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Alt 18.09.2004, 00:04
Yanya - Zwischen Licht und Schatten
#1
Yanya Larthay
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Registriert seit: 25 Nov 2003
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Lange Zeit noch, nachdem Angelina das Sternenhimmelhaus verlassen hatte, saß Yanya auf ihrem Bett mit dem leuchtend roten Überzug. Tief verstrickt in ihre Gedanken strich sie ab und an das himbeerrote Kleid glatt, das sie von Vio zu ihrem vierzehnten Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Ihre Hände streiften manchmal über die glatte, wunderschöne Kette, in die „In Liebe, deine Mutter“ eingraviert war. Yanya zuckte kurz zusammen, als sie bemerkte, wie kalt ihre Fingerspitzen waren und schlüpfte unter die Decke.
Ihre Gedanken wurden nur begleitet von Dorians manchmal ruhigen, manchmal schnaufenden Atemzügen. Yanya lehnte sich an die Wand und knetete ihre Finger, damit die Wärme in sie zurückkehrte. Obwohl es Sommer war, war ihr seit Tagen nicht mehr richtig warm geworden. Nur heute, als Angie mit ihrem ernsthaften Gesicht neben ihr gekniet war, hatte sie plötzlich ein Strom von Wärme durchflutet.

Vio hatte ihr gesagt, und sie hatte ungewöhnlich streng dabei geklungen, dass der kleine Dorian und Yanya selbst das Haus nicht verlassen sollten, da es zu gefährlich war. Nur unter Zögern hatte sie Yanya erzählt, weshalb sie ihnen verbot, nach draußen zu gehen. Ihr Gesicht war dabei von Schmerz gezeichnet gewesen. Mit stockenden Worten hatte sie Yanya später, als Dorian schlief, berichtet von Vadraks Haft im Kerker. Yanya spürte einen Ruck durch ihren Körper laufen. Ihr Vater – im Kerker?? Vadrak sollte eingesperrt worden sein?? Wie war das nur möglich?
Auf Vios Erklärung hin spukte das Wort „Ketzer“ die nächsten Tage ständig durch Yanyas Gedanken. Nun suchte man also auch nach Vior’la, Dorian und ihr selbst. Dorian sollte im Kloster erzogen werden und Yanya als Hexe verbrannt. Das klang alles so seltsam in Yanyas Ohren. Wie fühlte es sich an, verbrannt zu werden? Ihr altes Unbehagen vor Feuer erwachte wieder. Sie hatte schon als kleines Mädchen, nachdem sie erfahren hatte wie Angelinas und Beladinons Vater gestorben war, eine Weile lang höllische Angst vor Feuer gehabt.

Vio würde ihnen eine neue Bleibe suchen, das hatte sie versprochen. Yanyas Vertrauen in ihre Mama war unerschütterlich, sie glaubte fest, dass Vio dies auch gelingen würde. Also blieb sie eine Weile alleine mit Dorian, sie wusste ja genau, wie man sich um ihn kümmerte. Allerdings schlief er auch recht oft, was Yanya ungewollte Zeit zum Nachdenken bot.

Vadrak im Kerker… es fühlte sich an, als wäre sie plötzlich gelähmt. Lange Zeit hatte sie ihren Vater nicht mehr gesehen, und als sie ihm zum letzten Mal begegnet war, verhielt er sich schrecklich und beantwortete ihre erdrückenden Sorgen mit „die Götter sind mir gleichgültig“. Diese Fragen quälten sie nach wie vor. Angie hatte ihr gesagt, Vadrak war Schuld gewesen am Tod ihres Vaters. Es konnte einfach nicht wahr sein, es konnte nicht!
Ruhelos, wie Yanya war, zog sie ein arg lädiertes Buch unter ihrem Kopfkissen hervor, die Seiten drohten schon, heraus zu fallen. Liebevoll streichelte Yanya über den Einband. Ein paar Kinderzeichnungen schmückten die ersten paar Seiten. Die Lettern „Gebetsbuch zu Glaron“ schmückte die erste Seite. Als man sie – vorzeitig – aus dem Kloster in Mantanas Fürsorge gegeben hatte, war das ihr Abschiedsgeschenk geworden.
Yanya bemühte sich angestrengt, gestochen scharf und sorgfältig zu schreiben:

Ich habe heute Angie besucht, eigentlich hätte ich gar nicht gedurft, weil man Dori und mich erkennen könnte und dann werden wir auch bestraft. Ich weiß immer noch nicht so richtig, weshalb Vadrak eingesperrt ist. Vio sagt, es ist, weil sie sagen er ist ein Ketzer und wir sind auch welche, weil wir nicht an Glaron glauben. Ich weiß gar nicht was ich glauben soll. Angie glaubt an Alwyzz und Vadrak hat mal an Glaron geglaubt und Vio glaubt an Volo. Ist das nicht verwirrend? Es gibt so viele Götter, warum kann man eigentlich nicht alle mögen? Warum muss man sich denn für einen entscheiden? Früher wäre Vadrak sicherlich schrecklich böse auf mich gewesen, wenn ich zu Volo gebetet hätte. Und Vio hätte vielleicht nicht verstanden, wenn ich zusammen mit Vadrak an Glaron geglaubt hätte. Es ist wirklich anstrengend, immer das zu tun, was die andern wollen. Vielleicht sag ich einfach jedem etwas anderes. Aber das wäre auch dumm, oder?
Jedenfalls bin ich mit Dorian in der Nacht zu Angie gelaufen, weil ich’s einfach nicht mehr ausgehalten habe und unbedingt mit ihr reden musste. Ich hab mich zwar gefürchtet, weil es stockfinster war, aber Dori war ja bei mir. Er hat ganz selig geschlafen und ab und zu geschnarcht. Ja, wirklich, das kann er schon!
Ich bin so stolz auf ihn weil er schon so groß ist und so tapfer. Ich war auch ganz vorsichtig und habe nur Wege abseits der Straße genommen, um nicht einem von den Gardisten in die Hände zu fallen. Die suchen uns nämlich, sagt Vio.
Angie war noch wach und hat mich und Dorian in ihr Zimmer gebracht, wo wir den Kleinen hingelegt haben und ich ihr ALLES erzählt hab. Sie hat mir versprochen, mich immer zu beschützen, weil ihr Schwert ja jetzt nicht mehr aus Holz ist und sie eine immer bessere Kämpferin wird.
Ich bin so froh, dass sie meine Freundin ist!!!! Ich glaub keiner weiß was Freundschaft heißt, nur Angie und ich, weil wir alles voneinander wissen. Sie hat Dori und mich dann auf einem geheimen Weg am Rand der Sümpfe nachhause begleitet. Ganz schön unheimlich war das, weil ich genau in ihre Fußstapfen treten musste, um nicht im Morast einzusinken. Außerdem hab ich ja noch Dori getragen. Aber die Sonne hat schon geschienen und so mussten wir den gefährlichen Weg nehmen, weil durch die Stadt hätten wir nicht gehen können.
Ich hoffe sie kommt bald wieder her, weil ich sie einfach fürchterlich lieb hab!!

Und nach Vio hab ich auch Sehnsucht.
Und ich will zu Vadrak. Ich werde Jarod Celduin einen Brief schreiben, das ist doch ein Gardist und er ist ein Freund von Vio! Also muss er mich zu ihm lassen, heimlich, damit mich keiner erkennt. Er muss einfach!!


Yanya
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Alt 18.09.2004, 00:04
#2
Yanya Larthay
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II – Herbsttage

Eine fahle Herbstsonne schien auf Yanya herunter, als sie vor die Türe trat, und diese leise hinter sich zuzog. Seitdem sie mit Dorian alleine im Sternenhimmelhaus wohnte, versuchte sie verbissen, auch alle Arbeiten rund um das Haus zu erledigen und für Dorian Mama und Schwester gleichzeitig zu sein. Er hatte einen wohlbehüteten Schlaf, ihr kleiner Bruder. Yanya hatte schon seit Tagen nicht mehr richtig einschlafen können, jede Nacht im Traum begegnete ihr Vadrak, sie stand ihm gegenüber, aber er konnte sie nicht sehen. In Ketten gelegt musste er auf einer Pritsche sitzen, abgemagert und bleich wie ein Geist. Im nächsten Traum sah sie das Schiff, mit dem Vio nach Faerlan gebracht wurde, in den Fluten versinken. Dann wachte sie mit nassen Wangen aus, tappte müde zu Dorians Bett und legte ihre Decke auf den Fußboden. Dorians kleine, heiße Hand haltend, glitt sie schließlich irgendwann wieder hinüber in ihre Traumwelt und fühlte sich ein bisschen weniger verlassen. Yanya fühlte sich von Dorian getröstet, er schlang Tag für Tag seine kleinen, dicken Ärmchen um sie und vertraute ihr völlig. Das gab ihr Auftrieb und freute sie, aber er konnte ihr trotzdem nicht Vio und Vadrak ersetzen. Sie hatte so viele Fragen, die ihr auf der Seele brannten, und mit denen sie alleine nicht fertig wurde.

Die Kälte und Feuchtigkeit, die vom Meer herzog, durchdrang Yanyas Kleidung. Durchfroren eilte sie nach drinnen und zog sich einen weiteren Umhang über. Der Wind fegte stürmisch über die Häuser an der Küste hinweg, der Geruch von Salz brannte in Yanyas Rehaugen. Sie kletterte hastig auf eine Leiter und löste das Holzschild, auf dem die Schrift „Sternenhimmelhaus“ schon fast völlig verwittert war, aus den Verankerungen. Das Schild an ihren Körper gepresst, schritt sie die paar Schritte bis zum äußersten Punkt der kleinen Halbinsel, an deren Rand das Haus erbaut war. Der Wind blies hier noch heftiger als vor dem Haus, wo sie wenigstens ein bisschen vor den Böen geschützt war, aber hier hatte sie das Gefühl, ihr Herz würde ein wenig leichter werden. Sie stellte sich vor, von hier aus Faerlan am nächsten zu sein. Ihre Nase, die noch von blassen Sommersprossen übersät war, die von den letzten warmen Tagen im Jahr kündeten, wurde kalt und kälter, ihre Wangen brannten rot. Yanya wickelte sich noch fester in den Umhang ein, darunter hatte sie das Schild verborgen.

Irgendwie musste sie dafür sorgen, dass Dorian und sie nicht verhungern mussten. Dank ihrer Freunde hatten sie jetzt eine Weile keine solchen Sorgen, Tom und Angelina hatten ihr genug zu essen dagelassen. Doch sie wand sich innerlich, als sie darum bat. Es war ihr peinlich, darum bitten zu müssen.
Der Sommer endete und mit ihm die Zeit, in der die Obstbäume, Sträucher und Hecken noch üppig blühten und man alle paar Schritte nur noch das Fallobst aufsammeln musste, das den Bäumen zu schwer geworden war. Der Herbst war nicht gerade gesegnet mit Obst, die Apfelbäume im Land blühten nur spärlich. Yanya lernte bitter, was es wirklich hieß, sich um sein tägliches Brot sorgen zu müssen. Sie lernte, das Essen einzuteilen, wobei sie ständig darauf achtete, dass Dorian ja nicht zu wenig bekam und immer satt wurde.

Dem Stand der Sonne nach zu urteilen würde er bald wach werden. Yanya streifte den Umhang ab und schälte sich aus dem zweiten, dessen Wollstoff ebenso durchnässt war von der allesdurchdringenden Feuchtigkeit. Sie hatte eine Prise Meerluft mithereingenommen und kniete nun vor dem Kamin. Anfangs war es ihr nie gelungen, richtig Feuer zu machen, immer noch jagten ihr Flammen Angst ein, weil sie davon geprägt war, zu glauben, Vadrak würde – wie das bei Ketzern üblich war, und wie man es auch mit Angelinas Vati hatte machen wollen – einen grausamen Tod auf dem Scheiterhaufen sterben. Aber mit zusammengebissenen Zähnen machte sie sich klar, dass sie Dorian nicht frieren lassen konnte. Holz sammeln wurde eine weitere wichtige Tätigkeit in ihrem täglichen Leben. Mittlerweile konnte sie gut mit Zunder und Feuerstein umgehen, ein paar Funken schlugen über und das Feuer wurde gemächlich angefacht. Eilig ergriff Yanya einen Topf mit Milch und hängte ihn über die Feuerstelle. Andächtig wickelte sie einen Brotlaib aus. In diesem Haus war eine Weile schon nichts mehr gesegnet worden, aber sie hatte früher oft beobachtet, wie Vadrak, bevor er etwas aß, dieses zuerst mit leise gemurmelten Worten Glaron weihte.

Yanya hatte wieder angefangen zu beten. Sie konnte sich nicht entsinnen, wann sie das zum letzten Mal gemacht hatte, ohne die Absicht zu haben, jemandem eine Freude zu machen, meistens Vadrak, indem sie mit ihm zu Glaron betete. Nun rief sie beide Götter an, Glaron, bei dem Vadrak so oft Trost gefunden hatte, und Volo, zu dem wohl auch Vio im fernen Faerlan betete. Sie konnte nicht genau sagen, ob sie sich wirklich erhoffte, Hilfe von ihnen zu erhalten, ob Glaron nicht immer noch zornig war auf Vadrak, weil er ihn verleugnete. Aber mit irgendjemandem musste sie schließlich sprechen, und Dorian konnte sie all ihre Sorgen nicht anvertrauen, er würde sie nur fragend mit seinen großen, wunderschönen Augen ansehen, sie anlächeln und dann fest drücken.

Unter diesem Dach lebten allerdings zwei völlig verschiedene Glaubensarten, oder hatten vielmehr gelebt, und Yanya begann, beide in sich zu vereinen. Yanyas Art von Kleidung hatte einen bestimmten Grund, nicht umsonst trug sie nur noch Rot. Rot und Weiß waren Glarons Farben, Rot und Grün hingegen Volos.
Das junge Mädchen beugte sich über den Tisch und ritzte konzentriert auf die eine Seite des Brotes ein Sonnensymbol, auf die andere eine Weinranke. Sie legte ihre Hände auf den Brotlaib und wisperte ein kleines Gebet. Nun fühlte sie sich etwas besser. Bedächtig bestrich sie zwei Brotschnitten mit Butter und Honig. Auch die Milch kochte mittlerweile, Yanya griff nach einem Lappen und nahm sie vom Feuer. Sie mochte den Geruch von warmer Milch, es gab ihr ein Gefühl von Geborgenheit irgendwie. Auf einem Holzbrett stellte sie die dampfende Milch ab und öffnete ganz leise die Tür zum Schlafzimmer. Diese Nacht hatten Dorian und sie in dem großen Doppelbett ihrer Eltern geschlafen. Yanya hatte noch weniger Schlaf als in den letzten Tagen gefunden, weil sie sich in einer Geruchskulisse wiederfand, wo jedes Schniefen sie an Vio und Vadrak erinnerte und sie weinen musste vor Sehnsucht, das Schluchzen in den Kissen erstickend, damit Dorian nicht aus seinen Träumen gerissen wurde.

Er hatte sich zusammengerollt, von der Türe aus wirkte das kleine Bündel unter der Bettdecke wie eine Kugel oder ein Igel dachte Yanya, und ein Lächeln malte sich auf ihre Lippen. Rasch krabbelte sie auf das hohe Bett und näherte sich mit ihrem Gesicht dem kleinen Brüderchen. Liebevoll kitzelte sie ihn unter dem Kinn, Dorians Antwort darauf war ein kleines Niesen, das klang wie das einer Katze. Yanya küsste ihn auf das Näschen. Verdutzt blinzelten zwei strahlende Blauaugen sie an. Ein Strahlen ging über das von den Kissen zerdrückte Gesichtchen, Dorian schlang die Arme um sie und war plötzlich putzmunter. „Morjn Yaya“, kam es aus seinem Mund. „Hunger!“, folgte gleich darauf. Yanya setzte ihn auf das Bett und kniete sich davor. „Was machen wir zuerst?“ Diese Frage stellte sie ihm jeden Morgen. Und wie jeden Morgen kam prompt und triumphierend die Antwort: „Anziehn, waschen!“ Yani nickte anerkennend und gab ihm noch einen Kuss auf die Wange.
„Hände hoch.“ Dorian kicherte, während Yani ihm das Hemd über den Kopf zog und rasch ein frisches suchte, damit er nicht fror. Sie kitzelte ihn unter den Armen und lachte, während sie ihm half, sich anzuziehen. Jeden Tag versuchte sie, ihm beizubringen, immer mehr Knöpfe alleine zuzumachen, damit er lernte, selbstständig zu sein. Nach einer Katzenwäsche trug sie ihn nach draußen, einen Arm unter seinem Po, den andern um ihn gelegt. Das Gewicht ihres kleinen Bruders wurde ihr immer vertrauter.
Zusammen frühstückten sie schließlich, später würde Yanya ihn mitnehmen nach draußen, um Holz zu sammeln, wenn sie sich überwinden konnte, die Hände in das eisige Wasser zu stecken, Wäsche zu waschen und nachher, um Kastanien zu sammeln, mit denen sie zum einen auch das Feuer wach hielt, zum anderen um mit ihnen kleine Tiere zu bauen, mit denen sie vor dem Schlafengehen spielen konnten. Dorian brachte Yanya zum Lachen, in dem er die Geräusche nachmachte, die solche Tiere von sich gaben. Und später, wenn sie ihn dann satt und glücklich ins Bett gebracht hätte, würde sie sich an den Tisch setzen und im Schein des Feuers das Alchemiebuch durchlesen, obwohl sie es mittlerweile auswendig kannte. Sie würde ein paar der Kräuter hervorholen, die sie vielleicht beim Holzsammeln gefunden hätten, und versuchen, sie zuzuordnen. Dann würde sie das Feuer löschen, niemals ließ sie es die Nacht über brennen, der Gedanke, zu schlafen, während es unbewacht loderte, war ihr gänzlich zuwider.

Aber im Moment noch pinselte Yanya das Schild neu, während Dorian sein Brot verspeiste. Sie malte vier Sterne auf das Schild und hoffte von Herzen, die beiden fehlenden Sterne würden bald wieder zurückkehren.
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Alt 18.09.2004, 00:05
#3
Yanya Larthay
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III – Gefangen in den grauen Tagen

Zu einer Zeit, an der es gewöhnlicherweise zur sechsten Stunde schlug, schlug Yanya die Augen vorsichtig auf und blinzelte gegen eine ihr fremde Decke. Erschrocken fuhr sie in dem Bett hoch und ließ sich ein paar Momente später wieder beruhigt in die weichen Kissen zurücksinken. Neben ihr lag ein zusammengerolltes, friedlich schlafendes, in die Bettdecke eingewickeltes Bündel, namentlich Angelina Decram. Von der anderen Ecke des Raumes her vermischten sich Dorians gleichmäßige Atemzüge mit denen von Yanyas bester Freundin. Sie war gestern bis spät in die Nacht mit Angie in der Schule der Yil’Daner gesessen.
Yanya drängte das aufkeimende Gefühl von Vorsicht beiseite. Das innere Rufen, das ihr riet, so rasch als möglich wieder nach Moonglow zurückzukehren interessierte sie kein bisschen.

Zuhause wäre sie jetzt aufgestanden und hätte Frühstück gemacht. Doch da sie selbst die Uhrzeit nur vermuten konnte, weil in den düsteren, grauen Tagen des Winters die Sonne vollständig von einer dichten, undurchdringlichen Wolkendecke verdrängt wurde, brauchte sie sich auch nicht um ihre gewöhnlichen Tätigkeiten zu kümmern. Zumindest jetzt nicht, erst wenn ihr kleiner Bruder erwachte.
Vorsichtig kuschelte Yanya sich wieder unter die Decke, möglichst ohne zu Rascheln, damit sie Angie nicht aufweckte.
Gestern Nacht hatten die beiden Mädchen, eins mit mehr, eins mit weniger heißen Wangen über.. wie hatte Angie es doch genannt? Achja, über „körperliche Liebe“ gesprochen. Sie wusste nicht genau warum, aber Yanya fand diesen Ausdruck irgendwie zum Lachen. Mit dem Wissen von Vio ausgestattet, hatte sie Angelinas ziemlich erweitern können.
Schon komisch, Angie war diejenige, die jetzt Hausarrest hatte, weil sie zu weit gegangen war und sie hatte weniger Ahnung als Yanya, die noch nicht einmal jemanden geküsst hatte.
Sie war so froh, mit Angelina über solche Dinge sprechen zu können. Mit wem hätte sie sich sonst darüber unterhalten?
Wenn sie nicht beschäftigt damit war, sich um den Haushalt, um Dorian, oder um ihr weniges Alchemiewissen zu kümmern, kreisten ihre Gedanken meistens darum, wie es war, wenn jemand sie im Arm hielt, den sie richtig liebte. Oder wenn so jemand sie küssen würde, wie würde sich das anfühlen? Dummerweise kannte sie nicht einen einzigen Jungen, bei dem sie sich das wünschen würde. Es war auch ein wenig schwierig, sie traute sich nicht recht oft weg von Moonglow in das aufregende, große Britain.
Letztens wäre ihr die Notwendigkeit, nach Britain zu laufen fast zum Verhängnis geworden. Yanyas Gedanken wurden düsterer, wenn sie daran dachte. Um ein Haar wäre sie wohl lebenslang hinter die Klostermauern verbannt worden.
Das Essen wurde knapp, selbst Sparen half da nicht mehr fiel, es kam der Zeitpunkt, an dem alles Nahrhafte zu Ende ging. Yanya hatte schon tagelang darüber nachgedacht, wie sie es am klügsten anstellen sollte, nach Britain zu gelangen, ohne aufzufallen. Schließlich hatte sie sich, zwar mit Gewissensbissen, aber dennoch, dafür entschieden, Dorian zuhause zu lassen. Wenn sie Glück hatte schlief er – wie beinahe immer – bis zum nächsten Morgen durch. Außerdem bot ihr die Nacht einen Schutzmantel, den sie auszunützen gedachte, so, wie Vio es ihr beigebracht hatte. Am Tage hatten Hausmauern nicht viel Sinn, doch nachts konnte man sehr gut daran entlanggehen ohne gleich gesehen zu werden aus der Ferne. Zudem würde man sie mit Dori im Schlepptau weitaus leichter erkennen als Vadraks und Vios Kinder. Also würde sie alleine gehen, alleine und nachts.
Im Grunde konnte nicht recht viel schief gehen, Rila, die weiße Stute, ihr Geburtstagsgeschenk, würde sie im Wald vor Britain anbinden und den Rest laufen, das würde nicht allzu lange dauern.
Yanya kam auch bis zum Lachenden Tala ohne Probleme, draußen hatte die bedrückende, finstere Nacht ihr beinah die Luft zum Atmen genommen. Die grauen Tage waren wirklich die unheimlichste, scheußlichste Zeit im Jahr.
Sie setzte sich zu Riane und gab eilig ihre Bestellung auf. Diese sah ihr nur einmal scharf in die Augen, sie war wohl ein wenig verwundert ob der langen Liste, doch sie kam Yanyas Wunsch ohne Kommentar nach. Ihr Korb wäre auch fast schon voll gewesen und sie war fast schon vorm Gehen gewesen, als die Tür aufgestoßen wurde und Yanyas braune Rehaugen mit einer Farbkombination erschüttert wurden, die sie am meisten hasste – weiß und rot, Vingril Kengrand, ein Inquisitor, hatte das Gasthaus betreten.
Das junge Mädchen wünschte sich, es könnte sich in Luft auflösen. Yanyas Gedanken wirbelten panisch durcheinander. Als kleines Kind war sie diesem Mann schon begegnet, niemand hatte ihr bisher soviel Angst eingejagt wie er, denn sie hatte schon damals gemerkt, dass seine so harmlos wirkenden Fragen in Wahrheit darauf abzielten, sie bei einer Lüge zu ertappen.
„Beten deine Eltern jeden Tag mit dir?“
„Spricht deine Mutter das Tischgebet?“
Das waren nur einige der Fragen, die ihr der Inquisitor damals gestellt hatte. Yanya hatte gelogen, dass die Balken sich gebogen hatten. Sein Gesichtsausdruck war jedoch eine undurchdringliche Maske geblieben, sie hatte nicht gewusst ob er ihre Lügen glaubte.

