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Reisender
Registriert seit: 17 Jun 2003
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20. Tag im Monat Cun des Jahres 1282
"Ein Gardist oder ein Heiler - ist ein Heiler hier?" Ein schwarzgewandeter Mann rannte panisch durch die Taverne 'Zum lachenden Tala', bis er vor dem steinernen Tisch, an dem Vingril saß, zum Stehen kam und sich bittend umsah. Vingril, der soeben den Versen eines jungen Barden in Narrentracht hatte lauschen wollen, wandte seinen Blick von seinem Tischgenossen, der eine abfällige Bemerkung über Barden gemacht hatte, dem Schwarzgekleideten zu und entgegnete in beruhigendem Tonfall: "Ich bin zwar weder Gardist, noch Heiler, doch bin ich Templer. Berichtet, was geschehen ist." Der Angesprochene drehte sich hastig zu Vingril: "Ein Mann wurde hinterrücks in der 'Ente' niedergestochen - er verblutet." Mit der Geschmeidigkeit eines Panthers war Vingril aufgesprungen, noch ehe der Mann zuende gesprochen hatte und bahnte sich im Laufschritt einen Weg zur Tür: "So laßt uns keine Zeit mehr verlieren!", rief er über die Schulter. Das dämmerige Halbdunkel in der 'Ente', wo ihm der wohlbekannte Gestank nach abgestandenem Bier entgegenschlug, enthüllte ihm schemenhaft nur wenige Personen, doch diese drängten sich in der Nähe der Theke. Bereitwillig öffneten sie eine Gasse für Vingril und gaben den Blick frei auf einen nackten Mann, der bleich und starr in einer langsam größer werdenden Lache Blutes lag. In seinem Rücken klaffte eine häßliche Schwertwunde, aus der fortwährend Blut sickerte. "Glaron steh mir bei," schickte Vingril ein Stoßgebet gen Himmel, "hoffentich ist es noch nicht zu spät!" Ohne lange Zeit auf Überlegungen zu verschwenden, riß er einen Streifen seines teuren weißen Umhangs ab und preßte ihn fest auf die Wunde. Doch so rasch, wie sich der abgerissene Streifen rot färbte, keimte in Vingril die Erkenntnis, daß dies nichts nütze. Er kniete sich mitten hinein in die Blutlache, ohne darauf zu achten, daß er sich selbst dabei über und über mit Blut besudelte, schlug hastig das Glaronszeichen und legte dem Verletzten seine Hände auf, während er die Augen schloß und sich ganz und gar auf Glaron und den Verletzten zu konzentrieren versuchte. Das gedämpfte Gemurmel der anderen drang nicht mehr zu ihm. Seine Lippen bewegten sich in leisem Gebet. Beinahe sofort fiel alle Anspannung von ihm ab. Er spürte in sich die Nähe Glarons und er wußte, er könnte diesem Manne helfen, mit jener einzigartigen Gabe, die nur diejenigen besaßen, die von Glaron selbst erwählt waren, doch hatte er diese Kraft bisher noch niemals selbst einzusetzen brauchen. In dem Maße, in dem er sich ganz Glaron öffnete, wuchs sein Vertrauen in diese Kraft. Tief versenkte er sich in sein Gebet und überließ sich ganz Glaron. Er fühlte, wie seine Hände ganz von selbst mit sachten, vorsichtigen Bewegungen über die Wunde des Verletzten glitten, ohne sie zu berühren und gleichzeitig durchzuckte ihn der Wunsch, dem Verletzten von seiner eigenen Lebenskraft abzugeben, seine eigene Lebenskraft mit ihm zu teilen. Ein feuriges Glühen in seinem Inneren flammte auf, nahm ihm fast den Atem, und schien das Leben selbst aus ihm herauszubrennen, so daß es ihn immer stärker anstrengte, seine Konzentration aufrecht zu erhalten. Vingrils Hände, die groß, aber dennoch feingliedrig waren, strahlten auf einmal eine übernatürliche Wärme und Kraft aus, beinahe schien es, als schimmere pures weißes Licht durch seine Finger. Sachte bewegten sich seine Hände über die klaffende Wunde und das Unfaßbare geschah: Der Blutstrom versiegte, die Wundränder näherten sich einander an. Der Verletzte schlug die Augen auf und erbrach einen Schwall Blutes. Vingril, der mittlerweile vor Anstrengung keuchte, rührte sich nicht von der Stelle. Auch er öffnete die Augen. Er fühlte sich schwach und ausgelaugt, dennoch überkam ihn Zufriedenheit beim Anblick des Verletzten, der nun sichtlich von der Schwelle des Todes zurückgerissen und von neuer Lebenskraft erfüllt schien. Irgendjemand versuchte, Vingril aufzuhelfen. Er ließ es geschehen und machte Platz für den