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Alt 16.01.2021, 00:41
Der Wahrheit Spiegel
#1
Bargon Ferilan
Spieler, Mensch
 
Registriert seit: 12 Sep 2007
Beiträge: 914
Der Wahrheit Spiegel

Vorwort

Eine der großen Tugenden, die solch hohen Zielen dienen wie zum Beispiel dem Erlangen der Liebe des Herzens, ist das, was man Wahrheit nennt. Gemeinhin weiß ein jeder, was damit gemeint sein soll: Nur dies zu berichten, was auch richtig ist. Es mag niemanden überraschen, dass die nun angeschlossene Frage ist, was richtig sei und es liegt nicht fern, darüber in gewisse Grübeleien zu verfallen. Mitunter mag der eine oder andere schon zu einer Antwort kommen und diese für die richtige zu halten, doch - ist sie das?

Es ist den wenigsten zugute zu halten, dass sie von diesen Antworten überzeugt sind, denn oft wird hier eine Klugheit und Weisheit, die man vermeintlich anderen gegenüber besitzt, angenommen um daraus gewisse Vorteile zu ziehen. Was nun aber wirklich die eine Wahrheit ist, wie man sie findet und aufrecht erhält, dies soll folgend dargelegt sein.


Die Wahrnehmung der Welt

Wie findet man die Wahrheit nun also? Es ist bedauerlich, dass der Mensch für die Erfassung dessen, was wahr ist, den Grenzen seines eigenen Leibes unterworfen ist. Denn so unterschiedlich die Menschen sind, so unterschiedlich sind eben diese Grenzen. Da sind die Unterschiede, die die Menschen in sich selbst entwickeln und diese, die sie von anderen trennen. Beide haben ihre eigenen Limitierungen. Kann jemand, dessen Auge nicht mehr so scharf ist, wie es zu Kindertagen war, noch das gleiche erkennen? Hört jemand das gleiche, wenn sein Ohr nach dem Bade voll Wasser ist? Warum schmeckt einem die eigene Leibspeise plötzlich nicht mehr, obwohl man früher kaum etwas anderes essen konnte?
Oft ist es eine Sache simpler Umstände, die die Wahrnehmung beeinflusst, manchmal ist es die Last der Jahre. Es kann auch ein Aufstehen mit dem falschen Fuße sein, das Menschen dazu veranlasst, Dinge und Verhältnisse anders aufzufassen und einzuschätzen und ein jedes Mal wird die aktuelle Wahrnehmung als Wahrheit bewertet. Wie kann das sein?

So mag es als gutes Zeichen anzusehen sein, dass die meisten um diese Abweichungen wissen und verstehen, dass es unterschiedliche Auffassungen gibt. So sehr sie dies aber bei sich begreifen, umso weniger scheinen sie dazu bereit zu glauben, dass die Wahrnehmung anderer von ihrer abweicht. Wenn der eine eine Suppe als zu scharf betrachtet, mag sie dem anderen nur recht schmecken und beide werden sich sicher sein, dass sie im Recht sind. Was einer, seiner Meinung nach, laut genug ausgesprochen hat, was ein anderer aber nicht versteht, kann als Nuscheln aufgefasst werden.
Darüber ist manche Ehe zerbrochen. Oftmals ist es so, dass diese Ungleichheit in der Wahrnehmung zu Unglauben über die Unfähigkeit des anderen führen kann. Und das mag zutreffen, aber dazu werden wir später noch kommen.

So kann man also zusammenfassen, dass der Mensch in beiden Fällen nur wenig darauf gibt, wie viel er tatsächlich wahrnimmt, denn er unterscheidet nicht bewusst. Einzig zählt, was er in diesem Moment auffasst und dass es für ihn, und ihn allein, von Bedeutung ist. Dann wird er es als wahr erachten.

Was ich höre, rieche, schmecke, sehe und ertaste – Das ist Wahrheit.