Yanya legte die linke Hand über ihre Wange, um damit zumindest ein bisschen ihr Gesicht zu verdecken. Zwei Männer, die ein wenig abgerissen wirkten, und eine Frau, die für diese Jahreszeit viel zu luftig gekleidet war, hielten sich ebenfalls im Tala auf. Der Templer grüsste all diese mit einem „Glaron zum Gruß“, ebenso wie Riane und Yanya, welche den Gruß höflich, jedoch nur gewispert zurückgab und ihren Blick in dem Milchglas vor sich versenkte. Die beiden anderen Männer ließen sich an einem Tisch nahe der Bar nieder, die Frau trat an den Großmeister der Templer heran und grüßte frech mit „Hallo Vingril.“ Yanya fiel fast vom Stuhl vor Entsetzen, doch gleichzeitig durchflutete sie Erleichterung. Sie kannte die Benimmregeln der Templer gut genug, um zu wissen, dass dies ein Donnerwetter sondergleichen geben würde, und die Aufmerksamkeit des Inquisitors vorläufig von ihr abgelenkt war. Ihre Gedanken rasten. Wie konnte sie sich nur am besten unauffällig aus der vermaledeiten Situation hinausmanövrieren? Doch ehe sie eine passable Lösung finden konnte, traten die beiden anderen männlichen Gäste an sie heran, lächelten freundlich und mahnten sie mit einem leicht tadelnden Unterton: „Marian, solltest du nicht längst im Bett sein um diese Zeit?“ Einer der beiden zwinkerte ihr verschwörerisch zu.
Man brauchte nicht besonders klug zu sein, um zu merken, welche Absicht sie verfolgten. Yanya stieg sofort auf das Spiel ein, täuschte das einfältige und naive Mädchen vor, das einmal wissen wollte, wie es ist, abends in einer Taverne zu sitzen und verabschiedete sich auf Ermahnung eines der Männer noch höflich von Riane.
Yanya stürzte von der Taverne weg, als die Türe hinter ihr zugefallen war. Hinter der Trainingshalle versuchte sie, ihre beiden Retter ein wenig auszufragen. Etwas wirklich Handfestes konnte sie nicht erfahren, die beiden waren recht zugeknöpft und sagten nur, sie seien Freunde ihrer Eltern und hätten ihr deswegen geholfen.
Der eine lieh ihr seine Robe – wie gesagt war es bitterkalt, und händigte ihr zudem einen Brief von Vadrak aus, der zu Yanyas Überraschung nicht mehr im Kerker der Garde, sondern im Glaronskloster festgehalten wurde.
Während der Gefangenschaft im Kerker hatte sie ihn besucht, erschüttert darüber, wie abgemagert und erschöpft er aussah, er wollte nicht einmal, dass sie ihn umarmte – wegen der Flöhe.
Nun hatte die Situation sich also wieder beträchtlich geändert, denn die Klostermauern waren nicht unüberwindlich wie die Gitter im Gardenhauptquartier. Schon einmal war Yanya mit Vior’las Hilfe ins Kloster eingestiegen, damals war sie noch ein Kind gewesen, und der Einbruch hatte dem Zweck gedient, Vadrak auszulösen aus den Händen von Entführern. Damals hatte sie ein paar wertvolle, alte Bücher gestohlen, samt einigen antiken Dolchen. Das hatte gereicht, um die Entführer zufriedenzustellen.
Yanya ließ sich nachhause eskortieren. Sie hatte das Gefühl, es den zweien schuldig zu sein, obwohl sie unter normalen Umständen keiner Menschenseele den Ort ihres Zuhauses verraten hatte. Doch wenn man vor einem Inquisitor gerettet wird, ändern die Prioritäten sich rasch..

Rasch verfasste sie ein Antwortschreiben an Vadrak, ziemlich unverfänglich, falls jemand diesen Brief in die Hände bekommen sollte, für dessen Augen er nicht bestimmt war. Der Fremde erzählte ihr, er hätte sich unter falschem Vorwand ins Kloster eingeschmuggelt und hätte auf diese Weise mit Vadrak sprechen können. Außerdem bestätigte er Yanyas Ansicht, dass Klostermauern zu bezwingen sind.
Als sie beiden Männer beinahe schon aus der Türe waren, mit Yanyas Antwortschreiben in der Tasche, ließ einer eine Bemerkung fallen, die Yanya aufwühlte. Er zwinkerte ihr zu und meinte, er freue sich über ihren geheilten Fuß. So war das also? Von ihrem verstauchten Fuß damals wussten im Grunde nur Vio, Vadrak und die zwei Entführer.
Daraus wurde sie allerdings nicht schlauer. Was waren das um Glarons und Volo Willen für Menschen, die Vadrak erst entführten und ihm dann halfen? Was versprachen sie sich davon, Yanya zu helfen? Schon wieder so viele Fragen, die ihr niemand beantwortete.

Yanya löschte die Kerze aus und zog ein Stückchen Decke an sich. Angelina war eine dominante Schläferin und beanspruchte fast das ganze Bett für sich. Aber es fühlte sich gut an, so geborgen, wie Yanya sich lang nicht mehr gefühlt hatte. Sie würde ihr Leben lang nur eine beste Freundin haben, und diese war unersetzlich
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Alt 18.09.2004, 00:06
#4
Yanya Larthay
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IV – Lichtblick

Würde der Winter eigentlich auch irgendwann einmal aufhören? Der Himmel war wie zugefroren, die Straßen nass und aufgeweicht. Yanya musste mehrmals unter einiger Anstrengung ihre Füße samt Stiefeln aus dem Lehm ziehen.
Wieder einmal war Britain ihr Ziel gewesen. Es war unvorsichtig, unvernünftig und vielleicht auch dumm, und sie wusste das, aber sie war in jeglicher Hinsicht Vior’las Tochter. Unter welchen Umständen sie auch leben mochte, sich schmutzig zu fühlen hielt sie nicht aus. Durch die Jahreszeit hatte sie auch keine Möglichkeit, sich in einem Bach oder See baden zu können.
Britain bot das einzige Badehaus, das sie kannte, und da das Wetter wohl nicht beabsichtigte, sich zu bessern, auch ihre einzige Möglichkeit, sich richtig zu waschen.

Mittlerweile hatte Yanya ein paar Wege gefunden, die selten jemand nahm, zumindest kündeten keine Spuren davon. Sie hielt sich abseits der Hauptstraßen, um nicht wieder durch Pech oder einen unglücklichen Zufall Menschen in die Arme zu laufen, die in Rot und Weiß gekleidet waren.
Schon wieder war sie jemandem begegnet, der ihr Leben beträchtlich durcheinander brachte: Jarod. In der Hoffnung, die auf Keuschheit bedachten Templer würden ohnedies nie im Leben ein Badehaus betreten ( sie kannte die Härte dieser Männer noch von Vadrak her und vermutete, sie schreckten nicht davor zurück, in einem eiskalten Fluss zu baden ) legte Yanya die Überkleidung ab und ließ sich in das Wasser sinken. Mit langen Zügen durchquerte sie das Becken, glücklich, sich endlich wieder richtig sauber zu fühlen und herrlich schwerelos im Wasser. Träge drehte das Mädchen sich auf den Rücken und ließ sich tragen, nur gelegentlich half sie ein wenig nach. Die ansonsten so wirr gelockten Haare lagen glatt um ihre Schultern, und zum ersten Mal seit langem gelang es ihr, über nichts, absolut gar nichts nachzudenken. Es fühlte sich an, als würde sie fliegen. Yanya verbannte alle Sorgen aus ihrem Herzen und stellte sich vor, ein ganz normales, vierzehnjähriges Mädchen zu sein, mit ganz normalen, gewöhnlichen, ein bisschen langweiligen Eltern, die ganz normalen, gewöhnlichen Berufen nachgingen, vielleicht Schneiderin und Schmied. Mit einer Familie, die nur *einem* Gott diente.
Sie wäre der Lehrling ihrer Eltern, alt genug war sie schließlich. Sie würde mit manchen Verboten leben müssen und bei ihren Freunden darüber klagen, denen es ebenso ging. Sie würde rebellieren, wie Angie es manchmal tat, weil ihr solche Verbote nicht behagten.
Die einzigen Verbote, die sie in ihrem richtigen Leben hatte, legte sie sich selber auf.

Die ins Schloss fallende Tür machte ihre Träume zunichte, denn die Eintretenden zeugten von einem völligen gegenteiligen Leben. Yanya fuhr zusammen, als sie Jarod erkannte, der in seinen Armen ein kleines Bündel hielt, das sich als Baby entpuppte, als er es aus den vielen Decken befreite. Stumm betrachtete sie die Szenerie vom Rande des Beckens aus. Jarod schien sie bisher nicht bemerkt zu haben und widmete all seine Aufmerksamkeit dem kleinen Kind. Beide drehten Yanya den Rücken zu.
Scheu brachte Yanya ein "Grüß´dich, Jarod" heraus. Er fuhr herum und starrte sie im ersten Moment an, als hätte er einen Geist erblickt, erwiderte dann aber den Gruß. Yanya bewunderte stumm das kleine Mädchen in seinem Arm, das dieser Mann, den sie bisher immer für einen doch ziemlich groben Gardisten gehalten hatte, mit einer zärtlichen Sanftheit hielt, die sie ihm nicht zugetraut hätte. Allerdings änderte sie an diesem Tag einiges über ihr Meinung Jarod betreffend. Das kleine Wesen, das den Namen "Annabelle" trug, faszinierte Yanya. Sie konnte sich nicht entsinnen, dass Dorian je so klein gewesen war. Eigentlich hatte sie ihn als ziemlich kräftiges Baby in Erinnerung.
Die kleine Annabelle allerdings war ein zartes Kind mit weichen, hellblonden Haaren ( nicht sehr vielen allerdings ), grünen Augen ( Yanya erfuhr ein paar Momente später, warum diese sie so sehr an Vios Augen erinnerten ), rosige, gesunde Bäckchen und einem seligen Lächeln, das gleichzeitig wissend aussah, als wüsste es alles schon vorher.
Jarod machte Yanya also klar, dass dies ihre Halbschwester war und er und Vio somit.. die Eltern. Seltsam, sie fühlte sich dabei nicht gekränkt. Es fühlte sich nicht an, als hätten Jarod und Vior'la Vadrak etwas angetan, Vadrak, an dem Yanyas Herz genauso hing wie an Vio. Es machte nichts.. das war wohl Vios Erziehung, die hier in Yanyas Gedanken einfloss. Sie konnte die kleine Annabelle unmöglich als "Fehltritt" oder "Fehler" sehen.
Es war nun einmal passiert, und wie es schien, bereute Jarod zwar, *dass* er der Mitverursacher gewesen war, aber nicht die Konsequenz daraus - also seine Tochter.
Als Waise kannte Yanya das Gefühl von früher her, als sie noch nicht bei Vio und Vadrak gelebt hatte, nur zu gut, nicht erwünscht zu sein, und sie würde, das wusste sie schon jetzt, ihrer Schwester das auf jeden Fall versuchen zu ersparen.

Was Jarod ihr an diesem Tag allerdings noch erzählte, brachte ihr Blut schon viel eher in Wallung als die Nachricht von der Existenz Annabelles: Jarod hatte Vio, ihre Mutter, Schwester, Freundin, Ratgeberin, Vio, die ihrem Herzen am nächsten stand den Templern ausgeliefert. Sie konnte es kaum fassen und wollte im ersten Moment Jarod etwas antun, ihm am besten das Gesicht zerkratzen oder ihn sonstwie grauenhaft verletzen.. wie konnte er das tun.. ihre Mutter ihren ärgsten Feinden zu überbringen. Vor Yanyas innerem Auge bot sich das Bild einer gequälten Vio dar, in kratzigen Kleidern und der Willkür der Inquisition ausgeliefert.

Aber Jarod beteuerte immer wieder, Vio habe selbst darum gebeten, weil sie am Leben selbst verzweifelt sei. Yanya wurde unsicher. Sollte sie ihm glauben, oder bezweckte er damit nur, sie auch möglichst bald im Kloster abzuliefern? Sie würde erst darüber nachdenken müssen, der Tag hatte zuviele lebensveränderliche Neuigkeiten beinhaltet, um ihn einfach vorübergehen zu lassen wie soviele andere. So bat sie Jarod nur, sie nachhausezubringen. Alleine zu gehen, hatte nun auch keinen Sinn mehr, er wusste ohnedies, wo sie wohnten und hatte auch Vio und Annabelle von dort abgeholt.
Yanya hatte zudem das Gefühl, er wollte sich ein Bild davon machen, ob es ihr und Dorian auch gut ginge. Was sie dann wiederum als recht sympathische Geste betrachtete.
Wie auch immer.. erst einmal wollte sie alleine sein und ungestört, um in Ruhe über all das Neue, auf das sie sich nun einstellen musste, nachzudenken. Langsam bekam sie das Gefühl, in ihrem Leben würde nie etwas von Dauer sein, nie etwas Bestand haben. Es war schon seit jeher ständiger Veränderung unterworfen gewesen, zumindest was die elemantaren Dinge darin betraf..r
Yanya Larthay ist offline  
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Alt 18.09.2004, 00:06
#5
Yanya Larthay
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V - Trotzig bis aufs Blut

Was sie diesmal bewogen hatte, nach Britain zu gehen? Neugierde, zumindest glaubte Yanya das. Sie hatte nicht vor, lange dort zu bleiben.. nur eine halbe Stunde vielleicht, nur um zu sehen, wie es dort war. Wie es sich anfühlte, so nahe am Kloster zu sein. So nahe daran, auch darin zu landen. Der vernünftige Teil in ihr, der schon wesentlich älter als fünfzehn Jahre war, mahnte sie zur Vorsicht und befahl ihr, wieder umzudrehen und den Weg nach Hause zu nehmen. Yanya gab dieser innerlichen Stimme einen Tritt. Was erwartete sie zuhause? Ein stilles, leeres Haus, in dem bloß ein Korb schmutzige Wäsche danach schrie, geleert zu werden. Dorian, ja. Aber er ersetzte ihr keinen wirklichen Freund, er war ein Kind und man kann einem Kind nicht die Sorgen einer halb Erwachsenen erklären oder aufbürden.
Etwas in Yanya brannte darauf, seinen Willen durchzusetzen. Ein Gefühl von.. Trotz kämpfte sich an die Oberfläche. Warum sollte es ihr nicht vergönnt sein, durch Britains Straßen zu wandern, so wie andere Mädchen in ihrem Alter? Warum sollte sie sich von allem fernhalten, was Risiko bot? Warum sollte sie mit fünfzehn Jahren schon Mutter sein müssen? Es war nicht wegen Dorian, den liebte sie, wie eine Schwester ihren Bruder normalerweise auch lieben sollte. Es war wegen dem bohrenden Stachel in ihrem Inneren, der danach drängte, Yanya mit dem zu speisen, das man gemeinhin „Leben“ nennt.

Sie würde nur einen kleinen Spaziergang riskieren, nicht mehr, nicht weniger, das redete sie sich ein, als sie über eine Brücke im Nordwesten Britains schlenderte, einen patroullierenden Gardisten höflich grüßte und ihre Schritte zum Park lenkte. Wer würde ihr dort schon begegnen, schließlich war es Winter und außerdem ging die Dämmerung bereits in den Abend über.
Yanya mochte das trockene Knirschen, das der Schnee verursachte, wenn sie ihre Stiefel hineinsetzte. Sie fand daran ein kindliches Vergnügen und versuchte, den Weg so leise es ging entlangzugehen. Der schwere Umhang in einem tiefen, fast schwarzen Ton schwang um ihre Beine.
Der zugefrorene Teich, auf dem in wärmeren Monaten wunderschöne Seerosen wuchsen, rückte näher in Yanyas Sichtfeld. Sie erblickte den Schemen von jemandem im Dunkeln, der wirkte, als trüge er eine Kutte. Und Zwar eine weiße. Yanya verbarg sich mit einem Satz hinter einem Baum, ein Stück von der Holzbrüstung am Teich entfernt, an die dieser Jemand lehnte. Sie war sich beinahe sicher, wer das war. Ein Templer natürlich, bei ihrem Glück vermutlich Vingril Kengrand höchstpersönlich.

Sie fühlte sich gehetzt wie ein gejagtes Reh, ihre Gedanken überschlugen sich auf der Suche nach einer Fluchtmöglichkeit.
Eine Wolke, die sich vor den Mond geschoben hatte, wurde vom Wind weiter getragen. Der Mondschein warf nun sein diffuses Licht auf das nächtliche Britain. Yanya wartete ab. Sie konnte etwas schweres, ledriges hören, es klang, als würde ein Umhang herumgeschwenkt. Einen Lidschlag später erklang eine kalte Stimme, die im Befehlston forderte: „Tretet aus dem Schatten, Fremder, oder meine Dolche werden Euch nachhelfen."
Yanya erschrak bis ins Mark und blieb weiterhin in ihrem "Versteck". Oder sollte sie besser versuchen, zu fliehen? Noch einmal mahnte die Stimme sie, sich preiszugeben. Die Angst hämmerte in ihren Gedanken, als sie ein paar Spuren in dem weißen, unberührten Schnee hinterließ und zaudernd nach
vorne trat. Immer noch konnte sie nicht ausmachen, ob ihr wirklich Gefahr drohte, wie in etwa von etwaigen Dolchen. Das schwache Mondlicht reichte gerade aus, um in etwa die Gesichtszüge ihres Gegenübers zu erkennen.
Yanya zog den dunklen Umhang enger um sich und harrte aus, bereit, im richtigen Moment vielleicht weglaufen zu müssen. Sie spannte sich an, um nicht zuzulassen, dass man die Unruhe und Angst in ihrem Antlitz sah.
Der Fremde lächelte - aus welchem Grund auch immer. Yanya beschlich das Gefühl, es wäre ein spöttisches Lächeln. Ein belustigtes. Amüsierte er sich etwa über sie? Gleichzeitig verspürte sie Erleichterung. Dies hier war nicht Vingril Kengrand, soviel konnte sie sehen. Das junge Mädchen hob
stolz den Kopf, auf die Frage hin, ob ihre Eltern nicht dafür Sorge trugen, sie zur rechten Zeit nachhause zu bringen und nicht alleine herumlaufen zu lassen im Dunkeln. Kampflustig glitzerten ihre Augen und Trotz trat in ihre Stimme, als sie verächtlich antwortete: „Meine Eltern sind beide im Kloster
zu Glaron und werden von ihrem bösartigen Ketzertum geheilt.“ Ein trockenes Lachen erklang.

"Fürchtest du dich nicht?" "Ihr seid nicht der, für den ich Euch hielt." Und er konnte ja nicht wissen, wie erleichternd diese Erkenntnis war. Yanya hörte sich selbst sagen: „Ich dachte, Ihr wärt der Inquisitor Kengrand." Eigenartig, solche Sätze, denen man ihren Verachtung auf alles, was mit den Templern und Glaron zu tun hatten, die ihr schließlich ihre Eltern genommen hatten,anmerkte, glitten ihr normalerweise nicht so flüssig über die Lippen. Gewöhnlicherweise behielt sie ‚Äusserungen wie diese tunlichst für sich.
Mit einer behänden Bewegung ließ der Mann sich auf der Brüstung nieder, nun war das Licht ein weniger günstiger, und Yanya konnte mehr von seinem Antlitz erkennen, das ihr zugewandt war.
Sie bemühte sich angestrengt, nicht zu starren.
Von einem Augenblick auf den nächsten war ihre Gefühlswelt ein einziges, brodelndes Chaos. Sie blickte auf das interessanteste und.. anziehendste? Gesicht seit langem. Oder seit jemals.. Schwindel, und ein Brennen, das sie beständig ihre Wangen hoch wandern spürte, breiteten sich in ihr aus. So sehr der vernünftige, besonnene Part sie auch anschrie, sich gefälligst "richtig" zu benehmen, sie konnte ihn unmöglich nicht ansehen und folgte den Bewegungen aufmerksam aus dunklen, rehbraunen Augen.

