umgang mit Zahlen, Geschichte, Geografie, ja sogar Manieren und Benimm wurde mir eigens eingetrichtert. Obgleich ich als Kind lieber ein Straßenjunge gewesen wäre, der mit den anderen Knaben im Dreck der Straße gespielt hätte. Das Leben als Zigeuner vielleicht, der nur mit Klampfe und Dolch bewaffnet durch Stadt und Land zieht, die Menschen mit ihrer Musik beglückt und dafür großzügig gegebene Mahlzeiten und Münzen als Dank annimmt. Doch Dank meiner heissgeliebten Eltern blieb mir dieses – im Nachhinein betrachtet sehr üble – Schicksal erspart. Und doch wünschte ich mich noch oft fort, was zum gut Teil an meinen Eltern lag, die mir ausser Dingen die man mit Geld kaufen konnte, recht wenig mit auf den Weg gaben. Mein Vater war stets schwer beschäftigt. Immer hatte er bloß seine Arbeit im Sinn, denn er war auf einen hohen Posten aus. Einen Posten, den er niemals erringen würde, da ihm das nötige Auftreten, die nötige Präsenz fehlte. Ohne Zweifel war er ein Genie wenn es darum ging Geldbeträge hin und her zu schieben oder große Zahlen zu berechnen. Doch seine Erscheinung war alles andere als Eindrucksvoll. Zwar war er von großer Gestalt, noch ein wenig größer als ich, doch machte er sich diesen Vorteil selbst zunichte, da er immer gebeugt ging, als lastete das Gewicht des gesamten Reiches auf seinen Schultern. Er war schlacksig, mager, frühzeitig ergraut und an schlechten Tagen wirkte er regelrecht ausgemergelt. Ich kannte ihn nicht anders, ja, als Kind dachte ich sogar er wäre alt zur Welt gekommen. Meine Mutter hingegen war das extreme, doch nicht unbedingt bessere Gegenteil von ihrem Gatten. Von Natur aus mit stolzem Gang und hoch aufgerichteter Nase ausgestattet, flanierte sie am liebsten in hübschen Kleidern am Arm meines Vaters durch die Straßen und machte mit ihrer nach aussen gekehrten überheblichen Art einen jeden darauf aufmerksam, dass hier ein „hohes“ Bürgerpaar über das Pflaster ging. Ihre einzige Liebe galt dem Geld meines Vaters und dem Ansehen unserer Familie. Sie bildete sich auf den einfachen Posten ihres Gatten eine Menge ein und vergaß ihre Arroganz nur, wenn es darum ging weit einflussreicheren und angeseheneren Menschen Honig um Bärte und Lippen zu schmieren. Sie war das perfekte Paar. Zumindest was den Zweck betraf. Da mein Vater ohnehin nur für seine Arbeit lebte, brauchte er jemanden der sein Geld verprasste. Und da meine Mutter niemals in ihrem Leben auch nur einen Finger gerührt hatte – es sei denn es ging darum ihre Börse zu öffnen – fügte sie sich herrlich in diese Symbiose. Auf der Strecke blieb ihr einziger Sohn. Ich wurde stattdessen von einer Amme aufgezogen, die in mir mehr Liebe weckte als ich es für möglich hielt. Schon als Kleinkind säugte sie mich an ihrer Brust, wickelte und badete mich. Sie erzog mich, brachte mir Spiele und Lieder bei und tat alles um aus mir einen anständigen Jungen zu machen. In frühen Jahren hängte ich mich noch an den Rockzipfel meiner Mutter, doch mir wurde rasch klar, dass ich von ihr nichts zu erwarten hatte. Ich nannte sie Tante, meist schlicht Amme, doch im Stillen oder wenn sie an meinem Bett mit einem Buch auf ihrem Schoß eingeschlafen war, hieß ich sie Mama. Es war als wären wir eine kleine Familie, die bei zwei einigermaßen wohlhabenen Leuten wohnte. Und ich war glücklich damit! Sie schenkte mir von meiner