Das Verstehen dessen, was wir wahrnehmen

Nun hat der Mensch also wahrgenommen was um ihn herum vorgeht und in ihm formt sich ein Bild. Mit seinen Sinnen hat er seine Umwelt aufs Genaueste vermessen und meint nun, dass dies die Wahrheit sei. Was er vermaß, ist wahr. Aber zwischen dem sprichwörtlichen wie wortwörtlichen Ertasten der Umwelt und der Wahrheit, liegt noch eine weiterer Zwischenschritt, einer von vielen, wie noch zu erörtern ist.

Um die Wahrheit zu ergreifen, muss man sie noch begreifen und so mag der Leser jetzt schon schmunzeln, denkt er doch zurecht an die oftmals eingeschränkten Geisteskräfte mancher Mitmenschen. Wie, wird er sich fragen, soll der einfache Mann oder die einfache Frau jemals ein gutes Bild von dem, was wahr ist, erlangen, wenn es durch den schlichten Filter ihrer verkrümmten Gehirne gelangen muss.

Die Erleichterung kommt fast sofort, denn es sind nicht nur die Gehirne der anderen, die schadhaft sind, es sind unser aller. Das liegt darin begründet, dass wir alle anders denken und die Schadhaftigkeit nicht im Sinne einer Verletzung oder Verkümmerung besteht -wobei dies natürlich Einflüsse hat; dies ist aber nicht der Sinn des Gedankens- sondern in der Einzigartigkeit des Denkens, das wir alle unterschiedlich erlernt haben. Manche lernten es besser, manche schlechter. Manche lernten es selbst, manche hatten Lehrer. So oder so, es ist immer ein anderes Denken und darauf basierend kommt ein jeder Mensch zu einem anderen Schluss.

Hier mag es einen Mann geben, dessen Ohren hören, dass die Herzogin eine gute Frau sei und der sich darob denkt, dass es stimmen müsse, weil sein Gehirn zu unausgebildet ist, um zu erkennen, dass mehr hinter diesen Worten stehen könnte. Hier mag es eine Frau geben, deren Ohren hören, dass die Herzogin eine gute Frau sei und die sich darob denkt, dass es eine Lüge sein muss, weil sie ja weiß, dass aller Adel hurend und saufend durchs Land ziehe um Krieg zu führen. Auch ihr Gehirn macht Fehler, denn mitnichten ist jeder Adelige derart auf den Grund verdorben. Allenfalls die Hälfte.

Und hier streift nun also der Unbedachte über die Zeilen und denkt sich, dass es ihm nicht so gehe, da er allzeit über alle Informationen, die ihm seine Sinne widerwillig zur Verfügung stellen, verfüge. Man mag diesen Tor mitleidig belächeln.

Was ich, mit meinem unzureichenden Denken, in der Lage bin zu verstehen – Das ist Wahrheit.


Das gute Gefühl

Da hat man sich schon die Mühe gemacht alle Eindrücke gleich einer Wurst in die Pelle einer Meinung zu pressen, da will es doch noch nicht recht passen. Etwas zwickt und drückt und ist rundherum ungenügend. Zwar ist man sich sicher, das Objekt seiner Ansichten ausgiebig und ausreichend mit all seinen Sinnen abzugehen und auch, die korrekten Schlüsse daraus zu ziehen, doch verbleibt eine nagende Unzufriedenheit. Es fehlt das Gefühl, dass es sich um die Wahrheit handelt. Eine warme Gewissheit darüber, keine Fehler in der Erspürung und im Verstehen gemacht zu haben, bleibt aus.
Wenn wir also die Wahrheit finden wollen, dann ist es unabdingbar, dass wir glauben wollen, dass der Gegenstand unserer Empfindung die Wahrheit ist.

Dies zu erreichen ist recht leicht, sind die meisten doch nur allzu gern bereit, alles als solche zu interpretieren. Was aber geschieht, wenn ein anderer kommt und etwas anderes behauptet? Das Bild könnte ins Wanken gebracht werden, wenn nicht gar gänzlich gekippt. Schnell fühlt man den Stich, falsch gelegen zu haben und dies ist eine Blöße, die sich niemand zu geben wagt.