Yanya wagte nicht zu blinzeln. War es das, was Vio immer mit "Schmetterlinge im Bauch haben"
bezeichnet hatte? Nun hatte sie wohl doch für einen winzigen Moment weggesehen, denn dort, wo eben noch dieser unheimliche Fremde gestanden hatte, war nur mehr die Holzbrüstung zu sehen und der See spiegelte sich im Mondlicht.
Yanya fühlte einen leichten Druck auf ihren Schultern. Die krausen, wirren Locken, die sich nicht in eine Frisur zwangen ließen, waren ihr wieder einmal im Wege und machten einen Seitenblick aus den Augenwinkeln unmöglich. Yanya drehte sich vorsichtig nach rechts. Doch ehe sie etwas genaueres sehen konnte, stand der Fremde mit dem Lächeln, das so schwer zu deuten war wie aus dem Nichts vor ihr.
In Yanya rangen Überraschung und Furcht miteinander, doch Faszination über das Gesehene siegte über beides. Wie war das nur möglich? Selbst das fast lautlose Flüstern klang hier am Wasser ein wenig nach: „Wie ist das möglich..? Ist das.. Magie?“ Natürlich war auch hier die Antwort wieder nur ein Lächeln. Er streckte die linke Hand von sich. Yanyas Blick folgte der Geste. Sie sog erstaunt die Luft ein, als sich vor ihren Augen plötzlich eine grauenhafte Klaue darbot. Einen Lidschlag später sah sie eine gewöhnliche, menschliche Hand vor sich und zweifelte schon an ihrem Verstand. Was auch immer das für ein Spiel war, es ließ sie atemlos staunen. Und sie wollte wissen, wie er das machte und sah ihn stumm und fragend an. Wieder fühlte sie sich, als ob sie im nächsten Moment einknicken würde, weil ihre Beine sie nicht mehr zu tragen vermochten, als er sie mit diesen Augen - nun konnte sie das intensive, smaragdene Grün erkennen - ansah. Es war wie der Moment, in dem man nach einem Fall auf dem Boden auftrifft und nach Luft ringt, weil man nicht mehr atmen kann.
Seine Stimme hauchte leise: „Kannst du dich noch bewegen, mmh?" Yanya versuchte, einen Schritt zurück zu tun. Doch ihre Beine gehorchten tatsächlich nicht mehr ihrem Willen. Sie fühlte sich fast schuldbewusst dabei, denn eigentlich sollte sie doch Entsetzen erfüllen. Stattdessen war es wieder unbezähmbare Faszination.

Auch als Yanya all ihre Gedanken auf die Bewegung richtete, diesmal versuchte sie, einen Arm zu heben, änderte das an der Situation nichts. Das Gesicht des Fremden, das Yanya so sehr aus dem Gleichgewicht brachte, war nur mehr eine Handbreit von ihrem entfernt.
Leise wisperte er: „So will ich Euch an diesem Abend nur einen wohligen Rausch des Blutes und der Schwäche schenken, junge Schönheit.“
Ganz leicht nur öffnete sich sein Mund und offenbarte zwei spitze, weiße Zähne. Ehe Yanya auch nur einen Gedanken dazu greifen konnte, senkten sich weiche, sanfte Lippen auf die ihren. So sanft, als wäre sie aus kostbarem Glas und könnte jeden Moment entzweibrechen. Selbst wenn sie sich in diesem Moment nun hätte bewegen können, hätte sie sich keinen Zoll weit gerührt. Sie spürte die Berührung der Lippen an ihrer Wange, dann an ihrem Hals. Yanyas Herz schlug Purzelbaume, bis sie ein plötzliches Stechen an der Kehle verspürte, das sie hätte zusammenzucken lassen, wenn sie gekonnt hätte. Nun wurde die ganze Welt diffus und nebelig, Yanya fühlte sich immer willenloser werden und spürte ihre Arme und Beine nicht mehr. Bis ihr schwarz vor Augen wurde, und sie nur noch merkte, dass sie aufgefangen wurde.

Etwas Unangenehmes weckte sie. Es sollte sie in Ruhe lassen, sie schlafen lassen. Es war nass und kalt und ließ sie frieren. Vorsichtig blinzelte sie und riss die Augen verdutzt auf. Die fahle Wintersonne kämpfte sich durch den verhangenen Himmel. Was Yanya geweckt hatte, war der kalte Schnee, der
auf sie herabrieselte. Verwirrt blickte sie an sich hinunter und sah sich um. Sie lag auf einer Parkbank im Park von Britain, eingewickelt in ihren Umhang. Als sie versuchte, sich aufzurichten, wurde ihr schwarz vor Augen und sie sank wieder zurück. Was war hier passiert? Sie musste wohl vor Erschöpfung hier auf die Bank Ruhe gesucht und eingeschlafen sein..aber.. der Traum.. Yanya tastete unwillkürlich nach ihrem Hals. Sie versuchte, sich noch einmal, diesmal langsamer, in eine Sitzposition zu zwingen.
Geschwächt und ausgelaugt machte sie den Versuch, aufzustehen, wobei ihr die Beine wegsackten. Erst nach einer Weile brachte sie es fertig, zu stehen, und brauchte zwei Stunden, um nachhause zu gelangen, was normalerweise eine halbe Stunde dauerte. Erschöpft fiel sie in ihr Bett und sank in erlösenden Schlaf.
Erst gegen Abend wachte Yanya wieder auf und schlug hastig die Decke ,zurück. Die Bilder in ihrem Traum waren dieselben gewesen. Als sie Abendessen für Dorian kochte, verrichtete sie die gewohnten
Handgriffe mechanisch. Mechanisch machte sie Feuer, mechanisch wusch sie Wäsche, mechanisch plauderte sie mit Dorian.
Ihre Gedanken drehten sich ständig um den aufwühlenden Traum. Als sie den Nachmittag verschlafen hatte, war sie dem Fremden wieder begegnet. Aber diesmal war es anders, wahrend sie träumte, wusste sie, dass es bloß nebulöse Hirngespinste waren. Beim ersten Mal war das ganz und gar nicht
der Fall gewesen.

So ging das Nacht für Nacht, die nächsten drei Wochen. Yanya aß selten und vergaß die einfachsten Dinge. Mitten in einer gewohnten Arbeit kam es immer öfter vor, dass sie innehielt und auf einen
toten Punkt im Raum starrte oder auf das graue, winterliche Meer. Sie verhielt sich fahrig, unkonzentriert und war in Gedanken ständig anderswo.
Quälende Unsicherheit plagte sie. Schließlich traf sie eine Entscheidung. Sie würde sich Gewissheit verschaffen müssen. In nächster Zeit würde sie öfter in den Park zu Britain gehen des Nachts und sehen, ob sie irgendeinen Beweis dafür fand, dass sie nicht nur träumte. Sie würde nicht mehr an
ihrem Verstand zweifeln müssen und es mit Sicherheit wissen. Und vielleicht würde sie auch dem Hunger etwas entgegenzusetzen haben, wenn sie herausfand, dass alles nur Einbildung gewesen war. Hunger nach noch so einem Kuss..
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Alt 11.11.2004, 16:01
#6
Yanya Larthay
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VI Spiegelbilder

Yanya setzte sich am Ende dieser Stunden, am Ende dieses Tages, als es dunkel wurde und sie wieder alleine zurückblieb in dem neuen Haus im Herzen der Stadt Moonglow, das sich allmählich füllte mit Erinnerungen und Bildern aus ihrem Leben, auf ihr Bett und lehnte sich zurück.
An der Wand gegenüber hatte sie einen Spiegel angebracht, getreu einem Rat, den sie öfter als einmal von Vio erhalten hatte.
Zum ersten Mal sah sie wirklich hinein und warf nicht nur einen flüchtigen Blick darauf, nur um festzustellen, dass sie noch genauso gewöhnlich aussah wie sonst.
Was sie erblickte, erkannte sie nicht wieder. Am Morgen zuvor hatte ihr noch ein kleines Mädchen aus seinen trotzigen, braunen Augen entgegengesehen. Jetzt, da der Abend nahte, sah ein ernstes, dunkles Augenpaar, das fiebrig vor Verliebtheit glänzte mit dem Blick einer Frau in den Spiegel.Vorsichtig tastete Yanya ihre Wangen ab, um zu sehen, ob sie wirklich war, oder ob sie nicht doch träumte.
Es fühlte sich weich an, wie am Morgen, als sie sich mit dem kalten Wasser aus der Schüssel erfrischt hatte, aber es war mittlerweile Haut geworden, die liebkost worden war von schmetterlingsleichten Küssen. Kein bisschen Haut in ihrem Antlitz, das nicht entsprechend gewürdigt worden war. Yanya lächelte.
Die Frau im Spiegel erwiderte das Lächeln.

Erst jetzt ahnte Yanya, was Vior’la so begehrenswert und schön machte, weshalb so viele Männer ihre Mutter angebetet hatten oder noch immer verehrten. Vior’la hatte diese kokette Art, die bewirkte, dass jeder sie anhimmelte. Wenn sie nur ihre leibliche Mutter wäre, dann hätte sie ihr dies vielleicht auch vererbt. Oder war es nur die Folge von Vior’las grauenhafter Erziehung? Nein, es war doch gut, dass Vio ihr Wissen nicht bei ihr angewendet hatte. Lieber fand sie selbst heraus, wie es sich mit den Regeln dieses alten Spiels der Anziehung verhielt.

Yanya betrachtete sich kritisch im Spiegel. Sie fand, die siebzehn Jahre sah man ihr nicht an, sie wirkte immer noch so schmal und unscheinbar wie mit vierzehn und streckte ihrem Spiegelbild in einer kindischen Anwandlung die Zunge heraus. Die blassen Sommersprossen auf ihrer Nase machten das Bild auch nicht unbedingt schöner. Yanya beugte sich ein wenig vor und betupfte sie mit Zitronensaft. Man sagte, das half, diese unschönen Punkte blasser zu machen. Vielleicht nützte es wirklich.

Später setzte Yanya sich im Schein eines Kandelabers an ihren Arbeitstisch. Sie liebte den frischen Geruch der Kräuter, der das kleine Haus erfüllte. In einer Ecke hatte sie ordentlich alle der Reihe nach an der Decke zum Trocknen aufgefädelt, andere bewahrte sie in kleinen Kisten auf ihrem Arbeitstisch auf.
Ihre Handgriffe wurden immer sicherer, mit dem Mörser in der Hand und ein paar Alraunenwurzeln setzte Yanya sich auf den Teppich vor dem Kamin, und zerstieß die Wurzeln zu feinem Pulver.

Nach einer Weile verharrten ihre Hände tatenlos und Yanya blickte in die Flammen. Mit Artes hatte sie darüber gesprochen, wie sehr sie beide Feuer verabscheuten. Es wärmte zwar, aber Yanya fuhr in manchen Nächten immer noch in ihrem Bett hoch, wenn sie wieder einmal geträumt hatte, wie Angelinas Vater verbrannt worden war. Vadrak hatte ihr das erzählt, als Angie und sie noch kleine Mädchen gewesen waren.

Sie sehnte sich nach Vadrak, so wie er früher war, bevor er angefangen hatte, sich nur mehr für Vio zu interessieren. Überhaupt sehnte sie sich manchmal nach jemandem, der ihr sagte, wie man Dinge richtig machte. Sie konnte immer nur auf ihren eigenen Verstand vertrauen und ihre Intuition.
Und nun war Vadraks Asche verstreut übers ganze Meer. So sehr sie auch das Feuer mied, sie konnte den Gedanken nicht ertragen, dass Würmer Vadrak zerfraßen. Tom Leclair hatte ihr geholfen, sie hatten einen Holzstoß errichtet und Vadraks Leiche darauf gelegt. Wieder hätte Yanya jemanden gebraucht, der ihr gesagt hätte, ob es richtig war, ein Gebet Glarons an Vadraks Grab zu sprechen, aber irgendwie wollte sie ihn nicht ohne ein Gebet verlassen. Schließlich hatte tatsächlich ein Großteil seines Lebens seinem Gott gehört. Und auch wenn man in ganz Britain über Vadraks angebliches Bündnis mit Pumar, dem Dämon sprach, lehnte Yanya es ab, den Gerüchten zu glauben. Sie versteifte sich ganz einfach dagegen. Vadrak hätte doch all seine Prinzipien niemals so über den Haufen geworfen, oder? Er hätte doch niemals solch groben Verrat an allem, woran er früher geglaubt hatte, begangen?

Yanya hatte ihr schönstes Kleid angezogen, sich die Haare gebürstet und war erst dann an den Holzstapel getreten. Zusammen mit Vadrak verbrannten Vios Haarbürste, Dorians Decke und eine Zeichnung Yanyas, die sie gemalt hatte, als sie noch klein gewesen war.
Tom hatte sie in den Arm genommen. Wie wohl es tat, nicht allein stehen zu müssen, wie gut es war, wenigstens zwei Freunde zu haben, die einem das Leben leichter machten. Die beiden hatten eine Weile dort verharrt, der Wind und der Geruch von verbranntem Fleisch trieben Yanya die Tränen in die Augen. Es mussten wohl schon zwei Stunden vergangen sein, als Tom sie schließlich besorgt bat, ins Haus zu gehen und sich ein wenig hinzulegen. Yanya folgte der Bitte widerstandslos. Das Haus, in dem sie einst zu viert gelebt hatten, schien ihr nun hässlich und ablehnend. Tom verabschiedete sich und machte sich auf den Heimweg.
Bevor Yanya in dieser Nacht einschlief, schwor sie sich, sich sofort am nächsten Morgen auf die Suche nach einem neuen Haus zu machen.
Und tatsächlich hatte sie dieses hier nun gefunden. Vadrak hatte eine Rüstung hinterlassen, die sie verkauft hatte. Von dem Gold konnte sie sich dies kleine Haus hier leisten. Auf diese Weise konnte sie immer noch auf Moonglow leben, aber in ihrem eigenen Heim, das noch frei von Erinnerungen war. Ein weiteres Erinnerungsstück, das sie behielt, war Vadraks Schwert. Sie wickelte es sorgfältig in Stoff ein und verstaute es ganz unten in einer Truhe.

Als sie hier eingezogen war, hatte sie die Gedanken an Artes schon weit weg geschoben. Fast hatte sie geglaubt, endlich das gewöhnliche, ereignislose Leben erreicht zu haben, nach dem sie sich sehnte. Dann hatte sie sich wieder einmal auf den Weg nach Britain gemacht, um ein paar Reagenzien zu kaufen, die in Moonglow gerade rar waren. Mit den neuen Kräutern in der Tasche lief Yanya zur Kirche. Es war schon dunkel, sie musste nicht befürchten, einem Glaronsjünger in die Arme zu laufen. Die Nacht war etwas wunderbares..
Sie blieb eine Weile in der kühlen, finsteren Kirche sitzen, die nüchtern und ohne jeglichen Zierrat gebaut worden war und genoss die Stille. Draußen auf den Stufen sitzend sah Yanya zum Mond hinauf, und wollte sich eben auf den Heimweg machen, als eine Gestalt, die ihr irgendwie vertraut war, die sie aber nur schemenhaft erkennen konnte, sich näherte.
Artes.. zusammen machten sie einen Spaziergang nach Cove, wo Yanya ihn zu dem geheimen Versteck, das sie als Kind mit Angelina benutzt hatte, führte.
Sie unterhielten sich eine Zeitlang dort oben, aber es ging rasch, viel zu schnell vorbei. Yanya machte sich alleine auf den Nachhauseweg. Es dauerte eine Weile, bis der Rausch wieder verging. Denn so fühlte es sich eigentlich an, immer wenn sie in Artes’ Nähe war, schien sie alle Vorsicht, die sie für gewöhnlich Menschen, die sie nicht allzugenau kannte, an den Tag legte, außer acht zu lassen.

Ein paar Tage später war Vior’la wieder aufgetaucht. Yanya begrüßte sie mit gemischten Gefühlen. Einerseits war sie unendlich froh um Vios Anwesenheit, die ihr immer eine beruhigende Sicherheit vermittelte. Andererseits hatte Vio sie mit einem Toten, mit einem TOTEN, der noch dazu ihr Vater war, alleingelassen. War das die Handlung einer Mutter?

Yanya verhielt sich erst recht schroff zu ihr, nachdem die Unterhaltung sich entwickelte, brodelte die Wut in ihr plötzlich über. Eigentlich verhielt sie sich sonst immer so vernünftig und besonnen wie möglich, aber nun warf sie Vio voller Zorn alles an den Kopf, was sie falsch gemacht hatte. Diese sah sie betreten an, sie schien sich ihrer Schuld bewusst zu sein, aber nicht erwartet zu haben, dass Yanya auch offene Wut zeigen konnte.

Nach ein paar Momenten betretenen Schweigens trat Vio wieder näher an Yanya heran und bat sie leise um Entschuldigung. Yanya zog sie nur schweigend Richtung Küste, dorthin, wo sie Vadrak verbrannt hatten. Vio sollte sehen, wie Vadrak geendet hatte, wenn sie schon nicht die Kraft besessen hatte, ihn selbst zu Grabe zu tragen.
Dort, an Vadraks letzter Ruhestätte, versöhnten sie sich wieder. Bis jemand sie störte.. eine Frau trat an die beiden heran, mit eindeutig drohenden Gesten. Sie überging Yanya, und sprach nur mit Vio, der sie einbläute, Vadrak habe all die Jahre alles nur für sie getan. Die Unterhaltung wurde hitziger, und die Fremde, die außerdem noch eine Armbrust auf Vio und Yanya hielt, wies sie herrisch, ins Haus zu gehen. Erst sprach Yani sich dagegen aus und sah die Fremde trotzig und verbissen an, als aber auch noch Vio sie bat, hineinzugehen folgte sie und beobachtete die Unterhaltung der beiden vom Fenster aus.
Die Fremde verließ den Ort und Vio kam zu Yanya herein. Irgend etwas schien sie zu verstören. Es behagte ihr nicht, dass diese Fremde viel mehr über Vadrak gewusst hatte, als Vio selbst.
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Alt 13.12.2004, 02:08
#7
Yanya Larthay
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VII Gedanken an Vio

Yanya lag in ihrem neuen Bett, das duftete nach frischem Holz und starrte an die Zimmerdecke. Neben ihr hatte Dorian sich zu einer kleinen Kugel zusammen gerollt und schlummerte friedlich. Er hatte eine von Yanyas Locken als er einschlief um seinen Finger gewickelt, so konnte sie sich nicht bewegen ohne ihn aufzuwecken und verharrte auf dem Rücken liegend. Dorian murmelte im Schlaf kaum hörbar mit seiner zarten Jungenstimme.. „Mama?“..

Mama.. das Wort durchdrang Yanyas Herz schmerzhaft und bohrte sich als eiserner Pfeil mit Widerhaken dort fest. Tagsüber versuchte sie krampfhaft, stark zu sein und sich nicht anmerken zu lassen wie sehr sie ihre Mama vermisste. Jeder glaubte, sie war schon halb erwachsen, und schließlich zog sie auch Dorian auf, wofür ihr selbst Arian Karex Respekt zollte, dachte Yanya. Aber in Wirklichkeit wohnte in dem zierlichen, schlanken Mädchen noch ein kleines Kind, das sein halbes Leben gekämpft hatte um eine zweite Familie, das seine beste Freundin verteidigen musste vor bösen Vorwürfen und das sich immer noch tagtäglich wehrte gegen jene, die eines ihrer Familienmitglieder verachteten.

Warum musste sie nur immer und immer um ein bisschen Glück kämpfen? Weshalb konnte ihr nicht manchmal ein wenig davon in den Schoß fallen?
Die Hoffnung, Vio wieder zu finden, wurde weniger. Als sie Arian Karex ausgefragt hatte, hatte er nur verächtlich behauptet, Vio würde wohl anderswo Männer ausnutzen.

Yanya konnte diesen hochnäsigen, kränklich wirkenden Mann auf Anhieb nicht ausstehen. Warum um alles in der Welt hatte Vio sich nur mit ihm eingelassen? Zu diesem Zeitpunkt hatte sie auch gedacht, Dorian wäre zusammen mit ihr verschwunden. Dem war aber nicht so, denn mitten in Yanyas glühender Verteidigung für Vio drangen helle Kinderstimmen aus dem oberen Stock von Karex’ Turm, und eine davon gehörte zu Dorian. Der Kleine sah blendend aus und fiel ihr buchstäblich fröhlich von der Leiter herunter in die Arme. Er sprudelte vor Tatendrang und hätte Yanya wohl am liebsten alle seine Erlebnisse auf einmal erzählt. Sie hatte sich mit Arian Karex darauf geeinigt, Dorian zu sich zu nehmen. Wobei, sie fand es war eine maßlose Unverschämtheit seinerseits, anfangs darauf zu beharren, Dorian bei sich zu behalten. Er hatte nicht den geringsten Anspruch darauf, und sie war schließlich Dorians Schwester! Erst reagierte Yanya ziemlich hitzig auf Arians Forderung, Dorian bei seinem Sohn zu behalten. Wenn es um ihre Familie ging kannte sie sehr selten Besonnenheit und Vernunft und reagierte bissig und angriffslustig. Schließlich drang aber doch die Stimme der Vernunft zu ihr durch und sie mäßigte sich zum richtigen Zeitpunkt. So kamen sie überein, Dorian würde Kalian, Arians Sohn oft besuchen kommen, damit beide Kinder ihren Freund behalten konnten. Zufrieden setzte Yanya den immer noch plappernden Dorian auf Vanyo, schwang sich dann ebenfalls auf den Rücken des Hengstes und sie kehrten zurück nach Moonglow. In Dorians *richtiges* Zuhause, das unzweifelhaft bei Yanya war.

Yanya besann sich in der Dunkelheit auf all die eigenartigen Dinge, die mit Vios Verschwinden zu tun hatten. Die Gabe, sich selbst in Situationen, die ihr das Herz schwer machten und ihr eigentlich den Geist vernebelten, sich noch auf die Vernunft berufen zu können hatte sie wohl von Vadrak gelernt. Punkt für Punkt ging sie mit zusammengebissenen Zähnen all die ‚Fehler’ durch.


Vanyo, der schwarze Hengst.. das war eine Unstimmigkeit, die nicht ganz zur Theorie derer zu passen schien, die behaupteten, Vio könne doch einfach aus Lust und Laune heraus nach Faerlan oder sonst wo hin gereist sein. Aus Überdruss vor ihrem Leben in Britain vielleicht. Aber Vio war sorgfältig, wenn es um Geschöpfe ging, die ihr anvertraut waren. Niemals würde sie ihren geliebten Vanyo angebunden und ohne Futter an den Pferdepflöcken mitten in der Stadt zurück lassen, wo jeder dahergelaufene Tagedieb ihn mitnehmen konnte. Gefunden hatten ihn dann aber Angelina und Yanya. Das passte einfach nicht zu Vio.

Außerdem die Sache mit Dorian.. Vio hätte ihn bestimmt eher zu Yanya gebracht als zu Arian, wenn sie vorgehabt hätte, auf längere Zeit weg zu bleiben. Sie wusste, wie sehr die Geschwister einander liebten. Und bei einem der letzten Male, als Yani ihre Mutter gesehen hatte, hatte Vio sich sehr abfällig über Arian geäußert. Nein, Vior’la Lyth war keine Frau, die ihr Kind bei jemandem zurückließ, den sie nicht mehr leiden konnte.