Mann in Schwarz, der dem Verletzten einen Heiltrank an die Lippen hielt. Vingril nutzte die Verschnaufpause, um Glaron zu danken. Als der Schwarzgekleidete ihm dann zunickte, begab sich Vingril bereitwillig zurück an die Seite des Verletzten. Als er sah, wie der arme Mann blutverschmiert in der Lache aus dem nun langsam gerinnenden Blut lag, schüttelte er unwillig den Kopf. Der Templer riß die Reste seines einstmals teuren Umhangs entzwei, rollte eines der Teile zusammen und schob es dem Bewußtlosen unter den Kopf, während er mit dem anderen Stoffstreifen begann, notdürftig das Gesicht des Verwundeten zu säubern. Vingril, der normalerweise wie aus dem Ei gepellt wirkte, sah aus, wie ein Schlachter: über und über mit Blut bespritzt, die Hosenbeine, dort, wo er gekniet hatte, naß und schwer vom Blut, der Wappenrock voller großer Blutflecken und völlig durchgeschwitzt. Seine Hände klebten vom Blut des anderen. Ein im Lichte der Kerzen tanzender Schatten fiel von hinten über Vingril und den am Boden liegenden. Vingril blickte auf und erkannte Asher, den Heiler. Bereitwillig machte er Platz für den Heiler. "Dank Glarons Gnade wird er wohl am Leben bleiben, " erklärte er leise, "doch kümmert Ihr Euch jetzt besser um ihn." Asher nickte und entgegnete: "Wir müssen ihn zu meinem Haus schaffen, dort habe ich alles, was ich benötige." Notdürftig hüllten sie den Verwundeten in einen Umhang und trugen ihn zum Haus des Heilers. Vingril war froh, als er seine Last endlich sacht auf eines der Betten sinken lassen durfte. Er war so erschöpft, wie noch nie zuvor. Er achtete darauf, Asher nicht im Weg zu sein und ließ sich dann dort, wo er gerade stand, zu Boden gleiten und lehnte sich matt mit dem Rücken gegen ein anderes Bett, so daß er Asher bei seiner Arbeit beobachten konnte. Geschäftig eilte der Heiler hin und her, holte Tiegel und Flaschen und säuberte die Wunde. Irgendetwas alarmierte den Templer, doch er wußte nicht was es war. Die Hautfarbe des Verletzten war noch immer von todesähnlichem Grau und obgleich dieser nun das Bewußtsein wiederzuerlangen schien, spürte Vingril plötzlich erneut die Gefahr. "Bei Glaron," dachte er zusammenfahrend, "es hat noch nicht gereicht. Der Transport hierher hat ihn erneut geschwächt!" Nur einen kurzen Augenblick zögerte Vingril, dann schloß er in Konzentration die Augen und fühlte in sich hinein, griff nach dem metaphysischen, kaum noch spürbaren Band, das ihn mit dem Verletzen verband und versenkte sich in sein Gebet. "Gib ihm all meine Kraft, die ich entbehren kann," bat Vingril seinen Gott in Gedanken. Erneut traf ihn die feurige Hitze wie ein Schock und er rang nach Atem, während er bemerkte, wie der Strom erneut in Gang kam und das Leben aus ihm hinaussog. Eine Stimme schien in Vingrils Kopf zu dröhnen: "Wieviel bist Du bereit, zu geben?" Und ohne zu zögern antwortete etwas in ihm: "Alles, Herr, soviel er braucht." Der Verletzte, der nun wieder zu Bewußtsein kam, schrie vor Schmerz. Vingril verstand, das der Schmerz den weiteren Fortschritt der Heilung aufhielt und spürte ohne zu zögern diesem Schmerz nach, griff nach ihm, zog ihn zu sich selbst. Der Templer fühlte seine Umgebung verschwimmen, so grausam und heftig traf ihn der Schmerz. Dennoch hielt er die Konzentration, hielt die Verbindung so lange aufrecht, bis der Strom von selbst verebbte. Als er sich wieder in der Lage sah, die Augen zu öffnen, erkannte er das Wunder. Mühsam erhob er sich und streckte dem verletzten Gardisten die Hand entgegen, half ihm beim Aufstehen, ohne selbst zu stürzen. Der Mann würde es schaffen, würde mit seinen Gardenkameraden auf seinen eigenen Fußen zurück in Quartier gehen, Vingril wußte, daß er es vermochte. Glaron ist groß! Kaum zu glauben, daß der Gardist noch vor kurzem dem Tode näher gewesen war als dem Leben - doch Glaron hatte mit Vingrils Hilfe ein Wunder geschehen lassen. Obgleich Vingril nun die Schmerzen des Gardisten zu tragen hatte, war der Triumph in seinem Blick unverkennbar. Dieses Gefühl des Triumphes durchströmte jede Faser seines Körpers. Glaron sei Lob, Preis und Ehre! |
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