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Reisender
Registriert seit: 25 Nov 2003
Beiträge: 72
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Lange Zeit noch, nachdem Angelina das Sternenhimmelhaus verlassen hatte, saß Yanya auf ihrem Bett mit dem leuchtend roten Überzug. Tief verstrickt in ihre Gedanken strich sie ab und an das himbeerrote Kleid glatt, das sie von Vio zu ihrem vierzehnten Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Ihre Hände streiften manchmal über die glatte, wunderschöne Kette, in die „In Liebe, deine Mutter“ eingraviert war. Yanya zuckte kurz zusammen, als sie bemerkte, wie kalt ihre Fingerspitzen waren und schlüpfte unter die Decke.
Ihre Gedanken wurden nur begleitet von Dorians manchmal ruhigen, manchmal schnaufenden Atemzügen. Yanya lehnte sich an die Wand und knetete ihre Finger, damit die Wärme in sie zurückkehrte. Obwohl es Sommer war, war ihr seit Tagen nicht mehr richtig warm geworden. Nur heute, als Angie mit ihrem ernsthaften Gesicht neben ihr gekniet war, hatte sie plötzlich ein Strom von Wärme durchflutet. Vio hatte ihr gesagt, und sie hatte ungewöhnlich streng dabei geklungen, dass der kleine Dorian und Yanya selbst das Haus nicht verlassen sollten, da es zu gefährlich war. Nur unter Zögern hatte sie Yanya erzählt, weshalb sie ihnen verbot, nach draußen zu gehen. Ihr Gesicht war dabei von Schmerz gezeichnet gewesen. Mit stockenden Worten hatte sie Yanya später, als Dorian schlief, berichtet von Vadraks Haft im Kerker. Yanya spürte einen Ruck durch ihren Körper laufen. Ihr Vater – im Kerker?? Vadrak sollte eingesperrt worden sein?? Wie war das nur möglich? Auf Vios Erklärung hin spukte das Wort „Ketzer“ die nächsten Tage ständig durch Yanyas Gedanken. Nun suchte man also auch nach Vior’la, Dorian und ihr selbst. Dorian sollte im Kloster erzogen werden und Yanya als Hexe verbrannt. Das klang alles so seltsam in Yanyas Ohren. Wie fühlte es sich an, verbrannt zu werden? Ihr altes Unbehagen vor Feuer erwachte wieder. Sie hatte schon als kleines Mädchen, nachdem sie erfahren hatte wie Angelinas und Beladinons Vater gestorben war, eine Weile lang höllische Angst vor Feuer gehabt. Vio würde ihnen eine neue Bleibe suchen, das hatte sie versprochen. Yanyas Vertrauen in ihre Mama war unerschütterlich, sie glaubte fest, dass Vio dies auch gelingen würde. Also blieb sie eine Weile alleine mit Dorian, sie wusste ja genau, wie man sich um ihn kümmerte. Allerdings schlief er auch recht oft, was Yanya ungewollte Zeit zum Nachdenken bot. Vadrak im Kerker… es fühlte sich an, als wäre sie plötzlich gelähmt. Lange Zeit hatte sie ihren Vater nicht mehr gesehen, und als sie ihm zum letzten Mal begegnet war, verhielt er sich schrecklich und beantwortete ihre erdrückenden Sorgen mit „die Götter sind mir gleichgültig“. Diese Fragen quälten sie nach wie vor. Angie hatte ihr gesagt, Vadrak war Schuld gewesen am Tod ihres Vaters. Es konnte einfach nicht wahr sein, es konnte nicht! Ruhelos, wie Yanya war, zog sie ein arg lädiertes Buch unter ihrem Kopfkissen hervor, die Seiten drohten schon, heraus zu fallen. Liebevoll streichelte Yanya über den Einband. Ein paar Kinderzeichnungen schmückten die ersten paar Seiten. Die Lettern „Gebetsbuch zu Glaron“ schmückte die erste Seite. Als man sie – vorzeitig – aus dem Kloster in Mantanas Fürsorge gegeben hatte, war das ihr Abschiedsgeschenk geworden. Yanya bemühte sich angestrengt, gestochen scharf und sorgfältig zu schreiben: Ich habe heute Angie besucht, eigentlich hätte ich gar nicht gedurft, weil man Dori und mich erkennen könnte und dann werden wir auch bestraft. Ich weiß immer noch nicht so richtig, weshalb Vadrak eingesperrt ist. Vio sagt, es ist, weil sie sagen er ist ein Ketzer und wir sind auch welche, weil wir nicht an Glaron glauben. Ich weiß gar nicht was ich glauben soll. Angie glaubt an Alwyzz und Vadrak hat mal an Glaron geglaubt und Vio glaubt an Volo. Ist das nicht verwirrend? Es gibt so viele Götter, warum kann man eigentlich nicht alle mögen? Warum muss man sich denn für einen entscheiden? Früher wäre Vadrak sicherlich schrecklich böse auf mich gewesen, wenn ich zu Volo gebetet hätte. Und Vio hätte vielleicht nicht verstanden, wenn ich zusammen mit Vadrak an Glaron geglaubt hätte. Es ist wirklich anstrengend, immer das zu tun, was die andern wollen. Vielleicht sag ich einfach jedem etwas anderes. Aber das wäre auch dumm, oder? Jedenfalls bin ich mit Dorian in der Nacht zu Angie gelaufen, weil ich’s einfach nicht mehr ausgehalten habe und unbedingt mit ihr reden musste. Ich hab mich zwar gefürchtet, weil es stockfinster war, aber Dori war ja bei mir. Er hat ganz selig geschlafen und ab und zu geschnarcht. Ja, wirklich, das kann er schon! Ich bin so stolz auf ihn weil er schon so groß ist und so tapfer. Ich war auch ganz vorsichtig und habe nur Wege abseits der Straße genommen, um nicht einem von den Gardisten in die Hände zu fallen. Die suchen uns nämlich, sagt Vio. Angie war noch wach und hat mich und Dorian in ihr Zimmer gebracht, wo wir den Kleinen hingelegt haben und ich ihr ALLES erzählt hab. Sie hat mir versprochen, mich immer zu beschützen, weil ihr Schwert ja jetzt nicht mehr aus Holz ist und sie eine immer bessere Kämpferin wird. Ich bin so froh, dass sie meine Freundin ist!!!! Ich glaub keiner weiß was Freundschaft heißt, nur Angie und ich, weil wir alles voneinander wissen. Sie hat Dori und mich dann auf einem geheimen Weg am Rand der Sümpfe nachhause begleitet. Ganz schön unheimlich war das, weil ich genau in ihre Fußstapfen treten musste, um nicht im Morast einzusinken. Außerdem hab ich ja noch Dori getragen. Aber die Sonne hat schon geschienen und so mussten wir den gefährlichen Weg nehmen, weil durch die Stadt hätten wir nicht gehen können. Ich hoffe sie kommt bald wieder her, weil ich sie einfach fürchterlich lieb hab!! Und nach Vio hab ich auch Sehnsucht. Und ich will zu Vadrak. Ich werde Jarod Celduin einen Brief schreiben, das ist doch ein Gardist und er ist ein Freund von Vio! Also muss er mich zu ihm lassen, heimlich, damit mich keiner erkennt. Er muss einfach!! Yanya |
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