Alles hier roch nach einem Verbrechen. Aber Yanya kam einfach nicht darauf, wer es verübt haben könnte. Die Templer fielen ihr natürlich als erstes ein. Aber das war nicht der ‚Stil’ jener Menschen. Sie führten die vermeintlichen Ketzer als Sünder auf und handelten nicht im Stillen, sondern sehr nach außen gerichtet. Außerdem hatte Vio ihr erzählt, sie hätte Frieden mit ihnen geschlossen. Also nein. Dennoch, sie würde Erindor Brithil fragen müssen. Aus anderen Gründen. Um festzustellen, ob er vielleicht doch irgend etwas wusste.

Der Schatten? Man sagte, Vadrak sei mit ihm im Bunde gestanden. Hatte er sich auch Vio bemächtigt? Aber das war viel zu vage, und Yanya wusste zu wenig über diese Art von Gefahr. Wer aber könnte es wissen? Sie würde sehr vorsichtig sein müssen, um nicht zuviel Staub aufzuwirbeln, wenn sie ihre Fragen stellte. Und wen konnte sie fragen? Es musste jemand sein, der gut Bescheid wusste. Jemand, der Yanya nicht als Ketzerin anprangerte. Jemand, den sie gut genug kannte. Das würde sie später klären..

Vios ‚alte Familie’? Yanya wusste nur sehr wenig über sie. Über diesen Teil ihres Lebens hatte Vio sich meist sehr geheimnisvoll ausgedrückt. Als kleines Mädchen, als Yanya für Vadraks Lösegeld im Kloster ein paar wertvolle Gegenstande gestohlen hatte, war sie kurz in der Behausung dieser ‚Familie’ gewesen. Dunkel und düster war es gewesen und es hatte muffig gerochen. Vio hatte ihr einen viel zu großen Hut aufgesetzt, damit sie nicht sah, wohin sie gebracht wurde. Damals hatte sie sich ihren Fuß verstaucht auf der Flucht vor einem der Templer, der sie bei ihrem Diebeszug bemerkt, aber wohl nicht erkannt hatte. Zitternd vor Erschöpfung hatte die kleine Yanya mit Vio auf ihren Vater gewartet. Einer der beiden Entführer verband ihr den Fuß mit gekonnten, sicheren Griffen.
Später hatten die beiden, oder zumindest einer von ihnen, ihr aus einer prekären Situation geholfen und sie direkt unter Vingril Kengrands Nase davon geschmuggelt. Sie wurde nicht schlau aus ihnen, noch wusste sie genau was oder wer sie waren. Aber sie würde auch bei ihnen versuchen, Rat zu finden. Nur klug genug musste sie es anstellen. Im Grunde blieb ihr nur, in der Schrifthalle einen Aushang aufzusetzen und ihn mit sovielen Anspielungen zu versehen, dass nur diese beiden sie verstehen konnten.
Yanya schätzte sie allerdings nicht so ein, dass sie Vio etwas antun konnten. Nein, sie waren ihr zugetan, das merkte man. Aber sie würden vielleicht auch mehr wissen, wenn das Gewerbe, in dem sie sich bewegten tatsächlich so dunkel war. Im Untergrund von Britain passierte mehr, als man sich träumen ließ, das glaubte Yanya sicher.

Nun hatte sie alle möglichen und unmöglichen Lösungen durch. Plausibel schien nichts von alledem, aber wenigstens war sie sich jetzt klarer darüber geworden, wen sie um Hilfe bitten konnte.
Als Yanya ihre Gedankengänge wieder freien Lauf ließ, kehrte der Schmerz um Vio zurück und nahm ihr fast den Atem. Arian Karex’ beinah mitleidiges Gesicht trat ihr vor Augen. „Wenn weder die Garde noch sonst irgend jemand es schafft, Eure Mutter zu finden, werdet Ihr es gewiss auch nicht.“
Vorbei war es mit den klugen, durchdachten Lösungen, was blieb, war die Trauer eines kleinen Mädchens, das sich so sehr wünschte, nicht mehr auf sich allein gestellt zu sein.
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#8
Yanya Larthay
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VIII – Erkenntnisse - und Gedanken an Vadrak

- Erindor Brithil
- Airg Mavon
- Melina
- Avelian Kart
- Jarod Celduin


Mittlerweile hatte sie an all jene geschrieben, die Vio näher gekannt hatte, um herauszufinden was sie wussten. Die Ergebnisse dieser Gespräche und Briefwechsel hatte Yanya fein säuberlich in ein Buch eingetragen, das Vio wohl einmal für die Führung des Haushalts verwendet hatte, denn auf den ersten Seiten waren einige wenige Listen mit Lebensmitteln eingetragen. Im matten Schein einer Kerze schrieb Yanya erschöpft weiter, bis sie alles aufs Papier gebracht hatte:

Airg Mavon:

Ich habe einen Brief an ‚Sokar’ verfasst, das bedeutet von hinten nach vorne gelesen ‚Rakos’. Weil es der einzige Name ist, der Viorla je entschlüpft ist, habe ich damit angefangen zu suchen und diese Nachricht verfasst:

Lieber Sokar!

Mein Fuß ist gänzlich verheilt, aber Mama lässt sich nicht blicken. Deine Robe passt mir gut, ja wirklich. Hast du meine Bücher noch? Und den Brief, den ich dir bei der Trainingshalle gab? Das wäre gut.
Ich vermisse dich, können wir uns treffen? Dein Freund könnte mir auch helfen.

Deine Marian
Y.

Leb wohl.


Es sind keine zwei Tage vergangen, als ich dies erhielt als Antwort:


Liebe Marian!

Es freut mich zu hören das Dein Fuss geheilt ist. Doch mit Sorge höre ich das Du von Deiner Mutter keine Nachricht hast und gerne würde ich mehr darüber erfahren! So Du es einrichten kannst treffe mich im Tala und berichte mir von Deinen Sorgen.

Sokar


Unmittelbar darauf bin ich tatsächlich zum Lachenden Tala gelaufen, und hoffte schon darauf, ‚Sokar’ würde mich erkennen, schließlich ist es eine Weile her, seitdem er mich sah. Ich setzte mich absichtlich in den Nebenraum, wo außer mir noch niemand Platz genommen hatte. Ich konnte nicht einmal bestellen, schon hatte sich jemand neben mir nieder gelassen, der sich tatsächlich als ‚Sokar’, der Einfachheit halber will ich in Airg nennen, wie er mich gebeten hat, zu Erkennen gab. Ich erzählte ihm von meinem Verdacht und Vios Verschwinden. Als er meine Bedenken teilte, war ich erst einmal heilfroh, nicht als dummes, kleines Mädchen abgestempelt zu werden. Er lobt mich sogar, recht klug zu sein, was mich irgendwie freute. (Vadrak wäre mir sicher böse, wenn er das wissen könnte. Ich vermisse ihn fürchterlich.) Wir rätselten dann zusammen weiter, wer Vio etwas Böses wollen könnte und kamen auf Arian Karex zu sprechen. Airg versprach mir mit ganz schön entschlossenem Gesichtsausdruck, diesem noch einmal auf den Zahn zu fühlen. Gut so! Angst kann ich Arian Karex keine machen, das ist gewiss. Wenn er aber etwas mit Vios Verschwinden zu tun haben sollte, dann Gnade ihm Glaron und Volo! Airg wird sich auch Vios Haus ansehen, aber er wird mich hoffentlich mitnehmen und noch rechtzeitig benachrichtigen. Jetzt habe ich wenigstens endlich das Gefühl, ein Stück weiter gekommen zu sein. Wenigstens dieser Teil von Vios Familie hat sich durch und durch anständig verhalten. Ich habe sehr wohl gemerkt, wie viel ihm an Vio liegt. Ich glaube nicht, dass er lügt. Schlussendlich hat Airg Mavon mir noch versprochen, sich umzuhören in den dunkleren Gegenden in Britain.
Mit einem Mal betrat Erindor Brithil die Taverne, was uns wohl beide etwas erschrecken ließ. Nach einem kurzen Moment, in dem mein Herz ganz schön hüpfte, verabschiedete sich aber mein Gesprächspartner und versprach, mir rechtzeitig zu schreiben.

Erindor Brithil:

‚Ihre Exzellenz’, wie man den Großinquisitor von Britain korrekt ansprechen muss, hat mir eigentlich Nachricht gegeben, am nächsten Mondtag für mich Zeit zu finden. Nun habe ich aber bereits jetzt mit ihm gesprochen und muss sagen, dass er sich sehr hilfsbereit verhalten hat. Ich weiß das wirklich zu schätzen, wenn er mir auch nicht weiter helfen konnte. Eine Weile sprach ich mit ihm über dieselben Dinge, die ich auch Airg Mavon schon erzählt hatte, über dieses eigenartige Verhalten, das Vio nie an den Tag gelegt hätte – ihren Hengst einfach zurück zu lassen, und ihren eigenen Sohn. Auch der Inquisitor ( früher konnte ich dieses Wort nie aussprechen.. sovieles hat sich geändert ) war sich sicher, dies sei eigenartig und auch er versprach mir, mit Arian Karex zu reden. Mal sehen, was das bringt.. Erindor Brithil wusste nichts von Vadraks Tod.

Es war nicht unbedingt leicht, das zu erzählen.. ich vermisse ihn so fürchterlich, aber eher auf die Weise, wie er früher war. Er schien mir immer so groß und stark, nichts konnte meinem Vadrak etwas anhaben. Er war der erste, der mich in Britain überhaupt wahrnahm, der erste, der sich um mich kümmerte, verdreckt und verängstigt wie ich nach dieser grauenhaften Schiffsreise damals war. Ich weiß noch, wie klein meine Hand immer in seiner ausgesehen hat. Bei Vadrak habe ich mich nach dem Unglück mit Mama und Papa das erste Mal wieder gefühlt, als wäre ich Nachhause gekommen. Er fehlt mir überall. Was ich noch alles hätte lernen können, wenn er sich nicht so verändert hätte.. er wusste immer soviel, er konnte einem alles erklären.
Und ich mochte es, ihm beim Schreiben zuzusehen. Dann saß er immer konzentriert und schrieb mit solch geraden, ehrlichen Buchstaben. Ein paar Schriftstücke von ihm besitze ich noch immer, kleine Nachrichten, die zu dem Zeitpunkt, als sie geschrieben worden sind, bedeutungslos schienen, mir aber jetzt unendlich viel wert sind.
Überhaupt widmete sich Vadrak allen Dingen, auf die er sich enger einließ, mit großer Sorgfalt und Bedacht. Als ich noch kleiner war, verstand ich das nicht. Das kommt erst jetzt, weil ich merke, wie viel mir daran liegt, Begebenheiten aufzuschreiben, damit sie nicht irgendwann verloren gehen. Ich hatte bei ihm immer das Gefühl, der Mensch, mit dem er gerade sprach, war ihm am wichtigsten. Lieber, guter Vadrak.. wie gerne würde ich jetzt neben ihm sitzen können. Was wäre wohl geschehen, wenn er sich nicht so geändert hätte, wenn wir weiterhin eine Familie hätten sein können. Immer frage ich mich, was es war, das all das zerstört hat. Ich war damals noch zu klein, um es zu verstehen, aber jetzt bin ich sicher, Vadrak hatte wirklich all seinen Glauben verloren. Das muss schrecklich sein.. ich wünschte, ich könnte die Zeit zurück drehen und wir könnten noch einmal an einem ganz gewöhnlichen Tag anfangen, als wir noch in Minoc gelebt haben, unter dem Dach der Burg, und Vadrak Waffenmeister gewesen ist. Ich würde versuchen, alles zu ändern. Dorian war damals gerade erst zur Welt gekommen. So wie ich mich erinnere, hat damals die Zerrüttung angefangen, als Vadrak ihn gegen Vios Willen im Namen Glarons taufen hat lassen und Vio dann die Zeremonie umgekehrt hat, und Dorian im Namen Volos taufen ließ. Warum passierte das alles bloß?

Ich habe zum zweiten Mal beide Eltern verloren, wenn Vio wirklich tot ist und nicht mehr wieder kommt.
WAS HABE ICH NUR FALSCH GEMACHT, UM DAS ZU VERDIENEN?
An manchen Tagen pocht diese Frage so beständig in meinem Kopf, dass ich das Gefühl habe, davon irgendwann verrückt zu werden. Was, ihr Götter, haben dieser kleine, unschuldige Junge und ich nur verbrochen?
Wie nennt man so etwas wie mich überhaupt? ¾ Waise vielleicht? Doppelwaise? Das ist abscheulich, ich sollte das lassen, aber es lässt mir einfach keine Ruhe. Wie soll ich es durchhalten, wenn ich wirklich den Beweis dafür kriegen sollte, dass Vio tot ist? Was soll ich ohne sie nur machen? Was soll denn noch alles passieren? Ist das nicht genug für mehr als ein Leben?

Ich stelle mir vor, wie wir hier in diesem Haus sitzen würden, wenn alles einen gewöhnlichen Gang genommen hätte. Wenn meine Adoptiveltern sich irgendwie.. arrangiert hätten wegen ihrer so großen unterschiedlichen Glaubensrichtung. Vadrak würde mich vielleicht milde tadeln, wenn ihm mein Kleid zu ausgeschnitten wäre und Vio wäre vollends auf meiner Seite und würde mich liebevoll verteidigen. Vadrak würde ihr dann zu lächeln und ihr schließlich mit einem neckenden Audruck recht geben, und sie daran aufziehen, wie ähnlich ich ihr bin. Dorian würde laut prustend auf seinen Vater zu laufen, und Vadrak würde ihn in die Arme schließen, wie er es auch immer bei mir gemacht hat. Der Kleine würde ihm einen Kuss auf die Wange schmatzen und dann übersprudelnd irgend eine für ihn enorm wichtige Frage stellen, wie „Warum ist der Himmel eigentlich so blau, Papa?“. Und wir würden alle fürchterlich lachen müssen, ich würde Dorian auf den Teppich ziehen und ihn endlos kitzeln, dann würde Vio dem Kleinen mitleidig beistehen und schließlich würden wir alle erschöpft auf dem Teppich enden und uns nicht mehr halten können vor Lachen.

Es hätte so schön sein können. Warum hat es nur aufgehört? Ich kann nicht mehr weiter schreiben, es tut zu weh das zu lesen. Ich werde morgen eintragen, wen ich noch über Vio ausgefragt habe. Außerdem muss ich noch ein wenig Schlaf abkriegen, Dorian und ich müssen morgen früh raus.
Gute Nacht. Yanya Lyth-Larthay.
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Alt 14.12.2004, 16:02
#9
Yanya Larthay
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IX

Melina Govaine

Ja, Melina hat geheiratet, und zwar Bolwen Govaine, einen Major der Stadtwache. Als ich sie beim letzten Mal gesehen habe, war ich nicht unbedingt freundlich. Aber wie soll ich das auch sein, ich habe nur schlechte Erfahrungen mit ihr gemacht! Trotzdem, langsam denke ich, zumindest ein bisschen von meiner Skepsis Melina gegenüber sollte ich fallen lassen. Nicht, weil sie mir plötzlich so sympathisch geworden ist, sondern wegen Vio. Und vielleicht auch ein bisschen, weil Melina so etwas wie eine meiner wenigen Verwandten ist, auch wenn wir noch viel weniger blutsverwandt sind als zum Beispiel Dorian und Melina, weil Melina und ich beide adoptiert sind, Dorian aber Vadraks leiblicher Sohn ist. Egal, ich finde das ist ohnehin unwichtig, ich betrachte Vadrak schon lange als meinen Vater, gleich ob ich nun adoptiert bin oder nicht. Ich habe also auch einen Brief für sie verfasst, hier der Briefwechsel:

Liebe Melina

Ich brauche deine Hilfe, wegen Vio. Es tut mir leid, wenn ich in der Vergangenheit ungerecht oder feindselig dir gegenüber war. Bitte lass das jetzt außer acht. Hättest du bald Zeit, mit mir zu sprechen?
Danke.

Yanya Larthay



Liebe Yanya

Leider weiss ich auch nicht viel über den Verbleib von Vior'la. Jedoch gab es ein Verdacht, dass ein seltsamer Mann eventuell Schuld daran sei; deine Mutter hatte grosse Angst vor ihm.
Meinem Mann gelang es, jenen Mann zu inhaftieren, doch was genau dabei herauskam, weiss ich auch noch nicht.
Falls du mehr wissen magst, such Major Bolwen in der Gardisterei auf, er kann dir sicher mehr sagen.

gez.
Melina


Also werde ich ihren Ehemann aufsuchen, er gab mir Nachricht, meist gegen Abend in der Gardisterei zu sein. Dass jemand im Kerker sitzt, der etwas mit Vios Verschwinden zu tun haben könnte, ist mir neu. Am liebsten würde ich sofort los reiten nach Britain, aber ich habe Vanyo heute schon einmal geritten und wir sind in halsbrecherisch wildem Galopp über die Felder geprescht. Im Nachhinein habe ich ein ganz schön schlechtes Gewissen. Was, wenn er sich dabei irgend etwas gebrochen hätte? Ich kannte einen Großteil des Landes nicht, und hätte kleine Gruben oder Fallen bestimmt übersehen, so schnell wie Vanyo galoppiert ist. Danach war mir ein bisschen leichter, der Wind weht einem manche Gedanken aus dem Kopf, obwohl ich mich jetzt gerade krank fühle, denn ich war nicht besonders warm angezogen und es ist noch nicht mild genug, um in Hemd und Hosen zu reiten.
Soviel also zu Melina.

Avelian Kart

Lieber Herr Kart

Meine Mutter, Vior'la Lyth hat mir des öfteren von Euch erzählt. Bestimmt habt Ihr schon von Ihrem Verschwinden gehört. Ich versuche nun, herauszufinden, was mit ihr passiert ist. Könntet Ihr Euch vielleicht mit mir treffen damit ich auch Euch fragen kann?
Danke.

Yanya Larthay



Glaron zum Gruße, liebe Yanya!

Gerne werde ich mit dir über deine Mutter sprechen. Du kannst mich jederzeit in meinem Heim, westlich von Britain, besuchen. Du findest es ganz leicht, wenn du dem Weg in Richtung des Klosters folgst.

Freundliche Grüße,
Avelian Kart


Ich bin nachts den Weg entlang gegangen, es war wunderbar still, als ich die Stadt ein Stück weit hinter mir gelassen hatte. Den Weg zum Kloster bin ich ja in früheren Zeiten auch oft genug gelaufen, das Haus der Karts ( Avelian und Amelia Kart, sie haben vor kurzer Zeit geheiratet, leben dort. ) lag gleich hinter einer Kreuzung der Wege. Herr Kart hat mich eingelassen, ich wusste nicht, dass er nur noch einen Arm hat, aber ich glaube ich habe mein Erstaunen ganz gut verstecken können. Wir saßen uns dann am Tisch gegenüber und ich habe ihm all das erzählt, was auch Erindor und Airg Mavon bereits wissen. Folgendes habe ich von ihm erfahren:

- Vio soll angeblich in letzter Zeit oft traurig und verzweifelt gewesen sein ( Wieso hat sie das vor mir so gut versteckt?? ), als K. sie zum letzten Mal an der Küste Minocs sah, war sie aber heiter und froh.

- K. gegenüber habe ich auch das erste Mal meinen Verdacht mit dem Dämon Pumar geäußert. Ein Schatten senkte sich über sein Gesicht und er erklärte mir, wie gefährlich dieser ist. Bisher hatte ich ja noch das Glück, ihm noch nie begegnet zu sein, vielleicht konzentriert sich der Dämon ja immer nur auf wichtige Menschen in Britain. Ich habe erfahren ( nicht von K. ) dass Althea, die Tempelhüterin, von seiner Hand gestorben ist.
Was ich nicht wusste, war, dass K.’s Verletzung mit dem Arm auch der Schatten verschuldet hat. Er ließ mich versprechen, keine Dummheiten zu machen und nicht zu überstürzt zu handeln. Vor allem sollte ich auf keinen Fall die Aufmerksamkeit Pumars auf mich ziehen, weil ich ihm nichts entgegen zu setzen hätte. Das ist ganz schön bitter, aber K. hat recht. In manchen Momenten würde ich allerdings gerne laut nach Pumar schreien, nur um zu wissen ob er wirklich etwas mit Vios Tod zu tun hat. Dabei glaube ich gleichzeitig, keine Vorstellung von der Grausamkeit dieses Wesens zu haben. Ein paar Momente später ereilt mich doch wieder die Vernunft und ich lasse es sein.

- K. bestätigte auch als erster die Gerüchte um Vadrak. Sie stimmen. Mein Vater hat den Schatten und seine Braut vermählt. Kann das wirklich stimmen? K. sagt, er hat es mit eigenen Augen gesehen. Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll, aber ich denke nicht dass er lügt. Ich habe in meinem Leben selbst schon oft genug die Unwahrheit gesagt, um zu erkennen, wenn jemand anderer das macht. Zumindest wenn es um solche wichtigen, großen Dinge geht.

Nun zerbreche ich mir wieder den Kopf über Vadrak und seine Veränderung. Ich wüsste gerne mehr darüber, gleichzeitig tut jedes Wort darüber weh, weil es meiner Vorstellung von Vadrak so sehr widerspricht.

Wenn ich genug darüber nachgedacht habe, werde ich K. vielleicht bitten, mir die ganze Geschichte zu erzählen, jetzt schreit gerade Dorian nach mir, ihm beim Malen zu helfen, ich muss aufhören zu schreiben.
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Alt 07.01.2005, 11:11
#10
Yanya Larthay
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Der Tag gestern war sehr, sehr ereignisreich und mit einer Vielzahl von aufregenden Vorkommnissen gefüllt. Ich werde versuchen, mich an alles genau zu erinnern:

Laniria, die Gemüsehändlerin ein Stück die Straße hinauf hat sich mit Dorian angefreundet. Sie hat selbst drei kleine Kinder, alle in Dorians ungefährem Alter. Der Sommer zieht ins Land und es ist wunderbar warm draußen. Die vier toben den ganzen Tag draußen herum. Laniria ist ein Schatz, sie passt oft auf Dorian auf, damit ich, wie sie sagt noch ‚genügend Raum für das Leben’ übrig habe. Lieb von ihr, nicht wahr? Wenn ich ihr mit schlechtem Gewissen beichten will, dass es mir fast unangenehm ist, lacht sie mich bloß mit ihren Blauaugen aus und meint, vier Kinder sind ohnehin besser, dann kriegen sie sich nicht so schnell in die Haare, weil sie immerhin immer auch in Zweiergruppen spielen können. Auf jeden Fall kann ich sicher sagen, dass es Dorian gut geht.