Also macht sich in uns ein ungutes Gefühl breit. Ein Nagen an den eigenen Überzeugungen, wie in uns ein gutes Gefühl aufsteigt, wenn wir der Meinung sind, andere von unserer Sicht der Welt überzeugt zu haben. Um dieses gute Gefühl zu erlangen ist der Mensch mitunter viel zu tun bereit. Meist jedoch, und das mag diejenigen, die Aufwand scheuen, nun erfreuen, ergänzt unser Kopf dies von ganz allein.

Was ich als wahr erachten will – Das ist Wahrheit.


Lügen

Welch einen Aufwand der Kopf des Menschen betreibt! All diese Instanzen müssen durchlaufen werden, damit er endlich die Wahrheit findet. Hätte er seine Rechnung doch nur mit all den dunklen Seiten der Menschlichkeit gemacht. Oft ist es die Selbstsucht, die jemanden dazu treibt, die Wahrheit, und der erfahrende Leser weiß mittlerweile, dass es eine solche vielleicht gar nicht gibt, mit Absicht zu verzerren.

Es ist, was im vorigen Kapitel dargestellt wurde, nur mit Absicht, denn der Mensch will das gute Gefühl und er will es für sich allein. Manchmal ist er vielleicht bereit zu teilen, aber nur, wenn es sich um seine Version von der Wahrheit handelt. Also nutzt er falsche Worte, beschreibt Dinge anders, versteckt sie, ändert sie, formt sie um, bis sie etwas ergeben, das der andere wahrnehmen und glauben kann.

Warum tut der Mensch dies? Zuerst wohl, weil er schadhaft ist. Alle sind sie unvollkommen und wenn einer lügt, so tut er es zu einem Zweck. Gelegentlich wird er argumentieren, dass er es tue, um andere vor Schlimmerem zu bewahren, zu anderen Zeiten aber wieder, weil er sich davon einen Vorteil erhofft.

Immer steht aber die bereits angesprochene Selbstsucht im Mittelpunkt, denn auch wenn man andere mit einer sanften Notlüge zu beschwichtigen sucht, geschieht dies aus dem Grund, dass man selbst das Leid des anderen nicht erträgt. Hier spalten sich wieder mehrere Grundlagen ab, sei es, weil man wahrlich mit leidet oder weil man von dem Leid des anderen enerviert ist; aber dies soll uns vorerst nicht kümmern.

Eine Lüge ist also ein willentlicher Eingriff in die Wahrheit des anderen. Sie zupft an den Fäden, die das gute Gefühl lenken, indem sie die Wahrnehmung lenkt, auf der das gesamte Konstrukt der Wahrheit beruht. Wenn diese ersten kleinen Dinge verändert werden, stürzt der gesamte Rest ein.

Was ich den anderen glauben mache – Das ist Wahrheit.


Zusammenfassung

So mag der Leser die Wahrheit und wie sie zu finden ist hinlänglich beschrieben finden. Es lässt sich sagen, dass es, zumindest für die Menschen, nie die eine Wahrheit geben kann. Zu schwer wiegt der Makel, den unser Geist mit sich bringt, denn unsere Unzulänglichkeiten sind Legion. Die Wahrheit findet ihren Weg von unseren Sinnen bis zu dem, was wir uns vorstellen wollen oder uns vorzustellen gezwungen sind. Es liegt eine gewisse Freude in der Doppeldeutigkeit folgender Worte: Was der Mensch ersinnt ist wahr.

Zuletzt sei dem Leser mitgegeben, dass er nicht verzagen darf. Es gibt sie, die eine Wahrheit. Sie ist irgendwo da draußen, doch liegt sie nicht in den Händen und Gehirnen der Menschen, sondern im Sinn einer Entität so machtvoll, so alldurchdringend, dass die dreizehn anderen sich in Furcht niederkauern.
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