Geburt an ihr ganzes Leben. Sie las mir vor, wenn ich ins Bett stieg, sie tröstete mich wenn ich schlecht geträumt hatte, und sie zog mich in ihre liebevollen Arme und drückte mich an ihre nach Mutterschaft duftenden Brüste, wenn ich mir weh getan hatte. Zwischen uns herrschte ein Band, das nur von Verlassenen gesponnen werden konnte. Ich erfuhr erst spät, dass sie etwa zur selben Zeit wie meine Mutter in anderen Umständen war. Wäre das Schicksal gnädig gewesen, wäre ich wohl zusammen mit ihrer Tochter aufgewachsen. Doch der Namenlose nahm die Kleine schon wenige Tage nach der Niederkunft zu sich unter hinterließ in meiner Amme bloß ein großes, goldenes Herz das zu erkalten und zu verbittern drohte. Im Stillen denke ich immer noch, dass ich der Ersatz für ihr verlorenes Kind war. Ein Glück für uns beide. Im Gegensatz zu meiner eher eintönigen Kindheit war meine Jugend jedoch von anderen Sorgen geplagt, als von der Vernachlässigung durch meine Eltern. In mir keimte der Wunsch eine Kunst zu erlernen, die mich seit jeher faszinierte. Die Magie! Auf mein Flehen und Betteln hin kaufte mir meine Amme gar einen spitzen Hut mit breiter Krempe, den ich nur zum schlafen abnahm. Stundenlang betrachtete ich mich in einem alten Nachthemd meines Vater vor dem Spiegel, stellte mir vor es wäre eine samtene Robe und der Stecken in meiner Hand der knorrige Stab eines alten, weisen Arkanen. Spruch um Spruch kam über meine Lippen, formte sich in meiner Fantasie in brüllende Feuerbälle, donnernde Blitze und heilendes Glühen. Ich rettete unzählige Menschen vor Dämonen, Schwarzmagiern und immer gräulicherem Getier. Doch das Erwachen kam in Form eines Mannes für den mein Vater Geld anlegen sollte. Der Greis war Dozent an einer Akademie, die junge Begabte aufnahm und in den geheimen Künsten der Magie ausbildete. Kaum hatte ich davon erfahren, stürmte ich Hals über Kopf in das Arbeitszimmer meines Vaters und störte die beiden inmitten ihrer Diskussion. Ich bestürmte den Magus mit meinen Fragen, erzählte ihn von tollkühnen Träumen und meinem Ziel der berühmteste und mächtigste Magier des gesamten Reiches zu werden. Der Alte lächelte mich die ganze Zeit über milde und freundlich an und hielt sogar meinen Vater zurück, als der mich hinauswerfen und versohlen wollte. Doch anstatt mich an die Hand zu nehmen und mich auf dem ersten Schritt in mein neues Leben zu begleiten, schüttelte er bloß bedauernd den Kopf und sagte: „Junge, ich sehe deinen Willen, ich sehe deine Liebe und deine Leidenschaft und das ehrliche Bestreben in die Künste eingewiesen zu werden. Jedoch sehe ich in deinen Augen auch, dass du nicht einmal ein Mindestmaß an Talent dafür besitzt. So sehr es mich schmerzt, aus dir wird niemals ein Magus werden, Knabe!“ Eine Welt brach für mich zusammen. Ich erinnere mich noch gut, dass ich mich drei Tage lang heulend verkroch, selbst meine Amme nicht am mich heranließ und nur unter Zwang ein paar Bissen herunterwürgte. Ich sah mich mein Leben schon als Nachfolger meines Vaters fristen, was mir Schauer um Schauer über den Rücken fahren ließ. Noch niemals war ich so traurig gewesen wie an diesem Tag. Doch wie es meistens ist, hielt das Schicksal einen anderen Weg für mich offen. Er kam in Form eines Veteranen, der der Göttin Lorica huldigte und in der Stadt nach Arbeit suchte. Mein Vater war