Ich beobachte ihn immer sehr genau, um zu merken, wie viel von all den Verwirrungen und Ortswechseln der letzten Jahre in seiner kleinen, sonnigen Seele haften geblieben sind. Ich bin heilfroh darüber, wie gut er alles zu meistern scheint. Eigentlich erstaunlich, wie viel Kraft so ein kleines Wesen hat. Ich genieße diese Tage und unternehme sehr viel mit Angelina. Dorian scheint es wiederum gut zu tun, endlich einmal oft unter Kindern sein zu können.

Manchmal sieht er mich abends, wenn wir nebeneinander gekuschelt liegen und ich ihm erfundene Geschichten erzähle, von sprechenden Tieren und hübschen Prinzessinnen und all so etwas, auf einmal ernst an und verlangt mit seiner artigen, lieben Stimme, ich solle ihm von Mama und Papa erzählen. Nun, und das versuche ich dann eben so gut ich es vermag. So behutsam es geht, denn ich will ihm nicht erzählen von Vadraks Bündnis mit Pumar, dem Schatten oder seiner Halbschwester Annabelle. Noch nicht.. dafür ist er einfach noch zu klein und ahnungslos. Ich hoffe bloß, er hört das auch nie anderswo. Im Moment lebt er ja noch sehr behütet und beschützt, aber falls wir Angelinas und meinen Plan wahr machen wollen..

Oh ja, das war das beste überhaupt gestern! Wir trafen uns durch Zufall im Lachenden Tala und sprachen darüber, wie wunderbar es wäre, wenn wir nebeneinander wohnen könnten. Und wirklich könnte das wahr werden.. ich wage gar nicht, es mir vorzustellen. Ich könnte einfach aus meiner Türe spazieren und wäre nach ein paar Schritten schon bei Angi.
Neuerdings habe ich gelernt, Vanyo anders zu behandeln, nach Art von Angelina, oder der Elfen, je nach Sichtweise. Er folgt mir tatsächlich auch ohne Halfter. Seelenruhig trabte er hinter mir her, als wäre daran gar nichts Besonderes. Mein Herz macht dabei jedes Mal einen Sprung. Ist es nicht schön, wenn einem so viel Vertrauen entgegengebracht wird?
Angelina hat mich dann zu Bolwen Govaine begleitet. Mit ihrer Hand, die meine umschlossen hat, war dieser schwere Gang ein klein wenig leichter. Der Major war sehr höflich zu uns, es ist interessant wie gut seine Wortwahl den Kern der Sache trifft. Ob ich Melina um eine Versöhnung bitten soll? Vielleicht wäre es wirklich an der Zeit.. ich werde mal mit Angelina darüber reden.

Wir saßen dort also in unseren Stühlen, dem Major gegenüber. Mein Mund fühlte sich ganz eigenartig an, wie ausgetrocknet. So geht es mir jetzt immer, wenn ich von Vio sprechen soll. Ich bekomme ein flaues Gefühl im Bauch, als hätte mich jemand getreten.

Bei Major Govaine erfuhr ich von einem Mann, der als Vorian Elion bekannt war. Melina schrieb mir ja bereits, die Garde hätte einen Mann eingekerkert, vor dem Mama sich gefürchtet haben soll. Das eigentlich Seltsame ist: jener Mann starb in seiner Zelle.
Mir wurden noch viele andere Fragen gestellt, über Arian Karex beispielsweise. Ich habe Major Govaine alles gesagt, was ich mir dachte. Er fragte mich irgendwann mit seinem offenen Blick, ob ich es für möglich hielte, dass Arian Karex etwas mit Mamas Verschwinden zu tun haben könnte. Ich sagte, ich hielte es für möglich, aber würde es nicht glauben. Angelinas Händedruck war mir während der ganzen Unterhaltung die größte Hilfe.. Ich will niemanden fälschlich beschuldigen, das musste ich auch noch los werden.
Was folgte war noch das Versprechen, mir sofort jeden Hinweis über Mama zukommen zu lassen, das auch ich dem Major gab. Dann geleitete er uns zur Türe.

An dieser Stelle sieht man, dass die Feder abgesetzt wurde.


Ich glaube mit mir stimmt etwas nicht ganz. Was ich da eben geschrieben habe ist nicht wahr. Zumindest fehlt ein sehr wichtiges Stück: dieser Mann war ein Unsterblicher!! Angelina erzählte mir von ihnen!! Was ist nur mit mir los? Wie konnte ich das vergessen? Es ist doch der wichtigste Punkt.. jetzt fällt mir alles wieder ein.. aber nun der Reihe nach.

Man sieht an der immer steiler werdenden Handschrift, wie Yanyas Feder immer schneller über das Papier gezeichnet hat.

Mit einem Mal wurde mir schwarz vor Augen. Ich musste mich sehr beherrschen, um es weder Angi noch den Major merken zu lassen. Eine Welle von Zorn stieg in mir hoch. So etwas habe ich noch nie erlebt, ich konnte kaum mehr sehen, so.. blind war ich vor Wut auf diesen Unbekannten, der meiner Mutter solche Angst gemacht hat. Ich stellte mir vor, was ich mit ihm gemacht hätte, wäre er nicht gestorben. Draußen empfing uns die angenehm kühle Luft des Sommeranfangs. Wir liefen auf dem schnellsten Weg zum Tala. Und dort offenbarte mir Angelina ihr Wissen.. sie hatte mir schon einmal von den ‚Unsterblichen’ erzählt, wie sie es nannte. Immer senkte sie dabei ihre Stimme und wisperte mir alles in furchtsamem Ton zu. Sehr untypisch für meine mutige, beherzte Angelina. Es scheinen wirklich sehr gefährliche Wesen zu sein. Sie sind nur des Nachts draußen und haben Furcht vor Feuer. Außerdem fallen sie Menschen an.. aber das habe ich irgendwie nicht richtig verstanden. Erst hielt ich ihre Erzählung für einen Schwindel, aber sie sah so ernst und angstvoll aus.. es ist denke ich Wirklichkeit.

Es läuft mir ein seltsamer Schauder über den Rücken, sogar wenn ich nur davon schreibe. Gut, bei Tom drüben brennt noch Licht.. es ist wirklich unheimlich, hier alleine in dem Haus zu sein und es ist gerade Nacht. Das Holz knackt bedrohlich und ich zähle die Geräusche mit. Eben dachte ich, jemand steigt durchs Fenster ein.. es war aber nur ein Stück Feuerholz, das zerborsten ist. Dorian schläft, aber ich sehe Schatten am Fenster.. grauenhaft. Ich muss weiter schreiben, sonst fürchte ich mich zu Tode.

Angelina berichtete mir flüsternd und mit bohrendem Blick, Vorian Elion sei derselbe Mann, der versucht hat, ihren Vater zu töten! Ist das nicht unglaublich?

Erst dort im Gasthaus konnte ich meinem Zorn Worte verleihen. Ich weiß nicht, woher die Idee kam, Artes nach diesem Mann in der Zelle zu fragen, vielleicht dachte ich einfach, als Leibwächter würde er auch einiges an Gerüchten aufschnappen. Fauchend gab ich Angi Kontra, als sie mich mit erhobener Stimme bat, das nicht zu tun. Sie findet Artes gefährlich und hat wohl den Eindruck gewonnen, er sei verschlagen und wolle mir nur Böses. Ich war nicht auf Angelina böse, als ich sie so anzischte, ich wollte nur, dass sie verstand wie wichtig es für mich ist, endlich Klarheit über Mama und ihr Schicksal zu erlangen. Sie wollte mich dringend an einen anderen Ort bringen und zog mich herrisch an der Hand Richtung Türe. Angelina ist leider ziemlich kräftig, ich bin ihr in so etwas immer unterlegen und versucht nur noch halsstarrig, mich dagegen zu stemmen. Da stolperte ich über den Saum meines Kleides und stürzte auf den Boden. Irgendwie konnte ich mich noch abfangen, so dass der Aufprall nicht allzu stark war. Nun war es aber völlig vorbei mit jeglicher Gelassenheit, ich klopfte mein Kleid ab und japste nach Luft. Da bot eine mir bekannte Stimme mir mit ausgesuchter Höflichkeit an, mir aufzuhelfen. Du ( bald muss ich dir einen Namen geben, ich fühle mich albern.. wie wäre es mit.. Nell? so hieß eines von meinen Stofftieren früher.. ) kannst dir nicht vorstellen, wie eisig mir von einem Moment auf den anderen war. Erst warf ich einen vorsichtigen Blick über die Schulter, aber er war es wirklich. Artes reichte mir lächelnd die Hand.

Ich wisperte Angi böse zu, ob sie wisse was das Sprichwort ‚wenn man vom Teufel spricht’ bedeutet und bat ihn um ein Gespräch, doch es sollte an einem anderen Ort stattfinden als mitten in der vollen Taverne. Ich spürte die Blicke vieler schon auf uns und wollte nur noch rasch hinaus an die Luft. Angelina protestierte erst ausgiebig, dann beharrte sie darauf, wenn ein Gespräch stattfinden sollte, würde sie auch dabei sein. Der ruhigste Ort in ganz Britain ist natürlich der Stadtpark, dort liefen wir also hin.

Ich ließ mich müde auf einer Bank nieder, das ganze Gerangel war erschöpfend und die Suche um Mama zermürbend. Angelina verharrte zwei Schritte weiter, ich wandte mich nun also an Artes und berichtete ihm erst von Mamas Verschwinden und dann von dem Mann im Kerker. Ich muss wirklich sehr erschöpft gewesen sein, denn ich kann mich nicht mehr sehr genau erinnern, was er mir geantwortet hat, als ich ihn nach Gerüchten fragte. Scheinbar bin ich dann kurz eingenickt. Als ich wieder aufwachte, war er verschwunden. Wie vom Dunkel verschlungen..

Immer noch hatte ich das Gefühl, nur einen geringen Teil der vorhandenen Luft einatmen zu können. Ich fühle mich wie zugeschnürt und bat Angelina nur noch bittend um Ablenkung. Wir entschieden uns für die Übungshalle. Damit begann eine weitere Fechtstunde. Angi warf mir ihr Holzschwert zu und grinste bis zu den Ohren. Sie ist wirklich ausgesprochen hübsch und anziehend wenn sie so herausfordernd tut. Wir wissen natürlich beide, dass ich nicht sehr viel Chance hab, gegen sie zu bestehen. Nun ja, Übung macht den Meister, nicht wahr? Ich zog mich seufzend um ( eigentlich trage ich ja ungern Hosen, aber im Kleid zu kämpfen ist recht unpraktisch ). Als ich mich Angi wieder zuwandte, trug sie mir auf, ich solle versuchen, sie zu treffen mit dem Holzschwert. Das klingt recht einfach, stellt sich aber bei intensivem Üben als ganz schön schweisstreibend heraus. Angelina wich mühelos all meinen Schlägen aus, nur zweimal schaffte ich es doch irgendwie, sie zu treffen. Wenn man ihr beim Kämpfen zusieht, wirkt es wie ein Tanz. Meine Art zu kämpfen ist bestenfalls ein Hüpfspiel für Kinder fürchte ich.. nicht sehr anmutig. Mein Ziel ist aber auch nicht, Schwertreiterin von Yil’Dan zu sein. Ich will mich im Notfall nur ein wenig verteidigen können um nicht völlig wehrlos zu sein. Es war spaßig, dieses Spiel, aber wir wurden unterbrochen von zwei Neugierigen. Auf solche Unterhaltungen hatte ich keine Lust, ich trollte mich nach draußen zu meinem wunderbaren, pechschwarzen Vanyo. Verspielt schnaubte er und ließ mich ihn bereitwillig streicheln. Ich berichtete ihm verschämt von meiner abermaligen Niederlage. Da spazierte plötzlich ein Junge, der wohl auch um die siebzehn Jahre sein muss um die Ecke und verlangte frech, er wolle wissen, ob das Pferd der Gans gehöre. Erst dachte ich ich höre nicht recht. so ein dahergelaufener Bengel! Er meinte mit der ‚Gans’ Angelina, die einen Augenblick später herausspaziert kam und dieses Bübchen prüfend musterte. Sie führten einen Wortwechsel, der mich verwirrte, andauernd war die Rede von Kerker. Angi erklärte mir dann rasch, der Bengel habe einen der Yil’Daner in den Schritt getreten und ihren Vater beleidigt.
Ein ganz schön starkes Stück oder? Angelina und ich gaben ihm freche Antworten, als er anfing, frech zu werden. Kannst du dir denken wie das endete? Natürlich hat meine todesmutige Angi ihn zum Kampf aufgefordert. Neugierig kletterte ich auf einen der Baumstammstümpfe, die den Ring säumen und sah ihnen zu. Erst schlug Angi sich ganz gut, aber ich glaube sein ‚Stil’ ( wenn man das so nennen kann ) hat sie ziemlich verunsichert. Kein Wunder, er kommt wohl von der Straße. Mit einem Mal lag Angelina schon zu Boden gedrückt. Das konnte ich natürlich nicht tatenlos mit ansehen!

Ich schlich von hinten herum und versuchte, ihn mit den Armen zu würgen. Das muss ein recht komisches Bild abgegeben haben, aber ich muss nun einmal jede Möglichkeit ausnutzen, nicht? Für Faustkampf bin ich zu untrainiert und zu klein. Triumphierend merkte ich, wie ihm die Luft ausging. Es gelang ihm aber auch nicht, mich abzuschütteln, ich ließ ihn dann doch noch los. Nach dieser körperlichen Verausgabung waren wir alle drei wieder versöhnlicher gestimmt.

Unsere Unterhaltung schien Neugierige anzuziehen, schon wieder betrat ein fremder Mann die Übungshalle und sah uns interessiert an. Mit Angelinas Ausdauer hab ich nicht gerechnet, sie stürzte sich gleich in den nächsten Kampf, während Taro, so heißt der schmutzige, freche Junge, und ich von der Seite her zusahen.

Angelina verlor leider auch hier, vielleicht liegt es daran, dass sie später im Tala der Hafer dann so gestochen hat. Wir schlenderten zu viert hin, Lyrens, der Neugierige von eben, tischte uns Wein auf. Ich trinke ja nicht zum ersten Mal welchen, allerdings geb ich mir immer Mühe, es nur ja nicht zu übertreiben. Manchmal mag ich das angenehm warme Gefühl im Bauch und die gelöste Stimmung, die Rotwein bei mir auslöst, aber an dem Tag war mir eigentlich nicht besonders danach. Taro, dieser Frechdachs und Angi, die den Wettkampf natürlich auch nicht lassen kann, beschlossen begeistert, um die Wette zu trinken. Ich fand mich auch darein, aber nur weil ich meine beste Freundin nicht im Stich lassen wollte. ( Außerdem hatte ich genug gegessen, so dass ein oder zwei Gläser Rotwein mir schon nicht schaden würden. ).

Übermütig und mit funkelnden Augen stürzten wir den funkelnd roten Wein hinunter, während Lyrens nur belustigt zusah. Es brauchte nicht viel mehr, und Angelina war stockbetrunken. Im Nachhinein könnte ich mich Ausschütten vor Lachen, weil sie wirklich süß ist, selbst angetrunken, aber zu dem Zeitpunkt reizte sie meine Geduld ziemlich aus. Erst warf sie sich mal auf mich zu und schwörte mir ihre Liebe, das war ja noch das Harmloseste! Ich wollte sie dann vorsichtig dazu bewegen, mit mir nachhause zu gehen, davon wollte Angi allerdings überhaupt nichts wissen.

Nachher kletterte sie dann auf Taros Schoß.. ich mahnte sie so streng wie ich konnte bei ihrem alten Namen, sie solle aufstehen. Ohh, da wurde sie erst recht trotzig und böse. Schließlich blieb mir nur noch eines: Ich erinnerte Angelina an Lyonel und was er wohl davon halten würden, wenn er das hier sähe.. mein nächster Versuch war eine Notlüge, schmeichelnd log ich Angi vor, Lyonel würde bei ihr Zuhause sein. Endlich ließ sie sich überreden, Lyrens stützte sie mit einem breiten Grinsen, während Taro schon an der Tür war.
Als ich die Türen vom Lachenden Tala öffnen wollte, gab dieser freche Trunkenbold mir doch tatsächlich einen Klaps auf den Hintern! Ich fauchte ihm noch irgendwas zu, dann war er auch schon verschwunden. Lyrens brachte Angelina nach Hause, ich kümmerte mich um die beiden Pferde. Am Tor des Decram – Anwesens bedankte ich mich noch kurz bei Lyrens und brachte Angi dann ins Bett. Ihr Kopf hatte kaum das Kissen berührt, als sie auch schon eingeschlafen war. Bei den Göttern, was für ein Tag!
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Alt 11.06.2005, 14:26
#11
Yanya Larthay
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18 im Lorica 1286

Wieder war es Herbst. Die Stille hier war drückend und lastete schwer auf Yanya. Eine weitere Nacht, in der sie, zerzaust und müde, vor dem Kamin saß und ihre am Tage gesammelten Kräuter zu Bündeln band. Dorian schlief schon seit Stunden, es musste schon weit nach Mitternacht sein.
Ein kleiner Schmerzenslaut drang über Yanyas Lippen, als sich ein Dorn, versteckt in einem Korb mit Nachtschattengewächsen in ihren Zeigefinger bohrte. Wütend wischte sie das Körbchen mit einer abrupten Handbewegung zur Seite und horchte dann erschrocken auf etwaige Geräusche aus Dorians Kammer. Nichts. Er schlief selig, der kleine blonde Engel.
Nachdenklich saugte Yanya das Tröpfchen Blut von ihrem Zeigefinger und setzte sich aufs Bett, mit gerunzelter Stirne die verstreuten Häufchen von Kräutern auf den Holzdielen betrachtend. Sie zog die Beine an und starrte an die Wand gegenüber, wo ihr Bruder lag, hoffentlich glücklich in seinen Träumen.

Angelina hatte ihr heute Nachmittag etwas erzählt, das Yanya dazu gebracht hatte, sich zu schwören, nie mehr so viel zu arbeiten wie in letzter Zeit.
Im letzten halben Jahr hatte Yanya jegliche Gedanken an Vior’la und Vadrak in sich zum Verstummen gezwungen. Artes war längst aus ihrem Leben verschwunden und gab ihr auch keinen Anlass mehr, sich in schlaflosen Nächten im Bett herumzudrehen. Ihr Leben war so geregelt wie noch nie vorher. Alle Ängste von früher waren mit einem Mal zu Nichtigkeiten geworden – hatte Yanya gedacht. Hier im Fenistal fragte niemand genauer nach ihrem Glauben – hatte Yanya gedacht.
Ganz so einfach war es allerdings doch nicht.
Angelina hatte sie gestern danach gefragt. "Yanya, woran glaubst du eigentlich?". Woran denn nun? Glaron? Nein. Volo? Wer wusste das schon. Alwyzz, so wie Angelina? Kaum. Schließlich hatte Yanya geantwortet: "An die Vernunft. Ich glaube an die Vernunft, selbst entscheiden zu können, was gut für mich ist." Aber das stimmte so nicht. Im Grunde sehnte sie sich nur danach, so zu sein wie Angelina, Vio oder Vadrak. Sie alle hatten immer etwas gehabt, an dem sie sich festhalten konnten. Yanya fühlte sich, als würde sie ständig fallen, haltlos und ungebremst, nur um irgendwann einmal hart am Grund der Schlucht aufzuschlagen. Außer ihren Idealen und den wenigen Menschen, die ihr wirklich etwas bedeuteten, hatte sie nichts, um sich festzuhalten.

Gestern, als sie mit Angelina nachts in Miras’ Haus gesessen war, hatte die ihr mitgeteilt, dass Dorian sich neuerdings wünschte, Templer zu werden.

Mit einem Schlag fühlte Yanya sich in die Knie gedrückt. Alles, alles kam wieder hoch. Sie war wieder elf Jahre alt, wieder wartete sie auf Vadrak, wieder roch es nach Weihrauch und schwimmendem Kerzenwachs. Später saß sie vor dem Inquisitor Kengrand auf einem Stuhl, während ihr Fragen gestellt wurden, die sie nicht wahrheitsgetreu beantworten konnte. Verflucht. Würden sie denn niemals aus ihrem Leben verschwinden?
Dann beschloss sie, sich zusammenzunehmen. Sie würde genauso rational an die Sache herangehen, wie sie auch arbeitete:

Dorian wollte also Templer werden. Das war nicht so verwunderlich, schließlich hatte Yanya ihm von Vadrak nur die heldenhaftesten Geschichten erzählt – allerdings hatte sie dabei übersehen, dass er seinen Vater nachahmen wollte. Sie war eben doch keine richtige Mutter, sonst wäre ihr das längst aufgefallen.
Schön, Yanya würde ihm auf einem sanften Weg beibringen, was das hieß: Enthaltsamkeit, Demut, Gehorsam. Für einen kleinen Jungen seines Alters bedeutete das: Hinweise darauf, dass Genüsse wie Süßes in Zukunft nichts in seinem Leben zu suchen hatten, Andeutungen darauf, dass es ihm als Erwachsenen nicht erlaubt sein würde, ein Mädchen lieb zu haben in der Art wie Miras und Angi sich liebten, und so weiter.
Wenn er sich davon nicht beeindrucken ließ, würde Yanya eben die zehn Gebote Glarons an die Wand schlagen, Dorian die Todsünden lehren und dann sehen, wie stark sein Wunsch, Paladin zu werden schlussendlich noch wahr.
Vielleicht konnte ihr sogar Dorians kleine Freundin Sianne noch ein wenig helfen. Mal sehen, was sie davon hielt, dass ihr Onkel Paladin werden wollte.

