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Alt 18.04.2002, 13:23
Bruder und Schwester
#1
Lena Laurentos
Gast
 
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Schweigend stapfte Lena neben ihrem Bruder her. Lars, der Riese, stark wie ein Bär, ganz anders als sie, die ihm nur knapp über den Bauchnabel reichte. Keiner würde sie auf den ersten Blick für Geschwister halten. Und doch waren sie es. Sie hatten die gleichen Wurzeln.
Sie hatte alle in ihrer Familie für kalt und herzlos gehalten. Aber Lars war das beste Beispiel, dass es nicht so war. Sie waren wohl alle nur geprägt vom tyrannischen Vater. Vielleicht würden auch ihre anderen acht Brüder irgendwann den rechten Weg einschlagen.
Schweigend gingen beide nebeneinanderher, immer weiter, weiter weg von Britain und ihren Einwohnern.
In ihrem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Keine Pause.... selbst im Schlaf fand sie keine Ruhe. Sie träumte von der Mine, dem toten Pferd, das von der Decke fiel. Sie sah erneut den Auflauf an dem Zelt....alle bewaffnet, dunkle Gestallten und Männer und Frauen in Rüstungen. Und sie hörte die Stimme ihres Meisters. Sah sein besorgtes Gesicht, wie er sie zurück schickte. Stimme.... diese Stimme...eine dunkel Stimme ...“ Du wirst nie mit ihm glücklich werden.“ Dann hörte sie wieder das grausame Lachen und schreckte hoch.
Die Geschehnisse der letzten Zeit ließen Lena nicht los.
Gedankenverloren wanderte sie weiter, an der Hand ihres Bruders. Sie sah die Gesichter der Menschen, die sie in Britain kennengelernt hatte. Finweya, die ihre Trauzeugin hätte werden sollen. Annabelle.... sie musste kurz den Kloß aus dem Hals vertreiben. Nein... sie konnte nichts dafür. Aber tief in ihrem Inneren beneidetet sie Annabelle um den Mann an ihrer Seite.
Aber tauschen wollte Lena nicht mit ihr. Diese schwarze Gestallt machte ihr Angst.
Dann war da noch dies seltsame grüne Frau mit den spitzen Ohren. Lena runzelte die Stirn. Sie war sich immer noch nicht ganz klar, was sie war und warum sie ihr all diese Fragen gestellt hatte. Und sie sah Salix.... sein Bild trieb ihr erneut Tränen in die Augen.
Ihr Herz schien erst zu hüpfen vor Freude und verkrampfte sich dann zu einem Stein in ihrer Brust.
Lars zog sie mit seiner großen Pranke zur Seite, denn fast wäre sie gegen einen Baum gelaufen. Er hielt an, hob sie hoch auf seine Augenhöhe und schüttelte sie, dass ihr fast schlecht wurde.
„Hör endlich auf zu jammern und an ihn und diese Städter zu denken.“ Maulte er sie an und sein Blick machte ihr klar, dass er das verdammt ernst meinte. Langsam setzte er sie wieder ab und grummelte weiter“ Ich hätte ihn töten sollen und nicht nur sein Bein brechen....“
Grummelnd und brummend ging er weiter und zog Lena hinter sich her.
Ja sein Bein.... vor ihren Augen war der Kerker. Lars tobend in der Zelle. Und der Kampf zwischen ihrem Bruder und ... dem Mann, den sie liebte. Er hatte um sie gekämpft. Zuhause hätte jeder nur beim Anblick von Lars die Flucht ergriffen. Aber nicht Salix. Sie fühlte die große Hand ihres Bruders und das grausamste Bild formte sich vor ihrem Auge. Lars legte Salix die Hand um die Kehle und drückt zu als presse er eine Schwamm aus. Aber zum Glück war ihr Bruder nicht so eiskalt. Er hatte Salix sogar geholfen. Sein Bein geschient.
Und irgendwie hatte Salix es geschafft diesen groben Riesen zu überzeugen, hier zu bleiben, und auch Lena nicht nach Hause in die Hölle ihres Lebens zu bringen.
Aber warum...warum hatte er all das auf sich genommen? Wenn er doch Annabelle liebte.
Lena hob kurz den Kopf. Es war schon dunkel. Sie wusste nicht mal wo sie waren. Seit Tagen gingen sie weiter und weiter. Durch Wälder, Sümpfe und über Flüsse, vorbei an Dörfern und einsamen Häusern, durch zerklüftete Täler und über steinige Hügel weiter weg von Britain.
Lars machte grade ein Feuer. Die große Axt steckte in einem Baum hinter ihm.
Irgendetwas essbares steckte schon auf einem Spieß und wurde gerade über den Flammen platziert.
Lena sah in die Flammen und sah wieder das Gesicht von Salix, wie er sie anlächelte. Ein warmes Gefühl machte sich breit auf ihrem Gesicht und in ihrem Herzen.
Es war nicht alles sinnlos, nicht alles schmerzvoll. Sie hatte etwas kennengelernt, was ihr vorher fremd war. Sie wurde geliebt und geachtet. Jemand war nett zu ihr ohne Grund, ohne Gegenleistung zu erwarten. Auch wenn sie eine Frau war, hatte sie etwas erlernt was bei ihnen zu Hause Männerarbeit war. Naja... die Rundschilde. Sie musste schmunzeln. Die konnte sie noch nicht. Aber das war nicht schlimm. Sie hatte eine schöne Zeit verlebt in Britain. Das durfte sie nicht vergessen. Ein warmes Gefühl machte sich in ihr breit und es war nicht nur das wärmende Feuer. Sie hatte erfahren was Liebe ist und wie es sich anfühlt. Dieses Gefühl wollte sie in sich tragen und es nie vergessen. Langsam kehrt ein Lächeln auf ihr Gesicht zurück. Es gab Menschen, die nie dieses Gefühl erfahren dürfen. Sie liebte und auch fern von ihm war es ein schönes Gefühl. Sie hätte es nicht ertragen ihn mit Annabelle zu sehen aber so... gehörtet er ihr... in ihrem Herzen.
„ Na, endlich fertig mit Trübsal blasen?“ dröhnte die dunkle Stimme von Lars.
Sie sah zu ihm und lächelte leicht.“ Ja, ich denke es wird Zeit wieder das Leben zu leben und nicht dem nachzutrauern, was man nicht ändern kann.“
Sein lachen dröhnte durch den Wald. „ Du klingst schon so seltsam wie die Städter“
Lachend warf sie ihm einen kleine Ast über und krabbelte dann zu ihm herüber. „ Aber man darf nicht vergessen, du übergroßer Holzfäller du, ohne diese Städter würden wir nicht hier so sitzen.“ „ Stimmt“, nickte er „ du würdest endlich wieder deine Aufgaben nachgehen und was schaffen.“ Sie sah ihn erschrocken an. Dann fing er laut an zu lachen. Lena schüttelte nur langsam den Kopf und schmunzelte. “ Lars, was ist das hier für eine Narbe?“ fragte sie und strich über die Narbe an seine Unterarm. Sie war noch nicht alt.
Er wurde wieder ernst und sagte nur trocken. „ Das wirst du irgendwann erfahren, aber nicht jetzt.“ Sie nickte leicht und kuschelte sich in die großen Arme ihres Bruders. Sie schlief ein und es war der erste erholsame Schlaf seit Tagen ohne Träume und wirre Gedanken.
Lars sah auf seine kleine Schwester runter und streifte kurz die Narbe. Leise murmelte er „ Das wirst du irgendwann erfahren....“
 
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