der Meinung, dass es einem jungen Mann nie schaden konnte, wenn er sich darauf verstand eine Klinge zu führen und so stellte er den Mann ein auf dass er mir Unterricht geben sollte. Der griesgrämige Alte nahm mich hart ran, ließ mich Übungen um Übungen absolvieren und führte mich mit gnadenloser Hand an jedem Tag aufs Neue an den Rand des Zusammenbruchs. Von Natur aus von recht großer und kräftiger Gestalt gesegnet, schwoll ich unter den Geißelungen regelrecht an. Muskeln wuchsen dort, wo ich sie nicht vermutet hätte, meine Schultern wurden breiter, der Brustkorb nahm langsam Züge eines Bierfasses an und mein Rücken glich mehr einer Gebirgslandschaft als den weichen Hügeln anderer Jungen. Mit der Zeit gewöhnte ich mich an seine Methoden, an den Schweiß, die Tränen und das Blut das in großer Regelmäßigkeit floss. Natürlich hätte meine Amme dem Alten am liebsten die Augen ausgerissen, doch mein Vater hielt an seiner Meinung unbarmherzig fest und freute sich über jeden Muskel der sich unter meiner Haut hervordrückte. Und mit der Zeit fand ich sogar Gefallen daran. Ich bemerkte dass mich andere Jungen neidisch und Mädchen bewundernd betrachteten. Immer öfter nahm ich Schlägereien aus purer Langeweile und natürlich im festen Wissen auf, dass mir meine Gegner bei weitem nicht gewachsen waren. Mehr durch Zufall als durch eigenen Willen gelangte ich in eine Bande von Straßenjungen die mehr Flausen im Kopf hatten, als ich es mir je hätte vorstellen können. Wir stahlen Bier und Wein, betranken uns gemeinsam zum ersten Mal, beeindruckten die Mädchen mit unseren – zweifelhaften – Fähigkeiten und führten sie nach ausreichender Bewunderung an immer die selbe Stelle. Es war eine alte Scheune die seit Menschengedenken leer stand und genug Platz und Ruhe bot um das andere Geschlecht kennenzulernen. Genauer betrachtet fanden eigentlich all meine Erfahrungen mit Mädchen in dieser Scheune statt. Der erste Kuss mit der vier Jahre älteren Thyssa die mich dafür benutzte um ihren Liebsten zur Eifersucht zu drängen. Das behutsame – oder eher ängstliche – herumtasten im üppigen Ausschnitt der dicken Wilga, die mich mit ihren roten Lippen förmlich zu verschlingen drohte. Der erste Beischlaf mit Tamitha, einer goldlöckigen Göttin, die mir selbst heute noch ab und an mit ihrer Porzellanhaut, den rosigen Brüsten und dem Duft nach purer Unschuld im Traum erscheint. Als wäre es mein Bestreben gewesen, genoss ich alles was meinen Eltern spitze Aufschreie und Wehklagen entlockt hätte. Mit der Zeit lief ich gar Gefahr wirklich auf die schiefe Bahn zu geraten, denn aus meinen übermütigen Kameraden war mit den Jahren Verbrecher geworden, die sich in fremde Häuser stahlen, hehlten und völlig schamlos Leute ausraubten. Und letztlich war es – wie könnte es anders sein – ein Mädchen, das mich dazu bewog meinen Spielkameraden lebewohl zu sagen und mich anderer Tugenden zu entsinnen. Sie hieß Rimma. Eine Schönheit mit gebräunter Haut, schwarzem Haar und den wundervollsten grünen Augen, die ich bis dahin hatte erblicken dürfen. Sie war aus gutem Hause, sehr zum Entzücken meiner lieben Eltern, und fand Gefallen an meinem wilden Gebahren. Ich las sie auf als ich betrunken durch die Gassen irrte und einen Platz zum schlafen gesucht hatte. Durch den Wein enthemmt, nahm ich sie bloß an der Hand, grinste sie an und flüsterte: „Ich nehm dich mit!