Ohne es zu merken, glitten Yanyas Gedanken nun über zu ihrem eigenen Leben. Was hatte sie das letzte halbe Jahr davon gehabt? Unwillkürlich sah sie an sich hinunter. Noch magerer als sonst. Wie lange hatte sie schon nicht mehr in den Spiegel gesehen? Nein, dieses Abschotten und stumpfe Arbeiten hatte keinen Sinn. Die Lust daran war ihr gründlich vergangen. Es war nur ein verführerisches Mittel gewesen, die Geschehnisse der Vergangenheit zu begraben. Aber jetzt hatte Yanya deutlich genug davon. Genug von all der Trauer um Vadrak, der Ungewissheit um Vior’las Verbleib. Genug von durchwachten und durchweinten Nächten. Ihr Leben sollte sich nicht mehr um Vergangenes drehen. Wozu war sie achtzehn Jahre alt?
Etwas begann sich in Yanya zu regen. Eine Sehnsucht nach der wirklichen, echten Welt. Nach anderen, noch unbekannten Menschen. Nach durchtanzten Nächten, nach bunten Kleidern und Musik. Mit dieser so neuen, eigenartigen Sehnsucht im Bauch schlief sie irgendwann doch noch, müde, ratlos, ungekämmt.
Yanya Larthay ist offline  
Geändert von Yanya Larthay (11.06.2005 um 14:45 Uhr).
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Alt 13.06.2005, 11:07
Gest
#12
Yanya Larthay
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Dorian, ach Dorian. Ihr Brüderchen hatte sich eng zu einer kleinen, weichen Kugel zusammen gerollt und suchte seiner Erschöpfung im Schlaf Herr zu werden. Dieser Tag hatte Enthüllungen für ihn gebracht, die Yanya ganz und gar nicht angenehm waren. Es war soviel Neues auf Dorian eingeprasselt, er musste völlig durcheinander sein. Yanya fühlte sich als völlige Versagerin.
Ein drängendes Verlangen, sich auch einmal an jemandes Schulter zu lehnen, schwappte über sie hinweg. Ob alle Mütter ihre Verantwortung so schwer und belastend empfanden wie Yanya es im Moment tat? Bisher hatte sie immer das Gefühl gehabt, diesen Drahtseilakt ganz gut zu meistern. Aber Dorian war eben keine drei Jahre mehr. Er fing an, Fragen zu stellen, auf die Yanya keineswegs mehr direkte Antworten geben konnte.

Jarod Celduin war heute in Fenisthal aufgetaucht – auch das noch. Eine Weile vorher erst hatte Dorian seiner Schwester erzählt von einer Annabelle, die er im Kindergarten getroffen hatte und die dann mitgenommen worden war. Yanya hatte so lange nicht mehr an ihre Halbschwester gedacht, dass sie erst gar nicht merkte, von wem die Rede war und ihrem Brüderchen nur versicherte, wie sehr es sie freute, dass er eine neue Freundin gefunden hatte. Dorian wurde quengelig – kein Wunder, so eingesperrt wie sie bei dem Wetter alle waren – und wollte unbedingt Angelina besuchen.
Nun gut, Yanya ließ sich weich klopfen und lief mit Dorian hinaus in den Regen, wo sie dann Jarod begegneten, der die beiden freundlich begrüßte und Yanya als „junge Dame“ bezeichnete, worauf diese nur lachend entgegnete, sie sei vielmehr eine zerkratzte Kräuterhexe.
Zu dritt machte man sich auf in den „Grauen Wolf“ um dort zu plaudern. Etwas mulmig war Yanya schon zumute dabei. Ob Dorian schon Ähnlichkeiten zwischen sich und Annabelle bemerkt hatte? Wusste er überhaupt schon von ihrem Vater Jarod?

Nein, Dorian kannte Jarod noch nicht. Die Verhältnisse wurden klar gestellt und sie unterhielten sich oberflächlich zu dritt ein wenig, als Angelina mit einer Freundin im Schlepptau von draußen hereinstürmte und wie ein erfrischender Luftzug die Stube durchfegte. Ihre älteste Freundin bat Yanya um den Gefallen, ihrer Begleiterin doch das Schreiben ordentlich beizubringen. Angelinas Optimismus und Überschwang hatte Yanya natürlich wie immer nichts entgegen zu setzen. Und die Freundin sah auch recht sympathisch aus.
Dorian erzählte wieder von Annabelle und fragte Jarod, ob die Kleine denn entführt worden wäre? Verdutzt sahen die Erwachsenen am Tisch sich an. Yanya fragte sanft: „Was meinst du denn damit, mein Kleiner.“
„Na da waren zwei Leute, die haben Anna mitgenommen!“, erzählte Dorian, als wäre das ganz selbstverständlich.

Yanya war verwirrt und fragte sich schon, was die lebhafte Phantasie ihres Bruders hier verbrochen hatte, als Jarod sich mit einem Schmunzeln erkundigte: „Sah einer der beiden so ähnlich aus wie ich?“
Bald war das Rätsel geklärt: Baron Sogath und seine Frau hatten die kleine Annabelle mitgenommen. Dorian wusste aber noch mehr zu berichten: „Sie haben garstige Sachen über Mama und Annabelles Papa gesagt. Und sie wollten nicht, dass Anna mit nach Fenistal kommt.“
Das war schon weniger harmlos. Yanya konnte es nicht fassen. Sollte der Baron wirklich vor zwei Kindern über deren Eltern und ihre Affäre gesprochen haben? Das durfte doch nicht wahr sein! Hatte Jarod seinem Freund nicht klar gemacht, wie wichtig sein Geheimnis war?
Jarod stellte Annabelle in der Öffentlichkeit immer als seine Ziehtochter dar. Die nächste Schwierigkeit, dabei war Yanya in Gedanken noch gar nicht über die erste hinweg, ergab sich als Angi plötzlich hervorplatzte: „Aber ist sie nicht deine Schwester oder so etwas ähnliches?“ Yanya starrte Angi über Dorians Kopf hinweg fassungslos mit immer größer werdenden Augen an. War denn die Welt nun völlig verrückt geworden? Was dachte Angi sich überhaupt dabei, so etwas vor Fremden und vor Kindern auszuplaudern?
Yanya sah sie sie so scharf und böse an, dass Angi verstummte. Um die Situation zu retten, wich Yanya auf eine aus der Luft gegriffene, völlig stupide Ausrede aus: „Was, Aurelie Sogath? Nein, ich bin überhaupt nicht verwandt mit ihr.“
Kurz wiegte Yanya sich in dem Glauben, die Situation gerade noch gerettet zu haben. Die nächste Unannehmlichkeit sollte aber nicht lang auf sich warten lassen. Dorian sah nicht aus, als hätte er geglaubt was seine Schwester da an Unsinn vom Himmel herunter log. Jarod durchbohrte Angelina mit Blicken und bat Yanya um ein Gespräch unter vier Augen.

Gottergeben erhob sich die junge Frau und folgte Jarod nach draußen. Sie liefen im Regen zu Yanyas Haus, um sich dort zu unterhalten. Woraus diese Unterhaltung bestehen sollte, war ja klar. Und natürlich, Jarod kam gleich zur Sache: „Sie weiß es also.“ Innerlich atmete Yanya tief durch und setzte zu einer Erklärung und Entschuldigung an. Mit dem Versprechen, das sie Angi abnehmen wollte, nie mehr vor nicht Eingeweihten darüber zu reden, sah Yanya das Gespräch für beendet an. Jarod hatte ihr versichert, sich in Zukunft ein bisschen Dorians anzunehmen.

Das kam seiner Schwester gerade recht. Erindor Brithil sollte keinesfalls der einzige Mann sein, zu dem Dorian aufschauen konnte. Er brauchte unzweifelhaft weitere Vorbilder.
Eben wollte Yanya aufstehen und Jarod zur Türe bitten, als dieselbige aufschwang und eine tropfnasse Angelina mit einem protestierenden Bündel auf den Schultern eintrat. Das hatte ja noch gefehlt. Angi setzte Dorian ungerührt auf dem Boden ab und schubste ihn sanft in Richtung seiner Schwester. Mit der ungelenken Aussage: „Er hat ein paar wichtige Fragen.“, trat sie zurück an die Wand und überließ der überraschten Yanya das Feld.
Erst fühlte Yanya unglaublichen Zorn auf Angelina und ihre Verantwortungslosigkeit in sich hochsteigen. War die Freundin nun völlig von Sinnen? Sie mit ihrem ewigen Glauben, dass die Wahrheit schon alles gut werden ließe! Aber ein Kind konnte man nicht mit sovielen grauenhaften, unverständlichen Wahrheiten auf einmal konfrontieren! Wie will man denn einem Kind erklären, warum seine Mutter seinen Vater betrogen hat! Unweigerlich gesellte sich kurz auf Vio und DEREN Verantwortungslosigkeit hinzu. Kurz tauchte in Yanyas Gefühlschaos das Versprechen an sich selbst auf, sich nie nie nie mit einem gebundenen Mann einzulassen.

Hier ein erwachsener Mann, der sich mit einer Frau eingelassen hatte, die sich um zwei Kinder hätte kümmern sollen und nicht einmal offen und ehrlich zu seiner Tochter stand – warum eigentlich nicht? Zuviel Angst um sein Ansehen und seinen guten Ruf? Vio war doch längst tot oder für immer verschwunden, es konnte ihm doch egal sein.

Und dort Angelina, die so gutgläubig und blauäugig war, dass Yanya hätte schreien können. Wie hatte Angi sich diesen Glauben in der Welt in der sie lebte überhaupt bewahrt? Ihre Kindheit war weiß Gott auch nicht so einfach gewesen. Angelina, die von Heirat mit Miras sprach. Dabei war sie doch selbst noch lange nicht erwachsen, sonst hätte sie vielleicht gewusst, dass Lügen manchmal nötig sind, um jemanden zu schützen.

Fast wollte Yanya Angelina schon anfauchen, zu gehen. Ihrer Meinung nach würde dieses Geständnis einen ganzen Haufen an Scherben in Dorian hinterlassen. Es war nicht an Angelina, damit klarzukommen. Dorian aber wünschte sich, dass sie blieb. Nun gut.

Instinktiv fühlte die junge Alchemistin sich an die Wand gedrängt. Hier war kein Entkommen mehr. Dorian würde sich nun wohl nicht mehr mit Ausflüchten abspeisen lassen. Und richtig, die großen, schönen Augen ihres Bruders sahen sie fest an. Er glich seinem Vater mit diesen sicheren, ruhigen Blicken sehr. Aber er glich auch dem Kind, das er war. Ein von Traurigkeit erfülltes Kind, das nicht wusste, warum jemand über seine Mama Böses erzählte. Yanya hatte das übermächtige Bedürfnis, ihn in die Arme zu schließen und vor allem Garstigen zu beschützen. Dorian hangelte sich auf ihren Schoß und forderte von den Erwachsenen, ihm die Wahrheit zu erzählen.
„Ich will wissen, was der Baron gemeint hat.“

Allen im Raume war klar, was sich auch Yanya schon bewusst gemacht hatte: das war jetzt der Zeitpunkt, an dem sie Dorian nicht mehr weiter anlügen konnten. Jarod und Yanya erzählten dem armen Dorian die ganze Geschichte – so sanft und kindgerecht wie es bei einem Leben wie dem von ihren Eltern eben möglich war. Am Ende rückte Dorian damit heraus, dass er von Erindor Brithil schon einiges gehört hatte.
Aber dass Annabelle seine Schwester war, musste nichtsdestotrotz neu für ihn sein. Yanya war unendlich besorgt. Wie viel musste Dorian noch ertragen? Er war doch noch so jung, wie sollte er mit all den Gräueln in seinem kurzen Leben umgehen? Wie damit zurecht kommen? Und konnte sie ihm überhaupt helfen?

Mitternacht war schon vorbei, als endlich alles gesagt und jede wichtige, bisher verschwiegene Begebenheit erzählt war. Nun wusste Dorian wirklich alles.
Yanya fühlte sich leer und ausgelaugt. Dorian rannte zu seinem Kuscheltier, packte es und verschwand in seine Kammer, von wo aus bald sein bitterliches, herzerweichendes Weinen zu hören war. Das bisschen Kraft, das Yanya noch in sich spürte, verwendete sie darauf, Angelina und Jarod hinauszuwerfen, als die auf einmal anfingen, sich zu streiten. Das war wirklich das letzte.
Sollten sie sie doch alle in Ruhe lassen und sich draußen an die Gurgel gehen. Kurz legte Yanya noch die Hand auf Angis Schulter und versicherte ihr mit leiser Stimme, ihr trotz allem nicht böse zu sein. Sie war viel zu erschöpft, um böse zu sein.

Dann betrat sie schweren Herzens Dorians Kammer. Sein Weinen brach ihr fast das Herz. Leise setzte Yanya sich an die Bettkante. Dorian flog in ihre Arme und beichtete, was ihn so bedrückte. Er hatte panische Angst davor, dass Glaron auch Yanya, Angelina und Sianne holen könnte. Er fürchtete sich vor dem Tod! Das war es also, deshalb wollte er Paladin werden! Nur um seine geliebten Menschen zu beschützen. Yanya musste sich sehr beherrschen, um nicht auch zu weinen. Dorians Güte und Herzenswärme waren zuviel. Zusammen kuschelten die Geschwister sich in Yanya größeres Bett. Wenigstens konnten sie sich gegenseitig Halt geben. Das war ja auch keine Selbsverständlichkeit.
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Alt 05.08.2006, 23:29
#13
Yanya Larthay
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3 Jahre.

Vor drei Jahren war Yanyas Blick zum letzten Mal auf Britannias Küste gefallen, die See war aufgewühlt gewesen und so dunkel wie Yanya sich im Innersten fühlte. Ihr Kopf war unerträglich voll mit Erinnerungen gewesen, Bilder geliebter Menschen hatten sich an die Oberfläche gedrängt und sie keine Ruhe finden lassen.

Ausgemergelt und blass hatte sie diese Reise angetreten, Nacht für Nacht gerungen mit den Schatten ihrer Vergangenheit, bloß um immer wieder zum selben Schluss zu kommen: Ich bringe denen, die mich lieben Unglück und Verderben. Dorian zu verlassen war eine Grausamkeit, über die nachzudenken Yanya selbst in ihren düstersten Momenten nicht wagte. Einziger Trost war ihr die Überzeugung, dass Angelina in Fenisthal war und für Dorian da sein würde. Ihr kleiner Bruder war durchaus nicht völlig allein zurück geblieben, aber sie hatte ihm alles genommen was von seiner Familie noch übrig geblieben war.
Yanya konnte zusehen, wie ihre Hände während der Überfahrt langsam geschmeidiger wurden und die Hornhaut, Zeugnis des ewigen Kräuter Pflückens, weicher wurde. Jahrelang hatte sie gearbeitet, um Dorian zumindest ein Leben ohne allzu viele Geldsorgen bieten zu können, wenn er schon Vater und Mutter entbehren musste.
Unzählige Male hatte sie sich beim Kräuter sammeln Beine und Hände aufgeschürft, unzählige Nächte gebrütet über einer neuen Tinktur und unzählige Tage lang hatte sie in sich nach Gefühlen gesucht, die ihrem Alter angemessener gewesen wären, dabei aber nur Schuldbewusstsein, Einsamkeit und die verzweifelte Absicht, eine gute Ersatzmutter sein zu können, gefunden.

Sie saß oft stundenlang vor dem trüben Spiegel in ihrer Kajüte und suchte in ihren Augen nach etwas, das sie selbst nicht benennen konnte. Wenn sie es nicht mehr aushielt, warf sie einen Umhang über und floh nach draußen an Deck. Das Meer bot ihr Ablenkung und ältere, schon lange verheilte Erinnerungen an ihre leiblichen Eltern. Zudem sah es jeden Tag anders aus. Sie schmeckte das Salz auf der Zunge und gab sich den Bildern von damals hin.

Yanya dachte an etwas, das jemand in ihrer frühen Kindheit gesagt haben mußte, denn sie erinnerte sich nicht, wer es gewesen war, nur der sanfte Klang der Worte, ihre eindringliche Melodie, das hatte sie nicht vergessen.

„Kleines, das Knie wird nicht mehr lang weh tun. Siehst du, mit der Salbe ist es gar nicht mehr so schlimm, nicht wahr? Schau, dort draußen ist das Meer. Hörst du die Wellen?
Es lebt schon seit es Menschen gibt und es wird noch da sein, wenn wir schon lang gestorben sind. Dem Meer ist es gleich, was die Menschen tun, die Wellen werden trotzdem weiter über den Sand heran rollen, es wird nicht stillstehen, nur weil ein kleines Erdenwesen verzweifelt ist.“


Seitdem Vior’la und Vadrak verschwunden waren hatte Yanya nicht mehr die Muße gefunden, die Blautöne des Meers oder des Himmels zu bestaunen. Es tröstete sie, nun darin zu versinken und ihre Gedanken fliegen zu lassen wohin sie wollten. Meist glitten sie zurück zu all den Menschen die sie geliebt und verloren hatte.

Ihre leiblichen Eltern waren zu Schemen verschwommen, je mehr Jahre verstrichen, desto spärlicher und durchsichtiger wurden die Erinnerungen. Was geblieben war, waren Eindrücke, Schatten und flüchtige Szenen aus einem einst gemeinsamen Leben. Mamas Geruch nach Kamille, Papas schwere Hand wenn er Yanyas Kopf tätschelte, ein blaues Kleid hinter dem man sich verstecken konnte, Kosenamen und Einschlaflieder. Viel war das nicht, aber es war tröstlich für Yanyas Seele. Bis auf die letzten Erinnerungen, bei denen sie ihre Eltern verloren und das Schicksal sie als Waise nach Britain verschlagen hatte, waren es gute Bilder, die ihr keine Angst einflößten.

So war sie also nach Britain gelangt, adoptiert als Kind von Vior’la Lyth, einer Voloanhängerin, und Vadrak Larthay, Templer und Glarongläubiger. Diese Verbindung machte die Ehe der beiden Zeit ihres Lebens zu einem ewigen Kampf.Dass sie sich geliebt hatten wusste Yanya sicher, das konnte ein Blinder sehen. Aber wohin ihre Glaube sie geführt hatte, das war ein ewiger Kampf gegen sich und den anderen, und schließlich nur der Tod.

Vadrak hatte seinen Gott verraten und damit war sein wahrer Lebensfunken immer mehr verlöscht, verdunkelt von der einzigen Macht, die gegen die Liebe zu seinem Gott gesiegt hatte: die Liebe zu Vior’la.Gegen Ende war von ihm wenig mehr als eine leere, menschliche Hülle geblieben, ausgefüllt von dem Bedürfnis, Vio nahe zu sein, gleichgültig aber gegenüber allem anderen.
Dennoch, eingebettet in diese kleine Familie zu leben, hatte Yanya ein Gefühl des Angekommen-seins verliehen, einen sicheren Anker in ihrem Leben, und diese beiden Menschen, die ihr auf lange Zeit Eltern waren, hatten ihr einen Bruder, Dorian, geschenkt.

Es war weiß Gott nicht leicht, denn so wie Vior’la und Vadrak nun einmal geschaffen waren, zogen sie allerhand Aufmerksamkeit auf sich. Yanya hatte vieles gesehen in der Zeit mit den zweien und einiges getan, worauf sie nicht stolz war.
Sie hatte einen Inqusitior absichtlich angelogen, war in ein Kloster eingedrungen mit der Absicht, wertvolle Bücher und Relikte zu stehlen, weil Vadrak entführt worden war und die Entführer Lösegeld verlangten. Yanya hatte ihren Ziehvater dem Alkhol verfallen sehen, als Vio sich mit ihm gestritten und für eine Weile fortgegangen war, sie hatte sich eingelassen mit einem der unsterblichen Wesen, miterlebt wie Vior’la verschwunden und ohne jegliche Erinnerung an das Leben davor wieder aufgetaucht war, und am Ende ihren eigenen Vater, denn das war Vadrak zweifelsohne geworden, den Flammen übergeben, als er eines Morgens tot in seinem Bett lag. Vior’la war eines Tages nicht lange danach spurlos verschwunden. Nie wieder hatte eine Menschenseele etwas von ihr gehört. Ihre halberwachsene Tochter hatte Nachforschungen in Britain angestellt, doch außer einem Namen, Vorian Elion, hatte sie nichts erfahren, das Vio zurückbrachte. Yanya hatte lange gebraucht, sich ihren Tod einzugestehen. Vior’la liebte ihre Kinder, sie hätte sie niemals so lange alleine zurück gelassen. Das hieß für Yanya, Vio war ums Leben gekommen. Wenn sie auch oft vor ihren Dämonen geflohen war, immer hatte sie ihre Lieben wissen lassen wohin.

Dorian brauchte Schwester, Mutter und Vater in einem. Irgendwann war Yanya dann an dem Punkt angelangt, an dem sie glaubte sterben zu müssen vor Erschöpfung und Überforderung und der schlimmsten aller Ängste: sie würde nicht genügen. Sie konnte nicht den Haushalt führen, arbeiten und gleichzeitig genügend Zeit für Dorian aufbringen.

Sie hatte sich auf den kalten Boden gelegt und zum ersten Mal seit Jahren zugelassen, dass Verzweiflung, Angst und Wut auf diejenigen, die sie zwangen, zu sein was sie war, überrollten, sie hatte ohne einen Laut von sich zu geben die Tränen über ihre Wangen laufen lassen und sich ihr Versagen eingestanden. Immer war Yanyas einziger Wunsch gewesen, im sicheren Schoß einer Familie leben zu dürfen, doch ihre beiden Familien waren zu Bruch gegangen.

Da hasste sie Vadrak und Vior’la geradezu. Wie konnten sie das alles zulassen, wie konnten sie einfach sterben und sich aus der Verantwortung stehlen? Wie konnten sie einen kleinen Sohn bekommen und ihn dann allein lassen? Diese eine Nacht lang hatte Yanya es zugelassen, dass das Andenken an ihre Zieheltern, das ihr kostbar war wie ein Juwel, zu bröckeln begann. Am Morgen sah sie ein: sie liebte Vadrak und Vior’la immer noch, egal wie wenig sie am Ende dem kostbar gehüteten Ideal entsprachen. Sie waren Menschen, Menschen die schwach wurden, liebten, und deren Leidenschaften zu groß für sie selbst wurden.

Die wenigen anderen Passagiere ließen das junge Mädchen meist in Ruhe. Yanya wollte allein sein mit ihren Gedanken und richtete von sich aus kaum das Wort an andere Menschen. Ihren wahren Namen hatte sie hier nicht genannt, auf der Passagierliste war sie eingetragen als ‚Lana Mirall’. In Britain würde sie immer die Tochter von Vadrak sein, dort wohin das Schiff fuhr, wollte sie diese alte Haut abstreifen, wollte nicht mehr darauf achten, wem sie ihren Namen sagte und wer sie aus den Augenwinkeln heimlich beobachtete.
Yanyas dunkelbraune Augen ruhten auf einem Bild von Dorian, das sie in das alte Gebetsbuch von früher gemalt hatte. Es war nicht sonderlich gut, aber man erkannte seine Gesichtszüge mit ein wenig Kenntnis des Jungen wieder. Yanya musste immer über den Ausdruck in Dorians Gesicht lächeln, bei dem einen unweigerlich das Gefühl überkam, dieser kleiner Junge wisse mehr über die Welt als man selbst. Sollte sie ihm schreiben, wenn sie angekommen war? Im Grunde ihres Herzens kannte Yanya die Antwort. Natürlich sollte sie, wie würde Dorian sonst wissen, was geschehen war? Wie sollte er die Ungewissheit ertragen können?
Eine andere Stimme in Yanyas Innerem fragte sie allerdings etwas anderes.. willst du eigentlich zurück? Willst du ihn leiden lassen, nur weil du selbst zu schwach bist? Besser er denkt, du bist fort und kommst nicht wieder. Besser so…

Faerlan
Lana Marall musste sich an einem Matrosen abstützen, als sie ihren Fuß wieder auf festen Boden setzte. Entgegen aller Naturgesetze schien die Erde sich unter ihren Beinen in Pudding verwandelt zu haben. Der ältliche, vom Wetter gezeichnete Mann grinste gutmütig und half ihr zu einem Fass, auf das er sie mit Nachdruck bugsierte, ihr den Sack mit ihren Sachen in die Hände drückte und versprach: „Wird schon wieder Mädel, musst nur n’Weilchn abwartn, dann dreht sich gleich alles viel weniger.“ Gleich darauf war er im Trubel verschwunden, verschmolzen mit den Massen an Menschen.

Yanya vertrieb sich die Zeit bis der Schwindel vergangen war damit, sich an ihren neuen Namen zu gewöhnen. Es wäre unangenehm, wenn ihr hier der richtige Name entschlüpfen würde. Von nun an hieß sie Lana Marall. Yanya Larthay war in Britannia geblieben, dieser Name zählte hier nicht mehr. Sie wollte ihn und alles, woran er gebunden war nicht in dieser neuen Stadt, in diesem neuen Land wissen.

Während das Schiff ausgeladen wurde und das Leben um Lana her brodelte, Fischhändler sich gegenseitig brüllend übertönten und dreckige Kinder dazwischen geschickt Fische von den Holzständen stahlen, dachte die junge Frau sich eine Geschichte für sich aus. Am besten war es, wenn sie vorgab, eine große Familie in Britannia zu haben. Es war immer besser, die Menschen wissen zu lassen man sei nicht allein auf der Welt. Das hieße, jemand würde nach einem suchen, wenn etwas passierte.

Sie würde sagen, ihre Familie besäße eine Mühle und sie sei eines der sechs Kinder. Zuhause war sie nur ein Esser zuviel, deshalb wollte man sie verheiraten. Ihr Mann, ein Alchimist, sei dann aber gestorben und sie habe nicht mehr zurück gewollt in die Mühle. Auf diese Weise konnte sie auch ihr Wissen die Kräuterkunde betreffend erklären, und behaupten, sie sei ihrem Mann bei seinen Geschäften zur Hand gegangen. Deshalb war sie nach Faerlan gekommen, um neu anzufangen.

Müde ließ Lana sich auf ihrem Faß zurücksinken und überlegte, wie sie weiter vorgehen wollte. Sie brauchte Arbeit, soviel war sicher. Auf dem Schiff hatte sie schon beschlossen, sich nicht am Hafen eine Unterkunft zu suchen. Hier verbarg sich einfach zuviel zwielichtiges Gesindel und nachts war es für ein Mädchen purer Selbstmord, an einem Ort wie diesem allein zu sein. Lana hatte gelernt, auf der Hut zu sein. Zu oft in ihrem Leben hatten Verbrecher, Templer oder welche von Vior’las Leuten sie oder ihre Familie ans Messer liefern wollen, und sie würde es niemandem mehr leicht machen, der das im Sinn hatte.
Sie würde also weiter in die Stadt hineingehen und sich in einem ruhigen Viertel ein Zimmer nehmen. Für den Anfang hatte sie etwas Geld dabei, aber länger als zwei Wochen konnte sie damit nicht auskommen. Außerdem wollte sie hier nicht bleiben, sondern weiter ins Land hinein.
Lana bückte sich nach ihrem Sack, und als sie wieder aufsah, blinzelte ein neugieriges, grünes Augenpaar sie an. Ein kleiner, dunkler Junge, der wohl aus dem Süden kommen mochte, schaute ihr ins Gesicht. Er war vielleicht um die acht Jahre alt, etwas zu dürr und groß für sein Alter, und er trug bloß eine arg lädierte Hose aus einstmals grünem Leinen. Lana lächelte ihn an und in dem schmalen Jungengesicht sah sie das Lächeln widergespiegelt. „Was machst du hier?“, wollte er wissen. Lana grinste: „Sitzen.“ „Ist doch langweilig.“ „Wirklich? Ach ich finds ganz spannend zuzuschauen.“ Skeptisch zog der Junge die Nase kraus und raunte dann im Verschwörerton: „Ich weiß einen viiiieeel aufregenderen Ort!“ Lana machte das Gespräch Spaß. Sie hatte beinah den Klang ihrer eigenen Stimme vergessen während der Überfahrt, so wenig hatte sie davon Gebrauch gemacht. Sie ließ sich auf die Geheimniskrämerei des Jungen ein und lehnte sich vor: „Was gibt es denn da so außergewöhnliches?“ Der Kleine ließ seine Hand vorschnellen und packte Lanas. „Na komm schon, ich zeigs dir!“

Lanas dunkelbraune Locken wirbelten, als sie dem Frechdachs durch die fremden Straßen hinterherlief. Sie genoss die Bewegung und das Stakkato ihrer Füße auf dem Pflaster. Zulange war sie auf dem Schiff zur Untätigkeit verbannt gewesen, doch gerade sie war es gewöhnt, den ganzen Tag von hierhin nach dorthin zu laufen. Sie wichen schimpfenden, eiligen Dienstmädchen aus, stießen ein paar Mal beinah mit vorbeipreschenden, geschniegelt aussehenden Reitern zusammen und hielten schließlich vor dem Hintereingang eines Hauses. Atemlos stützte Lana sich mit den Händen auf den Knien ab und versuchte, wieder Luft zu kriegen. Ihre Wangen hatten sich von der Anstrengung gerötet, und auch die Seeluft hatte ihr übriges getan, um sie nicht mehr wie ihr eigener Geist aussehen zu lassen.

Kumpelhaft streckte ihr der geschäftige Führer die Hand hin „Ich heiß Makal, aber alle sagen bloß Mak zu mir.“ Lana ergriff sie und drückte sie dankbar, um sich dann zum ersten Mal mit ihrem neuen Namen vorzustellen und seinen Klang auszuprobieren. „Lana Marall. Lana reicht aber.“ Ja, sie mochte den Namen. Erhitzt wischte sie sich mit der Hand eine Locke von der Stirne. Mak schien die Förmlichkeiten für erledigt zu betrachten, nickte und zog Lana mit sich durch den Hintereingang. Eine überwältigende Geruchskulisse drang auf sie ein.

Offensichtlich hatten sie Stallungen oder ein Gehöft betreten. Das erklärte auch die Magie, die dieser Ort auf Mak ausübte. Pferde zählten sicher zu den aufregendsten Geschöpfen im Leben eines Straßenjungen. Augenblicklich fühlte Lana sich hier sicher. Der Geruch von Stroh, das Wiehern, das beruhigende Schnauben der Tiere ringsum, all dies wirkte auf sie ein und tat ihr wohl.
Aufmerksam ließ Lana ihren Blick durch die Stallungen schweifen. Es schien ein wirklich weitläufiges Gebäude zu sein, auf der der Straße abgewandten Seite waren die Innenwände aus soliden Baumstämmen gebaut. Die Fenster führten allesamt auf den Hof hinaus, der einen Blick auf ein reges Treiben verhieß. Rundherum bildeten drei weitere längliche Gebäude ein Viereck und umschlossen den Hof in der Mitte. Mak drückte sich neben Lana und sog den Geruch ein, als wäre es Muttermilch. Sie lachte über die Begeisterung des Jungen, aus dem es hervorbrach: „Isses nich grandios? Oh, du musst Jonas sehen!“. Maks Augen strahlten Lana an. Man konnte sehen, das war seine Welt hier. Lana fragte neckend: „Jonas ist wohl ein Pferd, was? Ist es der Apfelschimmel dort hinten?“ Mak kicherte: „Aber geh, ein Pferd kann doch nich Jonas heißn. Ein Pferd heißt Amos oder Rovin oder Tarella.“

Erschrocken fuhr Lana herum, als in der Nähe jemand brüllte. Es war aber nur ein Disput zweier Stallburschen, der von den Herumstehenden mit einem Grinsen kommentiert wurde. Mit wichtig aussehenden Gesichtern führten schlaksige Jungen trächtige Stuten durch den Hof, stritten zwei wüst aussehende Schmiede in einer Ecke und dazwischen ein Wiehern, Stampfen und Schnauben, dass man kaum sein eigenes Wort verstand.
Lana war so gefangen genommen, sie fühlte sich fast betäubt von dem Trubel draußen, als eine Männerstimme sie in der Betrachtung störte.

„Wen hast du denn da aufgelesen, Mak?“ Lana drehte sich um. Zwei blaue Augen lächelten sie wohlmeinend aus einem braun gebrannten Gesicht an. Das war Jonas, und es war auf einen Schlag um Lana geschehen…

Jonas
„La, wach auf. Wach auf, es ist nichts.“ Sie riss die Augen auf, schweißgebadet und in Panik. Er beugte sich über sie und berührte sanft mit den Fingern ihre Wangen. Sie konnte die Sorge in seinen Augen beinah greifen und legte leise stöhnend die Hand über die Augen. „Verzeih, ich habe schlecht geträumt“, kam ihr leise über die Lippen. Jonas’ Augen ruhten schweigend auf ihr. Er glaubte ihr nicht, sie konnte es spüren. Die Frage, die ihm auf den Lippen lag, stand zwischen ihnen in dem kleinen Raum. Er stand langsam auf und griff nach der Stundenkerze auf dem Nachtisch. Lana horchte auf seine Schritte im Dunkeln. Er war nach unten gegangen, um die Kerze am Küchenfeuer zu entzünden. Sie hätte seine Schritte unter hundert Männern erkannt. Leise trat er wieder ein, der Raum wurde mit seinem Eintreten von dem warmen Kerzenlicht erfüllt.

Jonas nahm neben Lana auf dem Bett Platz und sah sie an.
„La, das ist es doch nicht. Da ist noch mehr.“ Es war schwer, es war furchtbar, ihn anzulügen.

Ihre Dämonen quälten sie seit zwei Wochen, und Jonas war jede Nacht davon neben ihr, weckte sie und hielt sie fest bis sie einschlafen konnte. Bilder von früher spukten durch ihren Kopf, Dorian erschien ihr im Traum und sah sie verächtlich an, weil sie ihn verlassen hatte. Lana durchlebte als Yanya immer wieder Momente ihres Lebens, die sie zwei Jahre lang aus ihrem Geist verdrängt hatte. Sie fühlte das rissige Holz, das sie aufrichteten, um Vadrak die letzte Ehre zu gewähren unter ihren Fingern im Traum, war verwirrt wenn sie aufwachte und statt des kleinen Jungen, den sie erwartet hatte, einen erwachsenen Mann neben sich zu finden. An manchen Morgen fiel es ihr schwer, Vergangenheit und Gegenwart zu trennen...

Sie spürte, wie Jonas begann zu zweifeln. Bisher hatte sie behauptet, schlicht greuliche Dinge zu sehen in der Nacht, von Alpträumen gequält zu sein, die sie einfach so überfielen. Er wiederholte es, diesmal mit einer Sicherheit in der Stimme, die Lana verbot, noch einmal eine Ausflucht zu erfinden. „Da ist noch mehr, nicht wahr?“. Sie blickte ihn an und schloss die Augen. „Ich bitte dich, frag mich nicht danach.“ „La, was ist es, das du glaubst mir nicht erzählen zu können? Glaubst du, es erschreckt mich so? Lana, sag es mir!“ Sie biss die Zähne zusammen. Das war unerträglich. Flehend sah sie ihn an und wisperte: „Ich kann nicht. Du würdest es nicht verstehen.“ Frustriert gab er zurück: „Woher willst du das wissen?“ Lana schüttelte nur ihren Kopf. Eine Locke berührte ihn an der Wange. Sie zuckte zurück. Zuckte zurück und bereute es im selben Atemzug, denn es sagte soviel. Wenn das sonst passierte, lachte er immer und drehte sich eine davon um den Finger. Jetzt sah er nur verletzt aus von Lana, ihren Worten, ihren Geheimnissen, hielt seine Hand vor die Kerze, drehte sich weg und blies sie aus.

In diesem Zustand ertrugen sie einander noch ein vier weitere Monate. Entlieben ist ein schleichender Prozess. Eines Morgens erwachte Lana noch vor dem Morgengrauen und fand statt Jonas einen Zettel neben sich, auf dem stand

La, es geht nicht mit uns beiden. Geh, woher du kamst und lauf nicht mehr davon. Es holt dich sonst immer wieder ein. Ich denke an dich, wo immer du auch sein wirst.



Yanya Larthay verschwand fast in dem Gewühl von Menschen, die sich an der Reling drängten und ihrer Heimat Faerlan Lebwohl zuriefen. Längst war die Menge unter Deck verschwunden, als sich schmale, weiße Hände noch immer an das Holz klammerten und brennende, braune Augen einer neuen, alten Zukunft entgegensahen.
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Alt 22.08.2006, 22:31
#14
Yanya Larthay
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Heimkehr

Seit einer Stunde schon saß Yanya im kalten Gras und betrachtete in der Dämmerung die Lichter von Fenisthal. Nachdenklich saß sie dort, den schmalen Rücken an die Eiche hinter sich gelehnt, mit den Händen ihre Schläfen reibend, weil sie nicht wusste, wie sie es anstellen sollte.
Die ganze Überfahrt lang hatte sie sich den Kopf darüber zerbrochen, mit welchen Worten sie Dorian und Angelina entgegentreten würde, doch nun, nur ein paar Schritte vor dem Ziel hatte der Mut sie verlassen. „Feigling“, murmelte sie leise, „reiß dich am Riemen“. Doch selbst das hatte nicht die erhoffte Wirkung, die Kälte kroch ihr allmählich in die Glieder und Yanya hauchte in ihre Hände, um sie zu vertreiben. Ehe sie endlich eine Entscheidung fällen konnte, wurde diese ihr abgenommen. Ein lebhaftes Wiehern war zu vernehmen, und aus der Dämmerung trabte ein Yanya nur allzubekanntes Pferd auf sie zu - unverkennbar Leya, Angelinas vielleicht zweitliebste Freundin auf dieser Welt.

Die Stute schnaubte und neigte sich neugierig herab zu der sitzenden Yanya. Bei Angelinas Anblick, die Leya folgte, vergaß Yanya alles, was sie sich bisher an Erklärungen zurecht gelegt hatte. Wie erwachsen die kleine, stämmige Angi von früher geworden war! Sie hatte etwas von ihren Muskeln eingebüßt, zurückgeblieben war eine schöne, junge Frau mit kunstvoll geflochtenen Haaren und - das fiel Yanya als nächstes ins Auge - ohne Bewaffnung, eigentlich sehr unüblich für Angelina. Stumm verharrte Yanyas beste und älteste Freundin, bis sie sich aus der Erstarrung löste, einen Schritt auf Yanya zumachte, die sich zögernd erhoben hatte, nicht sicher, wie Angelina reagieren würde, und sie in die Arme schloss.

Diese atmete ruhig in Angis Armen aus, schloss für einen Moment ihre Augen und dankte den Göttern für diesen Menschen, der sie hier empfing, als hätte sie nicht ihrer Vergangenheit einfach den Rücken gekehrt und sich Hals über Kopf in ein falsches Leben gestürzt. Sie würde nie zum Ausdruck bringen können, wieviel ihr diese eine Umarmung bedeutete, egal was danach noch kommen mochte. Egal, was ihr Angi oder sie selbst sich noch vorwerfen würden.

Wenige Zeit später saß sie Angelina Auge in Auge in ihrem alten Haus gegenüber, auf kaputten Möbeln, inmitten eines Meers aus Staub, Erinnerung und Spinnweben und versuchte, ihr die Erklärung zu geben, die sie verdient hatte. Schonungslos mit sich selbst öffnete sie Seite für Seite die Blätter ihres Lebens für Angelina, gestand ihre Verzweiflung und ihre Bitterkeit ein und konnte doch nie die Worte finden, die alles entschuldigt hätten. Als Angi sie fragte, ob sie sich überhaupt bewusst sei, dass sie gedacht hätte, Yanya läge tot und verfaulend in irgendeinem Wald konnte diese nur still nicken. Was hatte sie ihr auch entgegenzusetzen?

Angis Großherzigkeit und Zuneigung ließen es bei dem einen Ausbruch bewenden. Die beiden umarmten sich wieder und Yanya unterdrückte die Tränen, so sehr übermannte sie dieses Gefühl von absoluter Freundschaft, der selbst so ein Verrat keinen völligen Schaden zufügen konnte. „Ich weiß nicht, ob ich dir je vergelten kann, wie du mir einfach verzeihst.“ Und sie wusste es wirklich nicht..

Auf die Frage, was Angi davon hielte, wenn sie Dorian nicht so überfiele, sondern ihm stattdessen einen Brief schriebe, meinte Angelina, sie wäre sich fast sicher, Dorian bevorzuge den direkten Weg, doch Yanya sollte es machen wie sie glaubte es sei richtig.

Arm in Arm verließen sie das vernachlässigte Haus und machten sich auf einen Spaziergang. Yanya war neugierig auf Britain und staunte über all die Dinge und Gebäude, die sich in drei Jahren verändert hatten. Erst als sie die Stadt ein gutes Stück hinter sich gelassen hatten, fiel Yanya auf, wohin der Weg führte. „Sag, hat es einen Grund warum wir den Weg zum Kloster nehmen?“ Angelina lachte nur: „Es ist doch ein schöner Weg.“, und sagte nichts weiter. Yanya zog die Nase kraus. Ganz traute sie dem Frieden nicht. Sie kannte Angi zu gut, um nicht zu vermuten, dass sie etwas im Hinterkopf hatte. Tatsächlich verlangsamte diese ihren Schritt erst vor den Toren des Klosters. Yanya schluckte. Die hohen Mauern wirkten ebenso bedrohlich wie früher, nichts hatte sich verändert. Mit steigendem Unmut versuchte sie, das Gefühl niederzukämpfen. Es verflog, als eine Jungengestalt an die Gitter trat und der Blondschopf, der fast schon so groß wie Yanya geworden war, die beiden aus seinen grünen Augen, die denen seiner Mutter schmerzlich ähnlich waren, Angi und Yanya höflich grüßte, ehe er merkte wer vor ihm stand.

Wieder brauchte Yanya sich nicht wappnen gegen einen einzigen Vorwurf, Dorian flog in ihre Arme und die Geschwister hielten sich fest - eine kleine Ewigkeit in einer angehaltenen Zeit. Yanyas Herz drohte, unter diesem Glück zu zerbersten. In Gedanken schickte sie Jonas ein Dankeschön, denn er hatte ihr den Impuls in die richtige Richtung gegeben und sie dazu getrieben, zurückzukehren.
Dorian zog die beiden Mädchen ins Kloster hinein, obwohl sie beide sich wohl innerlich sehr einig darüber waren, dass sie nicht eben gerne an diesem Ort weilten. In dem ruhigen, beschaulichen Hof wartete bereits ein in seine Bücher vertiefter Mensch darauf, für eine Audienz bei Vingril Kengrand vorgelassen zu werden. Als Yanya den Namen vernahm, lief es ihr kalt über den Rücken.
Sie hatte nichts vergessen.. nur ein Lidschlag und sie roch wieder das Weihwasser, spürte die Hitze auf den Wangen und sah den Inquisitor drohend und riesig groß vor sich sitzen. Sie war noch ein Kind gewesen, aber sie hatte nichts vergessen. Dann war er also wieder in Britain. Bei dem Gedanken, sich freiwillig hinter diese abgeschlossenen Gitter begeben zu haben, wurde Yanya übel. „Für Dorian, du tust das für Dorian!“, hämmerte es hinter ihrer Stirne.

„Ich musste schon so lange auf eine Audienz warten“, erzählte der Kleine seiner Schwester und Angelina mit bittendem Blick. Zwölf Jahre war er nun alt, seine klugen Augen betrachteten die Welt, sein wacher Geist beschäftigte sich mit ihr. Dorian stellte sich viele Fragen, zuviele, dachte Yanya manchmal. Mak, der kleine Straßenjunge aus Faerlan, hätte Dorian einen „richtigen Nachdenker“ genannt.
Die drei saßen lange auf der Bank, während von drinnen zahlreiche Stimmen zu vernehmen waren. Angelina betonte, sie friere sich die Zehen ab. Erst zu diesem Zeitpunkt merkte auch Yanya, wie kalt es geworden war. „Lasst uns in die Bibliothek hinaufgehen“, schlug Dorian vor. Yanya war nicht allzu wohl dabei, lieber wäre sie unter freiem Himmel geblieben, wenn sie auch in der Regel von der Verlockung einer Bibliothek kaum lassen konnte. Doch da drin war alles nur noch mehr überladen mit Erinnerung. Andererseits hatte sie es manchmal gehörig satt, immer mit einem Fuß in der Vergangenheit zu leben. Das bewog sie auch, mit Dorian zu gehen. Es war schließlich nur eine Bibliothek! Vior’la und Vadrak waren lange fort, ihren Kindern wollte niemand etwas Böses und sie hatten auch nichts getan, was irgendjemandes’ Anstoß erregen konnte.

Zu dritt stiegen sie die Stufen hinauf, doch sie waren kaum in dem mit Büchern überladenen Raum angekommen, als Inquisitor Kengrand ihnen schon gefolgt war und sie hieß, ihm ins Refektorium zu folgen. Yanya sah ihn flüchtig an, vermied aber einen direkten Augenkontakt. In besagtem Refektorium waren sie wieder angehalten, zu warten. Dorian wurde langsam immer unruhiger, und Angi stichelte, jetzt würde er ja erkennen, wieviel er den Templern wert war. Sie meinte es nicht böse, kam aber genau wie Yanya wohl nicht sonderlich gut mit Dorians Wünschen zurecht. Er fühlte sich wohl hier als einziger von ihnen.. um ihm die Zeit besser zu vertreiben, schüttelte Angelina ein Märchen aus der Tasche, das sie alle ablenkte. Yanya konnte nur immer wieder staunen über dieses Talent, Geschichten zu erzählen und Dorian hing an Angis Lippen. Schließlich ging auch diese Geschichte zuende und die Warterei wurde ihnen zu dumm. Sie stiegen wieder hinunter in den Hof, wo eben jemand von der Garde abgeführt wurde, der das Tun der Gardisten nur ständig mit einem bemüht überlegenen Grinsen kommentierte. Schließlich und endlich dachte Dorian schon, er würde nun an die Reihe kommen, doch zog Inqusitor Kengrand Aledan Celnath vor und bat Dorian, noch zu warten.
Seufzend setzten sich die drei wieder. Dieses Gespräch nahm allerdings tatsächlich weniger Zeit in Anspruch, und Dorian wurde hineingeholt, während Angi und Yanya sich auf die Treppe setzten und warteten.