“ Sie folgte. Ohne ein Zeichen des Widerstandes. Im Gegenteil, sie zerrte mich förmlich zur Scheune und bescherte mir eine Nacht, wie ich sie noch nicht erlebt hatte. Gott sei's gedankt, konnte ich mich trotz des vielen Weines an jede Einzelheit erinnern. Und als ich sie am Morgen neben mir liegen sah, nackt noch prächtiger als in den schönsten Kleidern, war es um mich geschehen. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich verliebt. Trotz des Misstrauens das meine Amme ihr entgegenbrachte und trotz der Verzückung meiner Eltern (Die ich zu gern zerstört hätte) verlobten wir uns kurz darauf. Da sie von ihren Eltern in die Stadt geschickt worden war, nahmen wir sie in unserem Hause auf, was uns geradezu himmlische Möglichkeiten eröffnete, unserer Liebe zu fröhnen. Ich wähnte mich im höchsten Glück! Ich ließ das Lotterleben auf der Straße endgültig hinter mir, kümmerte mich mehr denn je um meine Ausbildung und schrieb ihr Gedichte, anstatt irgendwelche Kerle zum Spaß zu verprügeln. Es war perfekt! Bis zu dem Tag, an dem sie sich vor mir verschloss. In einem Anflug plötzlicher Moral sagte sie mir, sie wollte bis zu unserer Hochzeit keusch bleiben, sozusagen als Ausgleich für unsere bis dato sehr frei ausgelebte Liebe. Verliebt wie ich war, erhob ich keinerlei Einspruch und übte mich in quälender Askese. Über ein Jahr ging es so, in der ich kaum mehr bekam als einen unschuldigen Kuss. Doch meine Augen waren nach vorne gerichtet, auf die Hochzeit die bald bevorstehen sollte. Und alles wäre gekommen wie es hätte kommen sollen, hätte ich sie nicht eines Nachts ertappt, wie sie sich mit einem anderen Mann vergnügte. Es war einer der Kerle mit denen ich früher umherzog. Wie erstarrt beschaute ich die beiden, die nicht einmal den Anstand besaßen sich bestürzt zu zeigen, sondern mich nur wissen ließen, dass sie es ohnehin schon seit längerem miteinander trieben. Schmerz und Demütigung trieben mir die Tränen in die Augen und obgleich mein Verstand mir sagte, dass ich zumindest den Kerl windelweich hätte prügeln sollen, ließ mich mein Herz bloß heulend das Weite suchen. Zwei Wochen trieb ich mich trunken durch die Stadt, mied die Plätze an denen ich sie hätte treffen können und schmiedete gleichermaßen Pläne für meine Rache, als auch Pläne dafür, wie ich sie zurückerlangen konnte. Letztlich kam es zu keinem der beiden Optionen. Ich entschloss mich für den einfachsten und feigsten Weg. Ich beschloss fortzugehen. Da ich es niemals fertiggebracht hätte meiner Amme Lebwohl zu sagen, oder meine Eltern um Geld zu bitten, verkaufte ich Schwert und Rüstung und erkaufte mir um das Geld den Platz auf dem erstbesten Schiff, das den Hafen verließ. Es führte mich auf diese Insel. Die Überfahrt war grauenhaft, da ich Schiffe nicht gewohnt war und mich neben der immerwährenden Übelkeit auch noch der frische Schmerz plagte. Doch auch diese Zeit ging vorüber und nach langen Wochen fand ich mich am Steg des Hafens Britains wieder. Obgleich in meinem Inneren tiefe Zweifel nebst Schuldgefühlen nagten, blickte ein Teil von mir auch nach vorne. Im Nachhinein kann ich nicht mehr sagen was es war, das mich so sicher machte, doch ich wusste tief im Innersten... Mein Leben würde von diesem Tag an erst richtig beginnen! |
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