Angi hakte nach wegen Jonas und Yanya versuchte, ihn zu beschreiben. Sie schloss leise lachend mit den Worten: „Er wäre dein Traumprinz gewesen.“, weil Angi als Kind ja unbedingt später einmal mit Pferden arbeiten wollte. Auf der dunklen Treppe gestand Angi ihr, sie habe Miras fast betrogen mit einem gewissen Kyren. Yanya hob vielsagend die Augenbrauen, sagte aber nichts weiter dazu. Sie genoss das Gefühl, mit Angi reden zu können als wären sie nie getrennt gewesen. Das macht wohl eine wirkliche, echte Freundschaft aus. So eine Freundschaft wie diese gab es nur einmal im Leben, das wusste Yanya einfach.
Nach einer Weile trat Dorian aus der Tür und lächelte - offensichtlich war es ein fruchtbares Gespräch gewesen. Angelina wünschte Kengrand eine gute Nacht, worauf er bloß antwortete, er wisse schon gar nicht mehr, wie sein Bett aussähe. Yanya gluckste, als Angi hinter seinem Rücken trocken bemerkte: "Klein."

Unter zahlreichen Höflichkeiten verabschiedete man sich am Tor, und Yanya atmete tief auf, als sie das Kloster ein paar Schritte hinter sich gelassen hatten. „Er hat dich nicht erkannt“, vermutete Dorian auf dem Nachhauseweg.
Yanya murmelte: „Das finde ich gar nicht so schlecht.“

Doch vielleicht musste sie ihre Meinung von Vingril Kengrand auch revidieren. Dorian sprach gut von ihm, und er brauchte jemanden, zu dem er mit seinen Fragen über Glaron gehen konnte. Es war vielleicht Zeit, anzuerkennen, dass sie dafür schlichtweg ungeeignet war und dieser merkwürdige, ernste Templer sehr gut. Über diesem Gedanken schlief Yanya schließlich erschöpft an Dorians Seite ein, glücklich, ihn wiederzuhaben und endlich dort angekommen zu sein, wo sie in Wahrheit hingehörte.
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#15
Yanya Larthay
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Gehversuche
Am Nachmittag des nächsten Tages kehrte Yanya von einem Spaziergang zurück und wandte sich auf dem schmalen Weg zu Angelinas und Miras’ Haus. Ihr eigenes musste erst einer gründlichen Entrümpelung unterzogen werden. Es war alles voller Staub, die Möbel schienen voller Holzwürmer und der Boden war übersät mit Mäusedreck. Sie klopfte an Angis Türe und wurde eingelassen, doch Yanya war nicht der einzige Besuch. Strahlend stellte Angelina ihr Kyren vor und Yanya unterzog ihn unauffällig einer genauen Betrachtung. „Er ist mir sehr ähnlich, weißt du“, hatte ihre Freundin gestern Nacht gesagt. Angelina bewirtete beide mit heißer Milch und Kyren bot Yanya mit ausgesuchter Höflichkeit an, ob sie nicht näher am Feuer sitzen wolle. Eine Weile unterhielten sie sich mit Geplänkel, das man eben so bespricht mit Fremden. Beruf, Herkunft, Wohnort.. all so etwas. Angi hob Kyrens Fähigkeiten als Schreiner hervor, und kam gleich auf Yanyas arg lädierte Wohnstatt zu sprechen.

Weil Angelina Angelina war, und vor Tatendrang nicht zu bremsen, nahmen sie das Vorhaben, Yanyas Haus wieder wohnfähig zu machen, gleich in Angriff. Da fegten die Besen, da wirbelte der Staub! Unbarmherzig verbannte Angi Möbel, orderte neue und hieß ein paar helfende Hände aus Fenisthal, den Raum anders aufzuteilen. Yanya war überfordert und verlor in dem Durcheinander an Menschen rasch die Übersicht. Sie sah Angelina lachend und mit Bewunderung an, denn diese kommandierte ungerührt die Helfenden von hierhin nach dorthin, ohne sich aus dem Konzept bringen zu lassen.
Am Ende des Tages hatten fleißige Handwerker Yanya weitere Wände eingezogen, sie besaß jetzt ein Bad, eine richtige Küche und keine Tische und Sessel mehr. Kyren verpflichtete sich, ihr sofort neue Möbel zu schreinern. Wie der Wind war Angi herumgefegt, bis kein Fitzelchen Staub mehr zu finden war, die Spinnen Hals über Kopf getürmt waren, und jedes Tüpfchen Dreck zur Tür hinausgefegt war. Zufrieden drückte Angi ihrer Freundin einen Kuss auf die Stirne und war mit beschwingtem Schritt hinaus.

Yanya ließ sich mit sich selber lachend auf den blank gefegten Boden fallen. Das war Angi, wie sie leibte und lebte. Weil Yanya natürlich nicht unbedingt mit Geld gesegnet war, hatte Angi ihren Protest, das alles wäre doch unleistbar, mit einer flüchtigen Handbewegung abgetan und das fehlende Geld aus eigener Tasche bezahlt.

Zwischen all den Aufräumarbeiten war ihnen die glänzende Idee gekommen, dass sie doch bei Tari anfragen könne, ob sie nicht einen Alchemielehrling brauchte. Je länger Yanya darüber nachdachte, desto besser gefiel ihr dieser Gedanke. Im Grunde arbeitete sie nicht gerne alleine, hatte es aber oft wegen Dorian getan, weil sie dann zu Hause ihre Tränke mischen konnte. Doch nun war Dorian ja schon zwölf Jahre alt und Yanya konnte in Erwägung ziehen, tatsächlich im Heilerhaus zu arbeiten - das hieß, wenn Tari sie dort anstellte.

Angesteckt von Angelinas Bedürfnis, immer alles was anstand gleich und gut zu erledigen, steckte Yanya den Umhang fest und zog sich eine Mütze über den Kopf. Es war noch nicht so spät am Abend, sie konnte doch gut und gerne gleich nach Britain gehen und Tari nach einer Arbeit fragen. Den Weg durch den Wald fanden ihre Füße wie von selbst. Hier hatte sich nicht viel geändert, bloß einige Schößlinge ragten zwischen den altbekannten Eichen, Birken und Apfelbäumen aus dem Boden.
Yanya lächelte, als sie an etwas dachte, was sie auf der Überfahrt von einer alten, kränklichen Frau aufgeschnappt hatte, die ihrem Enkel erklärt hatte: „Zuhause ist nicht, wo du die Bäume kennst. Zuhause ist, wo sie dich kennen.“

Sie fand den Weg ins Heilerhaus gleich wieder, ohne sich zu verlaufen. In diesem Viertel war nicht soviel gebaut worden wie am Hafen. Die Anweisung an der Tafel außen beherzigend, einfach einzutreten, ohne zu klopfen, wollte Yanya eben Folge leisten, als jemand hinter sie trat und ihr die Türe aufhielt. Im ersten Moment verblüfft, weil sie gar nicht bemerkt hatte, wie dieser jemand näher gekommen war, trat Yanya ein und grüßte einen schon etwas betagten, älteren Herrn hinter der Theke im Vorraum. Sie fragte höflich, ob Tari anwesend sei, was er sogleich verneinte. Ein wenig enttäuscht trat Yanya zur Seite, doch der Fremde, der ihr die Tür aufgehalten hatte, lächelte ihr zu, stellte sich mit „Gwescan Asturone“ vor, erklärte, dass er auch hier als Heiler arbeite, und fragte, ob er ihr nicht helfen könne. Zögernd erklärte Yanya sich, woraufhin er ihr anbot, sie herumzuführen.

Vom ersten Augenblick an fühlte sie sich wohl, das war merkwürdig und ihr noch nicht oft passiert. Das Gespräch glitt mühelos dahin wie Wasser in einem Fluss, es war ganz leicht, zu scherzen und Bemerkungen fallen zu lassen, die ihn zum Lachen brachten. Umgekehrt war es nicht anders. Yanya fühlte sich seltsam, ja, erfrischt in der Gegenwart dieses Mannes, dessen kleine Lachfältchen davon kündeten, dass er sein Leben wohl im Allgemeinen mit dieser Mischung aus Frohsinn und Wortwitz in Angriff nahm. Er zeigte ihr die Schlafsäle und erklärte, manchmal kämen Frauen aus dem Kloster vorbei, um diese zu säubern, allerdings hätten sie ein wenig Probleme mit dem Blut und dem Erbrochenen der Patienten. „Euch macht das bestimmt nichts aus, nicht wahr..?“ Schmeicheln konnte er also auch, selbst in so einem skurrilen Zusammenhang. Yanya fühlte sich gegen ihren Willen um den Finger gewickelt, entgegnete aber amüsiert grinsend: „Ich habe einen kleinen Bruder. Über Erbrochenes kann mir eigentlich keiner etwas neues erzählen.“

Sie setzten sich in den Gemeinschaftsraum, und Gwescan bot ihr Glühwein an. Yanya akzeptierte dankend und schaute sich aufmerksam um, während Gwescan nach draußen gegangen war, wohl um Wasser zu holen. Das Bücherregal interessierte sie besonders, und ihre hellbraunen Augen glitzerten erfreut, als sie ein Werk über Alchemie entdeckte. Hoffentlich würde Tari sie aufnehmen.. es war so heimelig in diesem Raum. An der Wand hingen unzählige getrocknete Kräuter, ein Tisch war vollgestellt mit Tränken, die Yanya einer prüfenden Betrachtung unterzog. Gwescan kam wieder und braute über dem Herdfeuer etwas zusammen, das verheißungsvoll nach Zimt roch. Er goss das Gebräu in zwei bereitstehende Tonbecher und stellte Yanya einen hin. Behutsam pustete sie die Hitze weg und strich eine vorwitzige Locke hinters Ohr. Der Wein war heiß, stark und ließ ihre Augen flattern. Es war lange her, seit Yanya zum letzten Mal Alkohol zu sich genommen hatte. Und gegessen hatte sie seit heute Morgen nichts. Aber das war egal.

Der Becher ist leer und man fühlt sich so mutig. Yanya schaut ihre schmalen Hände an der Tischplatte an. Auf dem rechten Handrücken hat sie einen Kratzer, der ist von heute nachmittag. Gwes streicht über ihre Hand und sagt: „Kein Ring?“ Yanya muss lächeln und sagt leise, ihre Stimme klingt belegt: „Hab ich unterwegs verloren.“ Er fragt nicht nach. Klüger so. Langsam beugt er sich näher zu ihr und nimmt eine Haarsträhne. Streicht sie weg und ringelt sie um seinen Zeigefinger, schaut ihr fasziniert in die Augen. Yanya müsste sich fragen, was sie da tut, aber sie denkt gar nicht nach. Es ergibt sich alles von alleine. Sie will jetzt nicht an Jonas und das Loch in ihrem Herz denken. Sie will jetzt bloß den Atem eines anderen spüren, der sie gar nicht kennt und nichts weiß von ihr, außer dass Erbrochenes ihr keine Schwierigkeiten macht. Er berührt sie sanft mit den Fingern an der Wange, flüstert ihr zu, sie brauche keine Angst haben. Wovor denn Angst? Ich doch nicht, sagt sie. Man merkt, sie kann nicht immer so gut lügen. Schon lange hat sie niemand mehr so angeschaut, denkt sie. Das kann er gut. Als sie sich küssen, ist es, als würde die Luft aus Yanya entweichen. Sie verschwindet irgendwohin. Yanya bleibt keine mehr zum Atmen übrig. Die Welt ist ein wenig aus den Fugen. Das kann er auch gut.
Yanya sagt, sie geht jetzt. Haucht ihm einen Kuss auf die Lippen, muss ein wenig lächeln, als er sagt, das könnte doch ihr Geheimnis sein. Kann es. Traut sich nicht, sich noch einmal umzusehen.


Draußen versetzte ihr die kalte Nachtluft einen Schlag. Sie lehnte sich gegen die Tür und fragte den Himmel, wo Vio sei wenn man sie brauche. Ein bißchen wartete sie auf eine Antwort, doch da kam nichts mehr.
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Alt 01.04.2013, 18:26
#16
Yanya Larthay
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Yanya Larthay ging durch die Straßen der Stadt, wie sie seit Jahren durch die Straßen jeder Stadt ging. Sie hielt sich übertrieben aufrecht, beobachtete was um sie herum geschah und musterte aus haselnussbraunen, zurückhaltenden Augen jede Veränderung, die in der Stadt passiert war, seitdem sie das letzte Mal einem Kind hier in die Welt geholfen hatte.
Man hatte einen neuen Brunnen nah der Hauptstraße errichtet. Der Markt schien vergrößert worden zu sein, es gab jetzt einen Stand mit exotischen Fellen. Eine weitere Taverne hatte geöffnet, vor deren Eingang verdächtig viele leichtbekleidete Damen einen Plausch hielten. Das Gewicht der robusten Ledertasche in ihrer Linken spürte sie schon lange nicht mehr. Sie hätte, hochschreckend aus tiefstem Schlaf, ihren Inhalt aufzählen können, den sie immer gleich hielt. Zwanzig Bandagen, vier Scheren in verschiedenen Größen, Salben, eine Zange, drei größere Tücher, vier Libanúamulette.

Manchmal blieb sie stehen, wenn eine Familie sie grüßte und hören wollte, was es aus den umliegenden Dörfern und Städten Neues gab. Sie war freundlich, aber bestimmt, umgänglich, aber zurückhaltend, interessiert, aber reserviert. Ihre Art wurde meistens respektiert, niemand versuchte, sie länger als sie wollte aufzuhalten. Man dachte, sie spätestens in einem halben Jahr, wenn ihre Runde sie wieder hierher führen würde, wiederzusehen. Yanya war äußerlich nichts anzumerken, sie führte Gespräche wie sonst auch. Innerlich sagte sie in Gedanken den Bäumen, den Wegmarkierungen, den schiefen Häusern, den Steinhäusern, den freundlichen und den armen Familien, den Fischhändlern und den Straßenkindern Lebewohl.

Gegen Abend erreichte sie eine Herberge außerhalb der Stadt. Die Wirtin kannte sie und schickte sie in das übliche Zimmer. Yanya stellte ihre Tasche auf dem wackligen Holztisch ab und legte sich samt staubigem Reiseumhang auf das leidlich saubere Bett. Sie löste ihren festen Zopf, strich sich das Haar aus der Stirne und starrte an die schlecht verputzte Decke. Wenn sie die Augen schloss, kamen die Bilder. Dorian, Angi, Britain.


Mit 20 Jahren war sie von Britain nach Fenisthal spaziert, ein Weg den sie in und auswendig kannte. Sie hatte irgendetwas Dummes vor sich hin gesungen, das wusste sie noch. Es war ein Liebeslied, das sie am Hafen aufgeschnappt hatte. Vor ihr lag ein dunkler Weg an der Küste, aber sie hatte keine Angst vor der Dunkelheit und eine Laterne. Als sie an den Haaren nach hinten gerissen wurde, half ihr die Furchtlosigkeit nichts. Zunächst dachte sie für den Bruchteil eines Moments, man habe ihr einen Streich gespielt, so sicher fühlte sie sich in Britain. Als ihr die Augen verbunden wurden und auf ihre heftigen Proteste hin nur gedämpftes Lachen folgte, setzte die Wut ein. Aber auch die half ihr nicht. Jemand knebelte sie.

Sie fand sich auf einem Schiff wieder. Als Erstes sah sie flatternd schwarze Segel. Zusammen mit etwa zwanzig anderen zusammengeschnürten Menschenbündeln auf Deck wurde ihr die Augenbinde abgenommen. Um sie herum weites, offenes Meer. Yanya hatte nichts als die Kleider, die sie am Leibe trug. Geldbeutel, Schmuck und Schuhe waren ihr abgenommen worden. Als sie in einem Menschenhaufen aus wimmernden Kindern und schluchzenden Frauen saß, biss sie sich in die Faust, um nicht mitzuweinen. Sie beschloss auf diesem Schiff, hart zu werden. Als weiches Menschenbündel würde sie verkümmern. Yanya beschloss, nicht zu verkümmern. Dorian, Angi, Britain, so lautete ihr Gebet. Dorian, Angi, Britain, so schlief sie ein, so stand sie auf. Dorian, Angi, Britain versüßte ihr den grauen Haferschleim und das brackige Wasser. Dorian, Angi, Britain brachte sie durch die nächsten 12 Jahre als Unfreie. Jemand kaufte sie bald.

Yanya beschloss, sich noch härter zu machen. Ihr neuer Herr war Alchemist. Er war uninteressiert am Schicksal seines menschlichen Haushalts, aber liebte Gold. Weil er Gold so liebte, forschte er nach dem Können seiner Untergebenen. Yanya sagte, sie kenne sich mit Kräutern aus. Die nächsten Jahre tat sie, was sie sonst auch getan hatte. Der Unterschied war, sie durfte das Haus nicht verlassen. Sie zerpflückte, trocknete, zerstieß Kräuter. Ihre Hände wurden wieder zerkratzt von Alraunen, rochen abwechselnd nach Kamille, Knoblauch oder Ginseng. In all der Zeit betete sie weiter um Dori, Angi, Britain. Sie betete, und sie hörte zu. Der Alchemist war getrieben von Wissensdurst. Er wollte Geheimnisse lüften, die niemand kannte. Er befragte Kräuterweiblein in seinem Zimmer, während Yanya Kräuter zerstieß, hatte Unterhaltungen mit erfahrenen Medici und mit zwielichtigen Heilern und Magiern. Yanya hörte zu und betete weiter, im Schatten, im Hintergrund. Die drei Worte verließen sie nie.

Ihre Zeit kam, als es Winter war. Es war der kälteste Monat des Jahres, als das Fruchtwasser der Dame des Hauses plötzlich während eines Empfangs auf einen teuren Teppich zu tropfen begann und die Gäste hastig in einen anderen Raum verfrachtet wurden. Der Hausherr war nicht zugegen, man hatte getrunken, es war sehr spät und die Straßen waren tief verschneit. Mit Pferden war kein durchkommen, Kutschen blieben stecken. Das Kind kam zu früh, die Hebamme lebte weit entfernt. Yanya brachte es auf die Welt. Es war gesund und brüllte, ein Bündel voller Leben. Die Mutter war ihr sehr dankbar. Sie fragte, was Yanyas größter Wunsch wäre. Yanya strich sich misstrauisch die Schürze glatt. „Eine Überfahrt nach Britain.“ Mit einem Säckchen Gold, einem Kleid und einem Reiseumhang setzte man sie am Hafen ab.

Und dann konnte sie nicht. Sie schaute das Schiff an, das abfahren würde, sobald der erste Schnee geschmolzen war. Scham und Furcht befielen sie wie eine Seuche. Scham, keine Möglichkeit gefunden zu haben, früher ihre Freiheit zu erlangen. Scham, weil sie sich nicht kümmern hatte können um jene, die ihr nahe waren. Furcht, weil Dorian und Angi mittlerweile tot sein könnten. Furcht vor allem, was wartete wenn sie an Bord dieses Schiffes ging. Yanya drehte sich um und nahm die nächste Straße, die vom Hafen wegführte. Die nächsten 3 Jahre lang wanderte sie an der Küste auf und ab, hütete sich vor der Dunkelheit, brachte Kinder auf die Welt und betete weiter. Sie erlaubte sich keine Ruhe und keine Tatenlosigkeit. Irgendwann schickte eine Schwangere nach Yanya, die schon ein kleines Mädchen hatte. Es versteckte sich hinter einem Waschbottich, während Yanya ihre Schürze umlegte und sich in einem stillen Ritual die Hände wusch. Kindern gegenüber war sie am wenigsten befangen. Sie lächelte die Kleine offenherzig an und hockte sich auf den Boden. Das Kind hielt etwas hinter seinem Rücken versteckt. Yanya bot ihm eine Leckerei an und blieb hocken. Es kam skeptisch dreinschauend näher, Schritt für Schritt. „Was versteckst du denn da, Madira?“ „Puppe!“, kam es stolz zurück. „Zeigst du mir mal deine Puppe?“ Die Kleine streckte glücklich die Puppe nach vorne. Yanya erstarrte und erhob sich schnell. Das Mädchen lief weg. Die Puppe war eine Zombiepuppe, genau so eine wie Angelina sie besessen hatte, als sie noch klein waren. Yanya brachte den Bruder der Kleinen auf die Welt und packte ihre Sachen. Scham und Furcht spürte sie immer noch, aber sie musste wenigstens den Versuch machen, eine Rückkehr zu wagen.

Als sie die Augen öffnete, war die Decke noch genauso schlecht verputzt, das Gelächter aus dem Schankraum noch genauso laut. Ihre Tasche stand da, wo Yanya sie abgestellt hatte, nichts hatte sich verändert. Dori, Angi, Britain. Morgen legte das Schiff ab, morgen würde sie am Hafen sein. Seit 15 Jahren gehörte ihr Leben zum ersten Mal wirklich wieder ihr selbst. Die letzten drei war sie durch die Welt getrieben, um sich zu finden. Sie würde bereitwillig ebenso viele geben, um zu finden, was ihr genommen worden war.
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Alt 30.03.2014, 15:56
#17
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Alt 30.03.2014, 15:56
#18
Yanya Larthay
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Es hatte gedauert, bis sie sich traute, Britain wieder zu betreten. Menschenansammlungen waren ihr seit Jahren ein Gräuel und die Stadt war, so man den Berichten glauben durfte, im Moment voll mit ihnen. Es dauerte, bis sie die diensthabenden Wachen überzeugt hatte, dass sie keine Spionin des Feindes war, sondern die Schwester von Dorian Larthay. Einst war sie Bürgerin der Stadt gewesen, so erklärte sie geduldig.

Als die Glaronskirche vor Yanyas Augen erschien, stellte sich das altbekannte Schaudern ein, das sie immer durchlief, wenn das steinerne Gemäuer plötzlich sichtbar wurde. So viele Geschichten. So viele Jahre. Immer noch Angst.

Es hatte gedauert, bis sie sich in den Tala traute. Irgendwann wurde es ihr zuviel, von den zahllosen obdachlosen Menschen angesprochen zu werden. Mit der Hoffnung, in Ruhe ein Mahl zu sich nehmen zu können, während sie sich nach Dorians Verbleib umhörte, trat sie ein.
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